Jubiläum

Vor 30 Jahren starb Friedrich Dürrenmatt: Warum er uns immer noch beunruhigt und inspiriert

© Hansruedi Kugler

Ein doppeltes Jubiläum steht bevor: Vor dreissig Jahren, am 14. Dezember, starb Friedrich Dürrenmatt. Vor hundert Jahren, am 5. Januar, wurde er geboren. Der Jahrhundertautor bleibt als lachender Apokalyptiker und als politischer Provokateur unsterblich.

Was soll man mit einem solchen Klassiker anfangen? Mit einem, dessen berühmte «Physiker» und die «Alte Dame» bereits in der Schulzeit durchgekaut worden sind? Ist er zu Tode gespielt? Keineswegs! Die Alte Dame klackt ihr Prothesenbein als ein zeitlos-gruseliges Rachesignal gegen Bigotterie und Käuflichkeit immer und immer wieder auf die Bühnenbretter der globalen Theaterwelt. Sie wird uns überleben – und mit ihr der Dramatiker Friedrich Dürrenmatt. Aber sonst?

Es sind mindestens vier weitere Gründe, weshalb der Jahrhundertautor noch lange wie ein lachender Meteor über uns torkeln wird. Denn vereinnahmen liess er sich nie. Nie reihte er sich ein in das Gefolge einer Partei, einer Ideologie, einer Religion – und blieb ein scharfzüngiger Selbstdenker und Aussenseiter, oft mit ruppigem Humor, meist erfrischend und überraschend.

1) Das Gelächter über die Apokalypse

Man vermisst wohl genau dies: sein ungeheuerliches Gelächter. In der Schweizer Literatur überwiegen ja die bescheidenen Grübler. Und Humor, auch in schwarzer Einfärbung, würde man dem hiesigen Literaturschaffen auch mehr wünschen. Womöglich hat Dürrenmatts Antipode Max Frisch nachfolgende Generationen zu sehr geprägt. Was war das doch für ein Künstler, der wie ein barocker Fürst über dem Neuenburgersee thront, durch sein riesiges Teleskop ins Weltall starrt und mit schallendem Gelächter den apokalyptischen Weltzustand immer wieder neu als Mafia-Veranstaltung verspottet!

Friedrich Dürrenmatt hatte nicht nur sein Leben lang Hunde, sondern auch viele Vögel. Hier 1980 mit seinem Kakadu Lulu.

Friedrich Dürrenmatt hatte nicht nur sein Leben lang Hunde, sondern auch viele Vögel. Hier 1980 mit seinem Kakadu Lulu.

Sein Lebensstil und sein Auftreten waren Ereignis genug, ihm einen Ehrenplatz zu sichern. Ein üppiger Genussmensch, legendärer Weinsäufer und Provokateur. Ein Egomane, der als Dramaturg die Intendanten und Regisseure auf die Palme brachte, weil er alle Stücke, auch Shakespeare, in eine Dürrenmatt-Dramaturgie umgeschrieben hat. Er war ein spendabler Zeitgenosse, der seinen Freund Ludwig Hohl durchfütterte – und vor allem ein anhänglicher Ehemann. Wenn man seine Briefe an Lotti liest, begegnet einem ein zartbesaiteter Mann, der verzweifelt gegen deren Depressionen anschreibt und sich nach jedem Seitensprung reumütig entschuldigt.

Friedrich Dürrenmatt und seine Frau Lotti bei Proben zum Stück «Der Meteor» im Jahr 1966 am Schauspielhaus Zürich.

Friedrich Dürrenmatt und seine Frau Lotti bei Proben zum Stück «Der Meteor» im Jahr 1966 am Schauspielhaus Zürich.

Ulrich Weber hat in seiner neuen Dürrenmatt-Biografie unter anderem diese Seiten des Autors belegt, auch die Spitalaufenthalte wegen Diabetes und Herzinfarkten. Erschütternd: Lottis Asche habe er allein und heimlich im Garten vergraben, nach 36 symbiotischen Ehejahren. Die Kinder waren nicht eingeweiht, fanden es barbarisch. Eher erinnert man sich an den witzigen Dürrenmatt, immer für eine Pointe gut: Etwa, als er am Bankschalter eine Million Schweizer Franken verlangte, die ihm in bar bereitgestellt wurden. Er gab sie gleich zurück, wollte nur mal so viel Geld vor Augen haben.

2) Das autobiografische Spätwerk gilt es noch zu entdecken

Heute, da das autobiografische Schreiben von Karl Ove Knausgard bis Annie Ernaux omnipräsent ist, wirkt Dürrenmatts eigenwilliges Verhältnis zum Autobiografischen inspirierend. Privates liess Dürrenmatt nämlich erst in späten Jahren an die Öffentlichkeit und schloss es lange Zeit kategorisch aus seiner Literatur aus. Er gehöre nicht zu den Exhibitionisten unter den Schriftstellern, die ihren Fall zur Welt machen, schrieb er und zielte auf Max Frisch. Er selbst habe umgekehrt die Welt zu seinem Fall gemacht, sah zuletzt den von ihm trotzdem bewunderten Frisch als die notwendige Korrektur seines Schreibens.

Mit Max Frisch 1963 im Zürcher Restaurant Kronenhalle.

Mit Max Frisch 1963 im Zürcher Restaurant Kronenhalle.

Als Dramatiker hatten sie sich zu Höchstleistungen angestachelt, 1956 gar an einem gemeinsamen, nie beendeten Drama gearbeitet. Warum Dürrenmatt dennoch in den «Stoffen» 1981 und 1989 Autobiografisches preisgab? Er sah ja ein delikates Problem: Schämen würde er
sich, sein privilegiertes Leben angesichts des Schicksals von Millionen anderen «schriftstellerisch zu verklären».

Friedrich Dürrenmatt in seinem Arbeitszimmer, ca. 1962.

Friedrich Dürrenmatt in seinem Arbeitszimmer, ca. 1962.

Aber den Ballast angehäufter und Fragmente gebliebener Stoffe wolle er loswerden. Seine Autobiografie sei darum die Geschichte dieser Stoffe, die sein schriftstellerisches Denken insgesamt ausmachten. Weil er Erinnerung mit Essays und für ihn typischen Parabeln verschränkt, wird das zum Ereignis.

Die Erinnerungsbilder sind bereits mit Groteskem gesättigt. Das Dorf Konolfingen: am ehemaligen Hinrichtungshügel gelegen, umgeben von Schlösschen, deren letzter Besitzer betrunken erfroren war; das Sagenspiel
im Theatersaal endet mit einem Bergsturz; die Lokomotiven am Bahnhof urweltliche Kolosse; der reichste Mann im Dorf ein frömmelnder Zahnarzt;
die Bibel der Mutter ein Buch der Katastrophen – und die Erkenntnis: Das Dorf sei nicht die Welt, sondern werde «von der Welt bestimmt, vergessen oder vernichtet».

Im Gymnasium habe er sich wie ein im Labyrinth gefangener Minotaurus gefühlt; auch bekennt er, in seiner Jugend habe ihm «ein nebulöses Parteinehmen für Hitler» für die «Opposition gegen die väterliche Welt» gedient. Kurze Zeit habe er sich gar einer frontistischen Jugendorganisation angeschlossen. Es sei eine dilettantisch-groteske Veranstaltung gewesen.

Da kommen viele Elemente seiner späteren Dramen zusammen. Besonders interessant ist das problematische Verhältnis der Kindheitsmuster zur späteren Weltdeutung. Dürrenmatt setzte sich mit diesem grossen Buch dem Risiko aus, als einer zu gelten, der noch als Erwachsener die Welt mit erschreckten Kinderaugen als groteskes Labyrinth und den Menschen als «ein Raubtier mit manchmal humanen Ansätzen» sieht.

3) Politisch ist er schwer einzuordnen und bleibt spannend

Auch wenn Friedrich Dürrenmatt im Gegensatz zu Max Frisch und Adolf Muschg nie Wahlkampf für die Sozialdemokraten gemacht hat: Ein bürgerliches Publikum öffentlich zu blamieren, scheint ihm Freude bereitet zu haben. Die 15 000 Franken Preisgeld des Grossen Literaturpreises des Kantons Bern 1969 verschenkte er noch vom Rednerpult herab an drei Aussenseiter. Unter anderen an den Militärdienstverweigerer und Zivildienst-Initianten Arthur Villard.

Noch zwanzig Jahre später bemerkte er in seiner berühmten Rede «Die Schweiz – ein Gefängnis» für den tschechischen Dissidenten Vaclav Havel bissig, dass die Schweiz ihre eigenen Dissidenten der Gewaltlosigkeit, eben die Militärdienstverweigerer, ins Gefängnis stecke.

Friedrich Dürrenmatt (links) schüttelt Vaclav Havel bei der Vergabe des Gottlieb-Duttweiler-Preises 1990 in Zürich die Hand.

Friedrich Dürrenmatt (links) schüttelt Vaclav Havel bei der Vergabe des Gottlieb-Duttweiler-Preises 1990 in Zürich die Hand.

Er meinte das Bild der Schweiz als Gefängnis eben nicht nur als Metapher, sondern auch konkret und nicht nur auf den Fichenskandal gemünzt. Die anwesenden Bundesräte Furgler und Koller hätten ihm danach den Handschlag verweigert, erzählte er später.

Sein Bonmot «Die Abschaffung der Armee wäre ein ungeheurer Akt der Vernunft» hielt 1996 Verteidigungsminister Adolf Ogi nicht ab, mit Selbstironie eine Ausstellung Dürrenmatts zu eröffnen. Die Schweiz also keine Tragödie, sondern eine gemütliche Posse? Dürrenmatt ein Pazifist?

Wenn man 1987 sein Verständnis für den sowjetischen Einmarsch in Afghanistan hörte, konnte man sich wundern:

Sie hätten 50 Millionen Muslime im eigenen Staatsgebiet, sagte er mit Blick auf den Fundamentalismus.

Dürrenmatt der Prophet? Jedenfalls ein beunruhigender Provokateur: «Ich sehe die Alte Welt in einem erbittert geführten Wirtschaftskrieg», sagte er noch 1989. Das kommt einem bekannt und aktuell vor, wenn man an Trump und Xi Jinping denkt. Spöttisch beschrieb er 1967 einen Schriftstellerkongress in Moskau als «politische Messe mit einer festgelegten heiligen Liturgie». Ein Sozialist war er nie. Als Konservativer mag man ihn verstehen, weil er überzeugt war, dass der Mensch und mit ihm die Welt nicht zu bessern sei.

Dazu passt sein ätzender Kommentar zu wieder aktuellen Weltraumfantasien:

Friedrich Dürrenmatt Schweizer Schriftsteller

Friedrich Dürrenmatt Schweizer Schriftsteller

Mit der Mondlandung 1969 habe kein neues Zeitalter begonnen, «sondern der Versuch, sich aus dem unbewältigten 20. Jahrhundert wegzustehlen». Dass dazu das Existenzrecht Israels gehört, bewies er 1974, in einer Zeit, als viele die palästinensischen Terroristen als Freiheitshelden sahen, mit einem 240 Seiten dicken Buch – ohne Spott, mit grosser Loyalität: «Ich stelle mich hinter Israel.»

4) Das Versäumnis, ihm den Nobelpreis zu überreichen

Marcel Reich-Ranicki, der den «Besuch der Alten Dame» 1956 auf Polnisch übersetzt hatte, sagte 2001:

Marcel Reich-Ranicki: Legendärer Literaturkritiker.

Marcel Reich-Ranicki: Legendärer Literaturkritiker.

Der Dürrenmatt-Biograf Ulrich Weber vermutet dahinter ein Dilemma. Das Nobelpreiskomitee habe wohl ein Problem umschiffen wollen: Wem von den Schweizern, Frisch oder Dürrenmatt, wäre der Preis eher oder zuerst zuzuerkennen? Nur: Auch in anderen Ländern gab es solche Konstellationen, in Frankreich etwa zur ähnlichen Zeit mit Sartre und Camus. Beiden wurde nacheinander der Preis zuerkannt. Und auch beim Büchnerpreis bestand das Dilemma. Max Frisch erhielt die wichtigste Auszeichnung der deutschsprachigen Literatur 1958, Dürrenmatt erst 1986.

Lesetipp: Das Gesamtwerk von Friedrich Dürrenmatt ist im Diogenes Verlag erschienen. Empfehlenswert ist zudem das Werk von Ulrich Weber: Friedrich Dürrenmatt Eine Biografie Diogenes, 713 Seiten.

Lesetipp: Das Gesamtwerk von Friedrich Dürrenmatt ist im Diogenes Verlag erschienen. Empfehlenswert ist zudem das Werk von Ulrich Weber: Friedrich Dürrenmatt Eine Biografie Diogenes, 713 Seiten.

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Hansruedi Kugler

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