Ausstellung

Werden Roboter uns ähnlicher – oder doch eher wir ihnen?

© Raffael Schuppisser

Maschinen erkennen Emotionen. Damit gleichen sie sich den Menschen an. Beängstigend wird das aber erst, wenn sich der Mensch der Maschine annähert.

Maschinen rechnen schneller als wir, sie schlagen uns im Schach und sie optimieren Verkehrsflüsse besser. Daran haben wir uns gewöhnt. Bei «maschinellen Tätigkeiten» überlassen wir ihnen das Feld. Anders ist es, wenn Maschinen erkennen, ob jemand traurig ist, wenn sie beurteilen, ob ein neuer Mitarbeiter in ein bestehendes Team passt, oder wenn sie psychiatrische Diagnosen stellen.

© Installation: Carolie Vogelaar

Dann fühlen wir uns herausgefordert. Denn hier geht es um Emotionen, um etwas zutiefst Menschliches. Dafür braucht es ein Bewusstsein und vermutlich auch einen Körper. Über beides verfügen Maschinen nicht. Wie sollen sie Emotionen bei Menschen wahrnehmen, wenn sie selbst keine haben können?

Nun, sie erkennen nicht, ob jemand traurig ist, sondern bloss, ob jemand traurig aussieht. Dafür analysiert ein Algorithmus die Muster in einem Gesicht. In der Ausstellung «Real Feelings: Emotionen und Technologie» im Haus der elektronischen Künste in Basel werden Besucher mit diesem Verfahren konfrontiert. Mehrere Kameras filmen die Menschen in den Räumen. Am Ende der Ausstellung werden Porträts der Besucher auf grossen Bildschirmen gezeigt und ihnen Emotionen wie «gelangweilt» oder «gespannt» zugeordnet.

Die beiden amerikanischen Künstler Lauren Lee McCarthy und Kyle McDonald machen damit sichtbar, was zunehmend im Verborgenen passiert: Maschinen erkennen in Gesichtszügen Emotionen und leiten daraus Charaktereigenschaften ab. In einigen Firmen werden Jobanwärter dazu aufgefordert, sich mit einem Video zu bewerben. Die erste Runde der Aussiebung übernimmt dann eine Maschine. Das ist effizienter, und offenbar sind die Resultate zufriedenstellend.

Vielleicht entgehen ihnen ein paar besonders geniale Köpfe, weil die Maschinen mit ihrer Andersartigkeit nicht zurechtkommen; das macht aber deshalb nichts, weil es genügend konforme Kandidaten gibt. Und sie findet die Maschine.

Das Innenleben von Menschen und Maschinen ist eine Blackbox

Je intelligenter Maschinen werden, desto grösser wird die Angst, dass wir die Kontrolle über sie verlieren und sie uns Böses antun. Sei es mit Waffengewalt wie in «Terminator» oder mit ihrer kognitiven Überlegenheit wie in «2001: Odyssee im Weltraum».

Seit Jahrzehnten machen Szenen mit bösen Robotern wie diese aus «Terminator 3» Kinozuschauern Angst.

Seit Jahrzehnten machen Szenen mit bösen Robotern wie diese aus «Terminator 3» Kinozuschauern Angst.

Trotz der jüngsten Fortschritte in der künstlichen Intelligenz liegen solche Szenarien weit in der Science-Fiction. Die Gefahr besteht weniger darin, dass Maschinen menschenähnlicher werden, als viel mehr darin, dass Menschen sich den Maschinen annähern.

Je mehr Macht wir den Maschinen geben, desto mehr passen wir die Welt so an, dass sie von Maschinen wahrgenommen werden kann. So verändert sich auch das menschliche Verhalten. Wenn Menschen mit ihrem Smartphone sprechen, geben sie oft in abgehackter, roboterhafter Sprache ihre Befehle. Wenn Algorithmen anhand von Videoaufnahmen urteilen, ob sich jemand für einen Job eignet, macht es für Bewerber Sinn, ihre Emotionen und Charaktereigenschaften auf eine Art zu präsentieren, dass sie von Maschinen «gelesen» werden können.

Je stärker Maschinen in die emotionale Sphäre der Menschen eindringen, desto grösser wird das Risiko, dass unsere Emotionen verkümmern. Denn Maschinen können sie nie in all ihren Schattierungen wahrnehmen. Sie wissen, wie ein trauriger Mensch aussieht, können aber nicht nachvollziehen, wie es sich anfühlt, wenn jemand von seiner Freundin verlassen wird, oder ein Bewusstsein darüber erlangen, wie es sich anfühlt, wenn Liebe in Hass umschlägt.

Die Psyche des Menschen bleibt für die Maschine eine Blackbox, wie die Prozesse in den neuronalen Netzen einer künstlichen Intelligenz den Menschen unzugänglich bleiben. Deshalb fehlt beiden der direkte Zugang zueinander.

In der Ausstellung «Real Feelings: Emotionen und Technologie» steht eine Videoinstallation der französischen Künstlerin Justine Emard, in der sich ein Roboter und ein Mensch annähern. Auf die Worte des Menschen reagiert die Maschine mit Fauchen. Es fehlt eine gemeinsame Sprache.

© Installation: Justine Emard

Der Titel des Werks «Co(AI)xistence» signalisiert aber, dass es doch ein Miteinander geben kann. Im Tanz finden sich die beiden Wesen.

Künstlerisch überhöht? Reine Utopie? Es gibt Beispiele dafür. Besser als ein Computer allein spielen ein Mensch und ein Computer im Team Schach. Und vielleicht ist auch der Algorithmus, der Jobbewerber beurteilt, hilfreich, wenn man ihn mit den vertieften emotionalen Kenntnissen eines Menschen verbindet.

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