Max liest

Warum ein kleiner Akt zum grössten Erfolg eines ganzen Lebens werden kann

Hinter Gittern verstand unser Autor plötzlich mehr. (Symbolbild)

Hinter Gittern verstand unser Autor plötzlich mehr. (Symbolbild)

Unser Autor Max Rüdlinger schreibt diese Woche über einen Gefängnisaufenthalt, der ihm half, ein bekanntes Zitat von Wladimir Bukowski zu verstehen.

Kürzlich ist der sowjetrussische Dissident Wladimir Bukowski verstorben. Zwölf Jahre hatte er in der Sowjetunion in Gefängnissen, psychiatrischen Anstalten und im Gulag verbracht. Ich meinerseits bin für drei Tage in einer Arrestzelle in der Kaserne Bern eingesessen, weil ich das Obligatorische – wahrscheinlich mehrmals – verschlampt hatte.

Eine Sache aber habe ich mit Bukowski – dem eine unerhörte moralische Statur attestiert wurde und der zusammen mit Alexander Solschenizyn das Gesicht der sowjetischen Dissidentenszene prägte – gemeinsam: Wir hatten beide zu einem bestimmten Zeitpunkt der Haft keine Zündhölzer.

Zuerst meine Geschichte: Wir waren zu zweit im Arrest. Der andere hatte zwanzig Tage abzusitzen. Als sich bei einer Gelegenheit der Pfahl – umgangssprachlich für «Wärter» – aus dem Raum entfernte, ging ich aus lauter Mutwilligkeit hinter seinen Schrank und erbeutete ein Päckchen Parisienne. Da hatten wir also Zigaretten, aber keine Zündhölzer.

Ich stand da und war plötzlich hundertprozentig sicher, dass es da irgendwo Zündhölzer haben musste. Neben mir hatte es einen Abfallkübel mit einem Haufen Hörnli obenauf. Ohne auch nur hinzusehen, griff ich durch die Hörnli hindurch und zog ein Briefchen mit drei Zündhölzern heraus. Diese teilten wir brüderlich, anderthalb Zündhölzchen für jeden. Danach rauchte ich in der Zelle Kette, wovon mir kotzübel wurde.

In seinem autobiografischen Buch «Wind vor Eisgang», deutsch 1978, schreibt Bukowski von Folgendem: Einmal habe er im Gefängnis märchenhaftes Glück gehabt und in einer Wandspalte ein halbes Päckchen feuchten Machorka (Bauern-Tabak) entdeckt. Er habe aber keine Zündhölzer gehabt.

Es habe nur eine Möglichkeit gegeben, zu Feuer zu kommen: die Wand hoch und dann einen Fetzen seiner Kleidung durch das Gitter vor der Nische zu schieben, in der die Lampe brannte. Wie aber eine drei Meter hohe, gänzlich nackte Wand hochspringen? Ein idiotisches Unternehmen. Dennoch habe er es versucht. Er sei zum Tier geworden, in Raserei geraten und habe sich geschworen, entweder erreiche er sein Ziel, oder er zerschlage sich den Kopf an dieser Wand.

Der erste Tag verlief erfolglos. In der Nacht stellte er dann das Schlafbrett an die Wand und holte so vom Lämpchen Feuer. Doch das befriedigte ihn keineswegs. Er wollte es ohne Beihilfe schaffen. Am Morgen begann der Ansturm von neuem. Nach zwei Tagen und zwei Nächten hörte er auf zu existieren und bestand nur noch aus dem Wunsch, die Wand hochzukommen. Dabei wusste er nicht einmal mehr, wozu das nötig war. Am vierten Tag hing er plötzlich nach unglaublichen Anstrengungen plötzlich oben an der Decke und verkrallte sich in das Gitter der Nische. Da bemerkte er, dass ihm der Span mit dem Stofffetzen aus dem Mund und auf den Boden gefallen war.

Erst am fünften Tag errang er den vollständigen und endgültigen Sieg. Bukowski schreibt, es habe in seinem Leben keinen grösseren Erfolg gegeben als diesen, keiner, auf den er so stolz habe sein können. Ich kann das nachvollziehen: Ein grossartiger Akt der Selbstbehauptung in einer Situation äusserster Ohnmacht.

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