Tradition
Zürcher Band verschmelzt Black Metal und Schweizer Volksmusik

Die Zürcher Band Ungfell hat Black Metal und Schweizer Volksmusik zu einem schaurig-schönen Album verwoben. Doch mit Folk-Metal hat das nichts zu tun.

David Hunziker
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Ungfell: Bandleader Menetekel und Schlagzeuger Válant.

Ungfell: Bandleader Menetekel und Schlagzeuger Válant.

Man könnte es zunächst für einen Witz halten: Das vielleicht schönste Schweizer Volkslied aller Zeiten, das Guggisberglied, findet man auf dem neuen Album der Zürcher Black-Metal-Band Ungfell. Doch wenn man sich dann dieses schaurig-schöne, von einem Akkordeon getragene Arrangement und die magischen Gesänge anhört, merkt man schnell, dass es Ungfell damit ganz ernst meinen.

Ungfell ist ein Bandprojekt um den Zürcher Sänger, Multi-Instrumentalisten und Komponisten Menetekel. Das letztjährige Album der Band, «Tôtbringære», wurde vom Schweizer Metal- Magazin «Alpkvlt» zum «Album des Jahres 2017» gewählt. Um Schlagzeuger Válant erweitert, liefert die vielversprechende Band jetzt bereits ihren nächsten Streich «Mythen, Mären, Pestilenz». Kaum irgendwo findet man derzeit eine innigere musikalische Auseinandersetzung mit der Schweizer Volkstradition.

Dass Metalbands sich von Volksmusik beeinflussen lassen, ist nicht neu. Schon Anfang der 1990er-Jahre prägten vor allem britische Bands den Folk Metal und entdeckten dafür bald auch die mitreissende Qualität des Irish Folk. Auch Eluveitie, die erfolgreiche Schweizer Band, schöpft aus diesem Fundus. Allerdings ist die Volksmusik für die meisten Bands des Genres eher ein Lieferant von eingängigen Melodien zum Mitgrölen statt lebendige Tradition.

Futuristischer Alpsegen

Darum sollte man die Musik von Ungfell beileibe nicht als Folk-Metal bezeichnen. Bereits bei den ersten Klängen von «Mythen, Mären, Pestilenz» wird klar, dass diese Band mit dem Mainstream-Appeal von Eluveitie nichts am Hut hat. In «Raubnest ufm Uetliberg» beschwören akustische Gitarren, Rasselgeräusche und eine zerbrechliche Flöte eine mittelalterliche Düsternis herauf. Bevor sich in «De Türst und s Wüetisheer» stürmische Gitarren und Schlagzeugbeats in die Gehörgänge wühlen. Ungfell wollen den Metal nicht mit Heimatromantik schmücken, sondern ihn weiterentwickeln. In «Oberlandmystik» bimmeln Kuhglocken, darüber schwebt ein nebelhafter Synthie – eine Art futuristischer Alpsegen.

Man kann sich das so vorstellen: Ungfell verhalten sich zum Folk Metal wie die Neue Volksmusik um Musiker wie den Schweizer Gitarristen Max Lässer zum volkstümlichen Pop von Trauffer. Geschickte Crossover-Experimente statt seichte Euphorie.

Bei Ungfell kommen die liebevoll gedichteten Texte hinzu, die auf Sagen, Schauergeschichten oder historischen Ereignissen beruhen. Da ist etwa das Wüetisheer, eine Geisterarmee aus verlorenen Seelen, ein Massaker auf einer Festung beim Greifensee im 15. Jahrhundert oder das Emmentaler Toggeli, ein Wesen, das einen nachts im Schlaf heimsucht. Letzteres hören wir am Ende eines Songs sogar zur Tür hereinkommen. Die Vergangenheit, die hier besungen wird, ist keine feuchtfröhliche Jodelparty, sondern eine ziemlich grimmige Angelegenheit.

Entfesselter Gesang

Das heisst nun keineswegs, dass die Musik von Ungfell sperrig oder verkopft wäre. Die Band reiht auf diesem Album eine griffige Melodie an die andere. Zwischen den hymnischen Riffs und dem knorrigen Fauchen und Kreischen von Sänger, Komponist und Multiinstrumentalist Menetekel entsteht dabei eine soghafte Spannung. Überhaupt zieht einen dieser entfesselte Gesang in den Bann – als gehe es um alles oder nichts.

Was man wegen des rauen Klangs der Stimme dabei meist kaum hört: Die Texte sind durchweg auf Deutsch oder Schweizerdeutsch verfasst. Viele der Gründerbands des Black Metals aus Norwegen haben Norwegisch gesungen — so gesehen ist das für Ungfell nur konsequent.

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