Literatur

Von Mussolini, Hitler und ein versinkendes Heimatdorf: Das entwurzelte Leben einer Frau im Südtirol

Einziger Zeuge der untergegangenen Heimat: Der Kirchturm von Graun im Reschensee im Südtirol.

Einziger Zeuge der untergegangenen Heimat: Der Kirchturm von Graun im Reschensee im Südtirol.

Das Südtirol ist heute vor allem eine beliebte Tourismusregion. Marco Balzano erzählt in seinem neuen Roman aus weiblicher Perspektive überzeugend von der Entwurzelung der Region zwischen Faschismus, Nazis und einem Staudamm.

Wie hundert andere Touristen steht der italienische Bestsellerautor Marco Balzano 2014 am Ufer des Reschensees im Südtirol – und blickt auf den Kirchturm, der einsam aus dem Stausee ragt. Das Gedränge auf dem Steg, der für die Selfie-Jäger eine ideale Schussposition hergibt, stösst ihn ab. Er spürt, dass dieser Ort, wo zwei Dörfer mit ihren gesprengten Häusern versunken sind, sich eigne, «eine private und persönliche Geschichte anzusiedeln, in der sich die historischen Abläufe spiegeln und die Möglichkeit bot, ganz allgemein über Verantwortungslosigkeit, über Grenzen, über Machtmissbrauch und die Bedeutung des Wortes zu sprechen». Und er benennt im Nachwort seines Romans gleich seine Botschaft:

Marco Balzano.

Marco Balzano.

Dass ein Schriftsteller im Nachwort gleich selbst über Motiv und Absicht seines Romans Auskunft gibt, ist ungewöhnlich und meist sogar schädlich. Es droht Tendenzliteratur mit eindimensionaler Botschaft. Und wenn Bolzano dann auch noch eine tapfere weibliche Hauptfigur wählt, dann muss man eine Mischung aus Rührseligkeit und Heldinnenepos befürchten. «Ich bleibe hier» hat es denn auch bereits auf Anhieb in die vorderen Ränge der Bestsellerlisten in Deutschland und in der Schweiz geschafft. Also dramatische Weltgeschichte in einen Unterhaltungsroman verpackt?

Lebenschronik in Briefen an die verlorene Tochter

Nun, Marco Balzano hat sich intensiv mit der Geschichte dieser Talschaft beschäftigt, Archive durchforstet und Zeitzeugen befragt. Sein Roman hält sich minutiös an die äusseren Fakten. Balzano hat trotzdem keine trockene Chronik geschrieben, sondern eine stimmige literarische Form gefunden, um die Tragödie der Entwurzelung an einer einzelnen Familie zu schildern. Sein Roman ist von einem melancholischen Ton geprägt und die Erzählperspektive zeigt den literarischen Anspruch, der zugleich die einfache Sprache erklärt: Trina, Bäuerin und Deutschlehrerin, die man sich als alte Frau vorstellen kann, schreibt an ihre früh verlorene Tochter Marica, die diesen Brief nie erhalten wird: «In all den Jahren habe ich mir immer vorgestellt, dass ich eine gute Mutter gewesen wäre. Selbstbewusst, strahlend, liebenswürdig.» Die Weltgeschichte hat aus ihrem zunächst fröhlich-ambitionierten, freigeistigen Frauenleben das Gegenteil gemacht: erschöpft, mürrisch.

Es wird eine 280 Seiten lange, reflektierte Lebenschronik, in der sie vom Verlust der Heimat und der Familie berichtet: Von Mussolinis Verbot der deutschen Sprache 1923, der Besetzung durch die Nazis, dem Weltkrieg bis zum Bau des Staudamms, der ihr Dorf 1949 überflutet – und gleichzeitig vom Verlust der Tochter, die nach Deutschland verschwindet und nie wieder auftaucht. Trina hingegen wird das Tal nie verlassen, an der Seite ihres Ehemanns Erich, der sich als Einziger gegen den Staudamm wehrt.

«Gott ist Hoffnung für jene, die keinen Finger rühren»

«Es schien, als käme die Geschichte nicht bis hier herauf. Sie war wie ein Echo, das verhallte», schreibt Trina. Aber das halbe Jahrhundert verändert das karge, idyllische Bergtal ab 1923 radikal. Der Roman erzählt es in drei Teilen. Trina berichtet im scheuen, charmanten Ton von der Jugend, als sie lieber Mädchen küsste, als Deutschlehrerin Berufsverbot hat – und das Dorf vor der bitteren Alternative steht: «Auf Adolf Hitler zu hoffen, war die einzige Rebellion.»

Gut hält Balzano dann die Sprache nüchtern. Melodramatisches kann er sich trotzdem nicht verkneifen: An Trinas Hochzeitstag wird die Lehrerkollegin in Handschellen abgeführt, ihr Sohn wird zum glühenden Nazi. Trinas Mann Erich desertiert und flieht mit ihr im zweiten Kapitel in die Berge, wo sie fast verhungern. Das dritte Kapitel wird zum Abgesang: Statt Frieden zu finden, verbeissen sich Trina und Erich in einen unbeholfenen Protest gegen den Staudamm – und gegen die trägen Dorfbewohner: «Gott ist die Hoffnung für jene, die keinen Finger rühren wollen», so Trina.

Da wird der Roman zur Schwarz-Weiss-Malerei, in der die Haltung des Autors durchscheint. Die Staudammarbeiter scheinen wie stumme Sklaven, die Ingenieure wie Betrüger. Nach der Enteignung und Erichs Tod bleiben Trina eine winzige Wohnung, ein TV-Gerät und die Briefe an ihre Tochter. Trotz literarischer Schwächen ist «Ich bleibe hier» ein vielschichtiges Buch mit melancholischem Subtext: Trinas Jugendglaube, Wörter würden sie retten, erweist sich als Irrtum.

Buchcover. Marco Balzano

Buchcover. Marco Balzano

Marco Balzano Ich bleibe hier. Roman, aus dem Italienischen von Maja Pflug, Diogenes, 286 Seiten.

Meistgesehen

Artboard 1