Verständigung

Von Mundart zu Literatur inspiriert: Claudia Storz entdeckt in Küttigen einen sprachlichen Turmbau zu Babel

Die Schriftstellerin Claudia Storz, fotografiert im Rosengartenpark in Aarau.

Die Schriftstellerin Claudia Storz, fotografiert im Rosengartenpark in Aarau.

Pfnuchse, nüüsse, niesse - Claudia Storz lauscht in Küttigen einer sprachlichen Vielfalt und erkennt: Kinder von Migrantenfamilien und Kinder von Einheimischen erleben Mehrsprachigkeit - entweder von Dialekten oder Fremdsprachen.

E Studäntin us mim Literaturkurs het verzellt, dass sie als feufjährigs Chind dänkt het, jede Mönsch redi e komplett anderi Schproch us emen andere Land. Sie sig mit drü Erwachsene i de Schwiiz ufgwachse, ere kroatische Muetter, eme serbische Vatter und ere bosnische Grosmuetter, wo alli ihri Heimetschproch gredt händ, dehei. Uf em Spielplatz heg sie immer mit ihrere Schwiizer Fründin Jasmin gspielt. Bevor sie in Chindergarte gange sig, heg sie uf kroatisch zu ihrere Mutter gseit, hoffentlich chönn sie denn ihri Chindergärtneri ganz bald verschtoh. – Sie redt glich wie d Jasmin, heg ihri Mutter uf Kroatisch gantwortet. – Wieso weisch du das, hat sie erschtunt gfrögt?

Sie sig bereit gsi, wider e ganz neui feufti Schproch z’lehre. – Sie heg das aber immer als Vorteil gseh, vierschprochig ufzwachse, d Chinder gönd ganz natürlich mit dem um, het si gmeint.

Mini drü Brüeder und ich händ au Multi-Kulti-Grossfamiliene gründet. Mer händ gli gmerkt, dass es schön isch und mer tolerant dänkt, wämer mit mehrere Schproche, Religione und Kulture zäme läbt. So sind denn Bangalore, Berlin, Valdivia, Osorno, Wien, Luxemburg … und Aarau … eusi verschiedene Heimete. Eusi Eltere sind aber beidi Schwiizer, wänn au ener us Ost und West. Und will mer ein Kilometer vor Chüttige ufgwachse sind, hämmer au im Aargauische es Gmisch! So cha mer mich bitte ned ganz ernscht näh i mim Schwiizer­tüütsch! Und d Schriibwiis isch jo au jedes Mal anderscht. Ich gliiche mich em Hochtüütsche a. Mer Aargauer schriibed emel ned «Meuch» für Milch, wie d Solothurner.

Mer sind eus also i de Familie gwöhnt, mitenand mehreri Schproche zrede, au Änglisch, Spanisch und Hoch­tüütsch. Und jetzt i de Covid-19-Ziit isch es für eus es Problem gsi, dass mer es Vierteljahr so wiit usenand igschpert gsi sind, in Berlin, London, Aarau und Salzburg.

Won ich sälber i die erscht Klass cho bin – z Fuess vom Rombach nach Chüttige – Chindergarte hets denn i Chüttige no keine gha – han ich gli gmerkt, dass sogar s Aargauertüütsch cha vertrackt si. Min Vatter het eus zum Zmorge en «Ahau mit Anke» gschmiert, wo mini Muetter denn ener en «Aschnitt mit Butter» beschtriche het und mini Chüttiger Fründin het dem chnuschperige Mürggel denn «Aheuel» gseit!

So händ mini Brüdere und ich mängisch als Chind grätslet, was chönnt i Chüttige ächt es «Gürbsi», was «pfnuchse», was «müpfe» heisse? De Vatter, wo i Solothurn ufgwachsen isch, het am «Gürbsi» Gigetschi gseit und euses Mami Bütschgi. Apfel-­Kerngehäuse het das denn i de Schuel­sprach gheisse! Und ich ­gsehne, dass im neue Hunziker-­Lexikon Gürbsi und Bütschgi als guet aargauerisch gälted!

Bim «pfnuchse» isch s wider andersch gsi, de Vatter het niesse gseit – mit eme Diphthong und scharfem ss, und ned mit langem i wie die Tüütsche – und sMami het nüüsse gseit. S Chüttiger «pfnuchse» hämmer erscht spöter verschtande und es het für eus fascht e chli öppis Unaschtändigs gha! Immerhin tönt pfnuchse so wüescht wie das Grüüsch, wo s macht, es isch «onomatopoetisch», so würded au d Chüttiger Sprachforscher und Linguischte zu dere Schprachpoesie säge!

Im Italiänische oder Japanische chönnt mer es Wort wie pfnuchse mit drüü Konsonante am Afang gar nid usspräche, die bruuched überall en Vokal dezwüsche! Die chönd jo ned emol Psycholog oder Storz säge, min eigne Name wär i Japan öppe Sotoruzu! I mim Schprachstudium schpöter händ mich d Dialäkt beschäftigt und ich ha glehrt, dass mer vo de ganze Schwiiz, im Aargau (nämlich nur zwüsche Bade und Aarau) es Schwiizerdüütsch redt, wo am Hochtüütsche am ähnlichschten isch! I de Täler, im Suhre- und Wynetal und ebe i Chüttige, Aschp und Deischpere – wiicht de Dialäkt denn aber fescht vom Hoch­tüütschen ab.

Won ich chürzlich emol e Gschicht uf Dialäkt gschribe ha, het mi de Korrektor druuf ufmerksam gmacht: Mer seit im Aargau ned schtüpfe, mer seit «müpfe»!

Ich ha mich aber gwehrt: Ich seig im Rombach bi Aarau ufgwachse, det sägi mer scho schtüpfe! Denn sig i aber i Chüttige i d Schuel gange – d Gränze vom Rombach lig ned emol ein Kilometer vo Chüttige ewäg, det sägi mer ener «müpfe». Ich sig aber bitte schön us em Rombach…

De Turmbou zu Babel i Chüttige!

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