Zirkusfestival
Wo das Museum zur Manege wird: Cirqu' geht neue Wege

Festivalplanung ist dieser Tage ein Drahtseilakt. Das Zirkusfestival Cirqu’ meistert sie mit einem Sprung ins Stadtmuseum Aarau.

Anna Raymann
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Cirqu', das Zirku

Cirqu', das Zirku

Katja Schlegel

Für gewöhnlich ist Zirkus in Zelten zuhause. In den kommenden zwei Monaten zieht er aber unter das feste Dach des Stadtmuseums in Aarau. Mit Cirqu’ richtet die Stadt seit 2015 ein internationales Zirkusfestival aus. Wie überall ist auch hier 2021 alles ein bisschen anders – nicht nur wegen der Pandemie. Sonst ist die Alte Reithalle in Aarau Ausgangspunkt und Festivalzentrum, doch die stimmungsvolle Bühne befindet sich mindestens bis im Herbst noch im Umbau. Während Innenräume als Spielstätten unter den aktuellen Umständen aber ohnehin schwierig sind, gehen die Veranstalter neue Wege. Und diese führen ins Museum.

Als Erstes führte der Gang aber ins Archiv, genauer ins Ringier-Bildarchiv. Über 40 Pressefotografien dokumentieren von 1930 bis 1980 die Schweizer Zirkusszene in all ihren Facetten. Der Auslöser im richtigen Moment friert waghalsige Akrobatik ein. Hier fliegt die Trapezkünstlerin durch die Luft, dort bluten einer Schlangenbändigerin die Lippen. Wir halten den Atem an und finden die Magie auch in den ruhigen Momenten. Ein Clown lässt sich beim Schminken über die Schultern blicken. Eine Verschnaufpause beim Gerüstbau. Neben den Fotografien machen die Notizen auf den Archivmappen neugierig, etwa: «Der erstmalige Versuch zur Dressur eines Nashorns». Es sind nostalgische Momente, Erinnerungen an Kindertage voller Staunen.

Gefährliche Exoten: Schlangentänzerin Sitha Laon wurde von ihrer Boa gebissen.

Gefährliche Exoten: Schlangentänzerin Sitha Laon wurde von ihrer Boa gebissen.

Walter Bösigert

Die traditionsreichen Zelte von Knie und Nock werden ins rechte Bild gerückt. Zwar fehlt der Zirkus Monti, der erst später gegründet wurde, dafür entdeckt das Publikum den Zirkus Pilatus, der nur bis in die 1950er- Jahre überlebte. Nicht nur Pandemien bringen Artisten ins Wanken: «Verschiedene Unglücksfälle, die zweimalige Zerstörung des Zeltes und der regnerische Sommer», brachten Zelte, Wagen und Tiere unter den Hammer des Pfändungsbeamten.

Manege frei für aktuelle Zirkuskunst

Theaterkunst ist unmittelbar körperlich. Im Stadtmuseum muss das Kunststück, die Akrobatik, allerdings losgelöst vom Artisten gelingen – zum Beispiel mit Maschinen, die verspielt und brachial zugleich den Erfindungen von Jean Tinguely nicht unähnlich sind.

Wie das Skelett eines Wals schwebt ein Mobile aus Palmblättern über dem Boden. Die Balance suchend, löst es eine ratternde Murmelbahn aus. An dieser wie auch der zweiten Maschine im Saal schraubte Jongleur und Cirqu’-Gründer Roman Müller. Die kleinere, aber nicht weniger laute Konstruktion wirft rhythmisch zwei Diabolos in die Höhe – ganz ohne eine menschliche Hand. Aber nicht alles hier macht Lärm. Wer die Ohren spitzt, hört Herzen schlagen und Wirbel knacksen.

Das Palmblattmobile von Mädir Eugster und Roman Müller ist fragil und laut zugleich.

Das Palmblattmobile von Mädir Eugster und Roman Müller ist fragil und laut zugleich.

Katja Schlegel

So leicht, so trainingsintensiv. Auch das zeigt die Ausstellung und lässt uns in Echtzeit dabei zusehen, wie Artisten während drei, vier oder gar sechs Stunden auf dem Seil balancieren – ausharren. Videos und Zeichnungen fassen die (Aus-)Dauer hinter einem Auftritt und übersetzen sie auf poetische weise. Zirkus ist ein dehnbarer Begriff, im Museum reckt er sich der Kunst entgegen.

Der freie Himmel ist ihnen Zelt genug

Die zweimonatige Ausstellung im Stadtmuseum Aarau ist Auftakt zur diesjährigen Ausgabe des Cirqu’. Da diese als Bien­nale zuletzt 2019 stattfand, hatten die Veranstalter des Festivals zusammen mit der Bühne Aarau die erste Pandemiewelle lang Zeit, alternative Formen zu finden. Vom 10. bis zum 20. Juni treten nun internationale Künstler an verschiedenen Spielorten verteilt auf die ganze Stadt auf. Dazu brauchen sie keine klassischen Manegen. Der Belgier Johannes Bellinkx etwa lockt das Publikum weg von den bequemen Rängen und führt sie rückwärts durch die Stadt. Der holländische Performancekünstler Nick Steur lässt sich täglich sieben Stunden dabei zusehen, wie er Steine schichtet und die französische Artistin Chloé Mogli wird an der Stadtkirche zur Skulptur.

Im Stadtmuseum lässt sich erahnen, wie die letzten Wochen bis zum Festival bei den Zirkuskünstlern aussehen. Der Veranstaltungsraum wird ihnen während der gesamten Ausstellungsdauer zur Residenz. Dort im Keller gärt, was später in die Manege kommt.

Cirqu’8. 7.5.–4.7. Stadtmuseum Aarau. Spezialprogramm zum Muttertag am 9.5. Festival in Aarau 10.–20.6.

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