John F. Kennedy Center

Yo Baby! Hip-Hop wird zur Hochkultur erhoben – Rapper Q-Tip wird zum Professor

© KEYSTONE

Rapper Q-Tip darf zwei Jahre lang Hip-Hop-Kultur an der renommierten Institution lehren.

Reisen wir in Gedanken schnell ins «John F. Kennedy Center for the Performing Arts» nach Washington.

Im Anflug auf den National Airport thront linkerhand der modernistische Prachtbau von Edward Durell Stone über dem Potomac. Hier spielt das National Symphony Orchestra (NSO) auf.

In der National Opera und im Eisenhower-Theater gibt sich Washingtons Elite ein Stelldichein.

In schwindelerregenden Wandelhallen baumeln die Flaggen aller US-Staaten und aller Nationen mit diplomatischen Beziehungen zu den USA.

Gleich neben dem Watergate-Komplex gelegen, ist das Kennedy Center Bastion der gehobenen Muse und zugleich Symbol für die geballte politische Macht der Hauptstadt.

In gut amerikanischer «Mall»-Manier kann man unter demselben Dach auch multikulturelle Kost aus Tanz, Performance und Kindertheater geniessen. Dennoch war die Überraschung gross, als der Kulturtempel vor Wochenfrist seinen ersten Künstlerischen Leiter für Hip-Hop-Kultur in der Person von Rapper Q-Tip vorstellte.

Der Name als Wortspiel

«Q-Tip», ein Wortspiel aus einer Ohrenstäbchen-Marke und Geheimtipp aus dem New Yorker Stadtteil Queens (wo der 46-Jährige aufwuchs), heisst mit bürgerlichen Namen Kamall Ibn John Fareed. Jedem halbwegs Hip-Hop-Interessierten ist Q-Tip als Mitbegründer von «A Tribe Called Quest» geläufig, einer Crew, die ab 1990 Metropolen-Lyrik aus New York über basslastigen Beats und Soul-Samples clever und witzig rappte. Bis im Sommer 2017 kuratiert nun ebendieser Q-Tip am Kennedy Center ein Programm, das sich verschiedenen Hip-Hop-Sparten widmet, neben Musik auch Poesie und Graffiti.

Dass ein etabliertes Kulturhaus der USA sich einer Kunstform aus dem Untergrund zuwendet und einen afro-amerikanischen Islam-Konvertiten zum Artistic Director beruft, ist nicht die Norm. Rassen-, Klassen- und Kulturunterschiede und Berührungsängste trennen nach wie vor. Hip-Hop entstand in heruntergekommenen Vierteln New Yorks als kreative Bewegung von schwarzen und hispanischen Communities. Im Stadium des «Gangsta»-Rap wurde sie auf Drogen, Gewalt und Frauenverachtung reduziert.

In jüngerer Zeit glorifizierte Hip-Hop den kommerziellen Erfolg durch bedingungslosen, ostentativen Bling-Bling-Kapitalismus, radikal bis zum Tod: «Get rich or die trying» resümierte der vom Rapper zum Multimillionär und – angeblich bankrotten – Grossunternehmer mutierte 50 Cent. Und dafür soll das Kennedy Center Bühne bieten?

Hip-Hop im Hoch

Aber ja doch, denn der Hip-Hop der Gegenwart trifft den Zeitgeist, auch wirtschaftlich. Gemäss Forbes erzielte die Hip-Hop-Industrie 2014 über 10 Milliarden Dollar Umsatz, Tendenz steigend. Optimisten projizieren für 2016 bis zu 50 Milliarden. Hip-Hop-Musik erfreut sich überdurchschnittlicher Zuhörerzahlen in begehrten Konsumentensegmenten quer durch die Demografie. Zudem sind diese technologie- und innovationsaffin. Moguln wie Dr. Dre (geschätztes Vermögen 780 Mio. Dollar) oder Jay-Z (650 Mio., ohne das auf 450 Mio. veranschlagte Vermögen seiner Frau Beyoncé Knowles) kratzen an der «Unicorn»-Grenze der Milliarde. Stars und Sternchen aus der Hip-Hop-Szene zieren Titelseiten und Videos, bestimmen die Trends in Mode- und Unterhaltungsbranche. Hip-Hop ist eine Leitkultur von heute.

Im Schatten des Mainstreams floriert auch der alternative und aktivistische Hip-Hop. Aktuelles Beispiel hierfür ist das unglaublich erfolgreiche Broadway-Musical «Hamilton». Karten für das kritische Rap-Theater über den US-Gründungsvater Alexander Hamilton zu ergattern, ist für Normalsterbliche ein Ding der Unmöglichkeit – und seit vergangener Woche noch ein wenig unmöglicher, nachdem der Grammy-gekrönte «Hamilton»-Star, -Komponist und -Librettist Lin-Manuel Miranda ins Weisse Haus eingeladen wurde und prompt für Präsident Obama im Rosengarten free-stylte.

Kanonisiert durch Hochkultur

Sozialkritische und intellektuelle Töne gehörten indes schon immer ins Hip-Hop-Repertoire. Hip-Hop sei Soziologie und Englische Literatur auf den Beat gebracht, so das Bonmot des Brooklyner Rappers Talib Kweli.

In diesem Licht ist auch das Engagement von Q-Tip am Kennedy Center zu lesen. Q-Tip ist zwar nicht der Erste seiner Art. So feierte 2014 der Rapper Nas den 20. Geburtstag seines Albums «Illmatic» im Kennedy Center, Kendrick Lamar trat vergangenes Jahr mit dem Symphonie-Orchester auf – beide zu grosser Resonanz.

Aber wenn Q-Tip Poetry Slams und Rap-Battles zuhanden des sozialen Wandels oder eine Stummfilmvertonung mit den experimentellen Beats des Sound-Anthropologen Paul Miller aka DJ Spooky ins Programm aufnimmt – nicht irgendeines Streifens, sondern von The Birth of a Nation, einem dreistündigen Filmmonster von 1915, das Ku-Klux-Klan und Rassismus verherrlichte –, dann gehen er und das Kennedy Center einen Schritt weiter.

Hip-Hop-Kultur ist nicht mehr nur geduldet, sondern geht ein in den Kanon der Hochkultur, die sich ihrerseits anderen Kulturformen öffnet. Das ist ein überaus spannendes Unterfangen.

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