Modernes Image für das Cembalo

Die Kammermusik im voll besetzten Marianischen Saal ging mit alter Musik ganz neue Wege: Der Cembalist Mahan Esfahani verband über rockende Bässe hinweg Barock mit neuer Musik.

Urs Mattenberger
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Experimente am offenen Cembalo: Mahan Esfahani justiert im Marianischen Saal die E-Bows. Bild: Philipp Schmidli (Luzern, 17. Februar 2019)

Experimente am offenen Cembalo: Mahan Esfahani justiert im Marianischen Saal die E-Bows. Bild: Philipp Schmidli (Luzern, 17. Februar 2019)

Es gibt kaum ein Instrument, das derart mit der Musik seiner Blütezeit verbunden blieb, wie das Cembalo. Zwar geisterte das Tasteninstrument des Barock im letzten Jahrhundert durch Krimi-Serien wie «Miss Marple» oder «Columbo». Und es gab zeitgenössische Komponisten, die sich wie György Ligeti in «Hungarian Rock» durch die Cembalo-Metal-Ästhetik zu Gitarrengrooves inspirieren liessen. Aber all das änderte nichts am Barock-Image des Instruments, bei dem die Saiten angerissen werden.

Den Einschränkungen, die das mit sich bringt, begegneten französische Komponisten des 17. und 18. Jahrhunderts mit einem Stil, der durch eine elastische ­Ornamentik geprägt war. Und so gibt es auch kaum eine andere Musik, die derart ans Instrument gebunden bleibt. Mit der Folge, dass man heute kaum noch der Tasten-Musik von Couperin oder Rameau begegnet, weil sie nicht ohne Verlust auf den modernen Flügel übertragen werden kann.

Die Entdeckung zu Beginn

Man muss so weit ausholen, um zu verstehen, wieso das Rezital des Cembalisten Mahan Esfahani am Sonntag eine eigentliche Sensation und der Marianische Saal bis auf wenige Plätze voll war. Denn der aus dem Iran gebürtige Amerikaner zeigte mit einem wunderbar klingenden Instrument und Werken vom Früh- bis zum Spätbarock, wie auch das Cembalo von der Originalklang-Bewegung profitieren kann. Aber er erschloss ihm auch Zukunftsmusik, indem er in Steve Reichs «Piano Phase» und einem Werk des Tschechen Miroslav Srnka Elektronik mit einbezog.

Für ein modernes Image des Instruments stand aber schon die Live-Performance. Esfahani erläuterte locker Details der E-Bows, die Schwingungen der Saiten als ätherische Töne über Lautsprecher in den Raum klingen liessen. Vor der sportlich-virtuosen letzten Zugabe – Domenico Scarlatti – zog er das Jackett aus und lockerte Hemd und Krawatte wie vor einer Prügelei.

Wie neu hörte man auch die ganz alten Stücke des Programms. Eine Entdeckung war gleich zu Beginn eine Suite von Jean-Henry d’Anglebert: Da war er von der ersten Note an da, ein Klang, der sich von den profunden Bässen ausbreitet wie ein schweres, sinnliches Parfüm, goldbeglänzt von den in schwerelose Triller und Verzierungen aufgelösten Linien im Diskant. Zusammen mit dem flexibel atmenden Spiel Esfahans lösten sie das Metrum ins Improvisatorische auf, das diese Musik zusammen mit kühn aufgespreizten und getrübten harmonischen Wendungen noch heute unmittelbar modern wirken lässt.

Ein barocker Urahne der Rock-Bässe

Solch fein ziseliertem Barockprunk setzte der Cembalist mit Bachs Italienischem Konzert das Gegenmodell einer instrumentalen Virtuosität nach italienischem Vorbild entgegen. Auch wenn er im ersten Satz mit abrupten Bremsern überraschende Ausdrucksakzente setzte, riss er vor allem mit dem ungebremsten Schwung des virtuosen Finalsatzes mit. Die um 1600 geschriebenen Stücke von Orlando Gibbons gingen nochmals einen anderen Weg: archaisch-einfache Meditations- und Tanzmuster wurden hier mit rasend schnellem Laufwerk kombiniert, das sich auch mal wie endlos flatternde Bänder über stampfende Bässe hinzog.

Für Ohren, die ans gängige Repertoire zwischen Barock und Moderne gewöhnt sind, war das aufregend neue Musik. Das galt umso mehr, als Gibbons’ repetitiv rockende Bässe in diesem raffinierten Programm direkt auf die zeitgenössischen Stücke verwiesen. In Steve Reichs «Piano Phase» verzahnten sich die repetitiven Muster live und ab Zuspielband so schillernd eng, dass die rhythmisch-klanglichen Verschleierungseffekte an d’Anglebert erinnerten. Srnkas «Triggering» knüpfte daran an mit Attacken auf die Tastatur, als würde im Instrument an Eisenstangen gerüttelt. Aber die weiteren Abschnitte erschöpften sich in gängigen Neue-Musik-Mustern, ohne die klanglichen Möglichkeiten des Instruments zu nutzen.

Die E-Bows, mit denen Esfahani einzelne Saiten zum Raunen und Flöten brachte, erzeugten zwar mit den Saitengeräuschen geheimnisvolle Orientalismen. Aber die Effekte blieben zu rudimentär, um ins Gewicht zu fallen. Zukunftsmusik war das in dem Sinn, dass hier mit Grundlagen experimentiert wurde, die später dem Cembalo ganz neue Möglichkeiten eröffnen könnten. Es spricht für Esfahan, dass und wie er uns daran teilnehmen lässt.

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