Politische Revolution
Vor 50 Jahren starb Che Guevara - mit seinem Tod wurde ein Mythos geboren

Vor fünfzig Jahren wurde in den Bergwäldern Boliviens der Comandante einer kläglich gescheiterten Rebellion erschossen. Am gleichen Tag war damit ein Mythos der Moderne geboren, der Che. Er strahlt als einziger Stalinist im kapitalistischen Pop-Himmel. Das zeigt die triviale Vermischung unserer Träume und Bilder.

Max Dohner
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Che Guevara
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Sie verscharrten Ches Leichnam, um keine Erinnerung zuzulassen, aber sie fotografierten ihn zuvor im Stil emblematischer Bilder. Getty Images
Auch er mit offenen Augen, aber anders: Der tote Christus, gemalt von Hans Holbein, zu besichtigen im Kunstmuseum Basel. HO

Che Guevara

ullstein bild

Vor Jahren kehrte ein Aargauer Schreinermeister zurück von einem Kuba-Besuch in sein langgestrecktes Dorf. Im Gepäck manches Souvenir, in den Ohren klassisch kubanische Lieder. Darunter unauslöschlich dieses eine Stück: «Hasta siempre, Comandante», die Che-Guevara-Hymne schlechthin, geschrieben von Carlos Puebla (1917–1989), übersetzt u. a. auf Deutsch von Wolf Biermann («Christus mit der Knarre»).

Nähern sich in Havanna, vorgebeugt und lächelnd, jeweils Strassenmusiker den Touristen, wünschen diese – neben der unvermeidlichen «Guantanamera» – regelmässig «Hasta siempre, Comandante» zu hören. Und die Combo, lauter abgekochte Profis, trägt die Weise dann auch wunderbar schmerzlich vor. Die Touristen sind gerührt: so viel Trauer, auch fünfzig Jahre nach Ches Märtyrertod! Dabei hängt den Kubanern der Kleister einfach zu den Ohren raus.

Dennoch bleibt die Melodie ein Meisterstück des Genres, sozusagen Kubas Antwort auf die Pekingoper. Ein anderes Beispiel, etwas neueren Datums, ist «Si el poeta eres tu», von Pablo Milanés («Der Poet bist doch du»).

Das Pathos hier wie dort ist enorm; Che erscheint als «der vollständigste Mensch unserer Zeit» (Jean-Paul Sartre). Bei Carlos Puebla so: «Deine starke und ruhmreiche Hand feuert über der Geschichte. Hier bleibt die klare makellose Durchsicht deiner Präsenz.» Während Pablo Milanés singt: «Jener, der in tausend Jahren farbige Sterne herunterholte, bist du.»

Kein Wunder, ging auch dem Aargauer Schreinermeister das Lied nicht mehr aus dem Kopf. Als Mitglied des Dorf-Musikvereins regte er an, Ches Hymne ins Repertoire zu nehmen. Und beim nächsten Bettags-Konzert vor dem Altersheim im Strauss der bewährten Märsche aufzuführen. Die Seniorinnen und Senioren hatten keine Ahnung, wie viel Revolutionsromantik zu ihren Balkonen heraufscholl, aber sie seufzten versonnen, sie wiegten die Köpfe.

Hätten sie etwas geahnt – was wäre schon passiert? Noch mehr Rührung, vielleicht gar Tränen. In den Che waren die Damen, jede einst eine Rote Zora der WG, ja alle verliebt. Che reiste Befreiungskriegen nach wie Lord Byron; er schoss wie Robin Hood nur zum Guten; er sah aus wie vom Winde verweht; und er wurde jung gemeuchelt von den Bösen. Die realen Dorfschlakse damals hatten es in der WG wirklich schwer. Wer nicht die halbe Nacht lang Revoluzzerbullen des Comandante deklamierte, hatte für die zweite Hälfte auf den mottenzernagten Matratzen sexuell gar nix verloren.

Schliesslich wollte niemand nur deshalb leben, «weil das Leben eine Angelegenheit ist, die man nicht loswird». Das hatte der junge Che ins Tagebuch geschrieben. Genau das war damals das vorherrschende Gefühl gewesen: Man wollte Aufregenderes zum Spielen als nur Pingpong-Tische im Grossraum-Büro, grössere Verdienste erwerben als den richtigen Güselsack vor die Tür zu stellen, Stolzeres tun als Bälger im Shopping-Center von Sponge-Bob-Videos wegzureissen. Schon gar nicht wollte man gegen Schluss während eines Bettag-Konzerts lauen Tee aus der Schnabeltasse schlürfen.

Ist der Erfolg des Che-Marsches vor dem Altersheim also nur eine Pikanterie des Zufalls, der höhnische Kommentar der Zeit zu allem vergeblichen menschlichen Ringen? Nein, es handelt sich, trotz der satirischen Note, um ein triviales Phänomen: um das ständige Verschmelzen und Vermischen verträumt-vernebelter Hoffnungen.

An der faktischen Wahrheit einer Person, wenn die mal zum Sinnstifter wird, sind die Leute nur noch mässig interessiert – und ab einem gewissen Zeitpunkt überhaupt nicht mehr. Kultfiguren werden ausgehöhlt, damit sie aufgefüllt werden können. Mit Träumen, Sehnsüchten, mit stets neu irisierender Glücks- und Heilserwartung. Wie kein Zweiter wurde so der Che zum modernen Emblem. Um so weit zu kommen, muss einer nicht bloss jung, sondern auch hoffnungslos sterben. Che ist der erste und bisher einzige Stalinist unter den Kultfiguren der Mode- und Werbeindustrie. Einer aus der wirkungsmächtigen Riege für zeitloses Image beim «Branding». Wie Tarzan oder Lady Di, Mickey Mouse und Barbie.

Che im Bier und auf dem Bikini

Swatch, die Uhrenfirma, nannte vor Jahren eins ihrer Modelle «Ché» und sagte, man liefere immer getreue Abbilder der Mode, der Typ sei nun mal «very trendy». Nicht anders sah das ein Mobilfunk-Anbieter. Eine englische Bierbrauerei präsentierte ein «Ché»-Bier. An der Copacabana tauchten schon kurz nach der Erschiessung des Comandante Mädchen in Blusen auf mit seinem Konterfei, ohne genau zu wissen, wofür der rasend attraktive Kerl stand. Folgerichtig zierte der Che bald auch das Bikini-Top von Gisele Bündchen. Madonna und Maradona ritzten ihn auf die Haut.

Fünfzig Jahre nach seinem Tod entfernt sich die biografische Figur Che Guevara Grad um Grad ins Nebulöse (siehe nebenstehenden Artikel), während der Allzweck-Märtyrer weiterlebt in vielerlei Gestalt und Schimären. Eine Popschablone, die überall dort rumgetragen wird, wo irgendwas Rebellisches, Unangepasstes oder auch nur Jugendliches manifestiert werden soll.

Auf religiöse Inhalte bezogen, nennt sich das Synkretismus. Wenn auf Kuba katholische Heilige afrikanische Götter nicht verdrängen konnten im Lauf der Geschichte, ihnen bloss aufgepfropft wurden, warum sollten dann politische Heilige im Lauf der Zeit – sozusagen als Mikro-Synkretismus – nicht auch Moden aufgepfropft werden, bis hin zu bieder dörflichen Ritualen? Vermengt werden mit den unterschiedlichsten Vorstellungen, die einander am Ende sogar diametral gegenüberstehen.

Der Che am Begräbnis des Papstes

Erinnert sei an die Attentäter und Entführer der Lufthansa-Maschine «Landshut» vor vierzig Jahren, als es darum ging, deutsche Terroristen der RAF freizupressen. Ihre palästinensischen Komplizen hatten in Mogadischu T-Shirts getragen mit Ches Porträt.

Che hatte Revolutionären stets geraten, mit Waffengewalt vorzugehen, nicht hasenfüssig bloss mit Flyern und Pamphleten. Hart und unerbittlich, selbst zum Preis von Millionen von Toten, wenn man etwa über ein Atombomben-Arsenal verfügte. Als Bewunderer des Regimes von Nordkorea hätte er während der Kubakrise 1962 die sowjetischen Atombomben noch so gern in Richtung der USA abgefeuert.

Handkehrum erinnere ich mich an die Beisetzung von Papst Johannes II. am 8. April 2005 in Rom. Da campierten zig tausend junge polnische Pilger im Circus Maximus wie Hippies: barfuss mit Klampfe, Lagerfeuer und – unfehlbar – mit Che-Guevara-Leibchen, hier plötzlich ein katholischer Friedensapostel mit weisser Taube.

Man sieht den Tag kommen, da das düstere Mausoleum des Che in Kuba die letzte Station bilden könnte auf einer Pilgerreise, die Anhänger und Anhängerinnen von Mutter Teresa, ausgehend von Kalkutta, via Lourdes und Santiago de Compostela bis nach Santa Clara führen würde. Wo sie alle zuerst «Hasta siempre, Comandante» singen, sodann das Ave Maria zum Beresinalied und am Schluss «Imagine» von Santo John Lennon. Das ist dann wohl die endgültige Globalisierung der Kulte.