Literatur

Zwei Neuerscheinungen regen die Sinne an: Wie man beim Lesen hören, riechen und schmecken lernt

Der Geruch nach feuchtem Laub erinnert Roland Butis Romanheld an seine Frau.

Der Geruch nach feuchtem Laub erinnert Roland Butis Romanheld an seine Frau.

Belinda Cannones Roman «Vom Rauschen und Rumoren der Welt» kreist um zwei hellhörige Menschen, Ryoko Sekiguchis Essay «Nagori» um den Geschmack der Jahreszeiten. Zwei Highlights.

Diesen Herbst duften viele Bücher besonders intensiv. Nicht nach Papier und Druckerschwärze, sondern inhaltlich. Ein Zufall? Oder hat das Virus, das uns zu Einkehr und Entschleunigung zwang, unsere Wahrnehmung geschärft? Lernen wir, seit Langem auf visuelle Reize fixiert, gerade wieder, auch andere Sinneseindrücke auszukosten?

Riechen und schmecken

«Ich konnte ihren Duft atmen, eine Mischung aus Schweiss und einem herben Parfum, ein Duft, der mich an trockenes Laub im Regen erinnerte.» So erkennt Roland Butis Held im neuen Roman «Das Leben ist ein wilder Garten» die Frau ­wieder, die ihn verlassen hat. «Gefühle verduften», hält indessen die Österreicherin Moni­ka Helfer in ihrem Familienepos «Bagage» fest, «nur in Romanen halten sie angeblich länger, in manchen Romanen ein Leben lang.»

Ein Leben lang, was bedeutet das? So lange, wie ein Baum lebt? Oder ein Mensch? Dass dazwischen Welten liegen, zeigt Ryoko Sekiguchi in ihrem so philosophischen wie poetischen Buch «Nagori». Der Mensch, dessen Lebenszeit linear ist und mit dem Tod endet, sieht sich dem zyklischen Leben vieler Pflanzen gegenüber, die im Herbst zwar Früchte und Blätter verlieren, im Frühling aber wieder zu wachsen und zu blühen beginnen.

Ryoko Sekiguchi: Nagori Die Sehnsucht nach der von uns gegangenen Jahreszeit. Essay, Matthes&Seitz, 180 Seiten

Ryoko Sekiguchi: Nagori Die Sehnsucht nach der von uns gegangenen Jahreszeit. Essay, Matthes&Seitz, 180 Seiten

«Nagori», ein japanischer Begriff, der «die Sehnsucht nach der von uns gegangenen Jahreszeit» bezeichnet, meint die Sehnsucht des Menschen nach Wiedergeburt.

Anders gesagt: Die Wehmut am Ende einer Jahreszeit empfinden wir, weil wir wissen, dass wir sie irgendwann zum letzten Mal erleben werden. Vielleicht diesmal?

Indem wir in andere Zeitzonen reisen und ganzjährig Nahrungsmittel aller Jahreszeiten essen, leben wir in einem emotionalen Durcheinander. Denn der Geschmack einer Frucht ist mit einem ganz bestimmten Gefühl verbunden. Die japanische Autorin, die in Frankreich lebt, zeigt interessante Zusammenhänge auf zwischen essbaren Pflanzen, ihrer Saison und unserer Ernährung. Sie sieht etwa den Trend zum Knackigen, noch Sauren als Versuch, sich die Frische kaum reifer Früchte und Gemüse als Jugendlichkeit einzuverleiben.

«Unsere Gerichte sind säurebetonter als in der Vergangenheit, und die Weine sind es auch», stellt sie fest. «Vergessen ist die alte Vorliebe für eine deutliche Süsse in den Weinen und bestimmten Gerichten, die als Geschmack der Reife galt. Im Allgemeinen werden heute Sommergerichte, Salate, kurzes Kochen, dämpfen, kurz angebratenes Fleisch bevorzugt anstelle von Schmorgerichten und Eintöpfen.»

Hören und sehen

Ein vorgezogener Frühling, ein ewig ausgedehnter Sommer – das passt nicht nur zu Jugendlichkeitswahn und Anti Aging, sondern auch zum Klimawandel. Man lebt heute gar in nördlichen Breiten mediterran. Kein Problem für Jodel, Protagonist in Belinda Cannones Roman «Vom Rauschen und Rumoren der Welt».

Monika Helfer: Vom Rauschen und Rumoren der Welt. Roman, Edition Converso 256 Seiten

Monika Helfer: Vom Rauschen und Rumoren der Welt. Roman, Edition Converso 256 Seiten

Er liebt es, draussen zu sein, eingebettet in die verästelte Geräuschkulisse der Natur. Die ungleich dichtere Kakofonie der Zivilisation hingegen erträgt er kaum, da er an Hyperakusis leidet, einem krankhaft überempfindlichen Gehör. Damit verdient er sich als Stimmanalytiker bei der Polizei zwar die Brötchen, doch ist sein Büro schallisoliert, und nach der Arbeit kehrt er auf abseitigen Wegen in seine Hütte im Wald zurück.

«Der Himmel ist heute Abend endlich wolkenlos, und er erkennt schon von weitem die Gestalt, die ihn vor seiner Haustür erwartet. Seine erste Regung (Schwanzflossenklatschen eines silbrigen Fischs, der entwischt) ist grosse Freude.» Jodel, aufgrund seiner Besonderheit ein einsamer Mensch, bekommt Gesellschaft.

Da ist Ulan, ein mongolischer Politaktivist, der sich illegal in Frankreich aufhält und bei ihm Unterschlupf sucht; da ist Jeanne, ein Mädchen, das wie Jodel an Hyperakusis leidet. Leidet? Jeanne empfindet das nicht so. Für sie sind es die anderen, die «schlecht hören». Endlich hat sie jemanden gefunden, der ist wie sie! Jodel schult ihr Gehör und verspricht, eines Tages mit ihr der absoluten Stille zu lauschen. Doch verliebt er sich in ihre Mutter, die am Laptop Ideenmusik komponiert, Ulan verwickelt sie alle in seine Untergrundaktivitäten, und es wird erst einmal laut.

Was als Plot abseitig klingt, erzählt die italienischstämmige Französin Belinda Cannone leichtfüssig-natürlich entlang von Geräuschen, Lauten, Tönen und Klängen. So verschiebt sich beim Lesen unsere Wahrnehmung und öffnet sinnlich die Welt von Aussenseitern, die für einmal ins Zentrum rücken. Und die Bilder? Sie stellen sich über die Lautmalerei der Sprache ein – ein Film, wie er auch in Ryoko Sekiguchis geschmackvollen Geschichten unauffällig im Hintergrund läuft.

Zwei weitere Bücher, die Sinne anregen:

Roland Buti: Das Leben ist ein wilder Garten Roman, Zsolnay 220 Seiten

Roland Buti: Das Leben ist ein wilder Garten Roman, Zsolnay 220 Seiten

Monika Helfer: Bagage Roman, Hanser Verlag 250 Seiten

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