200 Jahre Löwendenkmal
Die Schweizer starben für einen (fremden) König, der Löwe stirbt für den Fremden (Touristen)

Das Löwendenkmal in Luzern war vorgesehen als ein Denkmal für in Paris gefallene Schweizer Söldner. Doch dann wurde das Söldnerwesen suspekt. Der Löwe schaffte es in Luzern aber zum Tourismusmagnet. Und ist es noch 200 Jahre später.

Christoph Bopp
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Carl Pfyffer von Altishofen sammelte das Geld und platzierte den Löwen in seinen englischen Garten. Thorvaldsens Idee passt perfekt.

Carl Pfyffer von Altishofen sammelte das Geld und platzierte den Löwen in seinen englischen Garten. Thorvaldsens Idee passt perfekt.

Urs Flüeler / KEYSTONE

Eines der Daten, die man sich exakt aufgezeichnet wünscht, wäre der Tag, als die obligatorische Schulreise der 5. Klasse aufs Rütli abgeschafft wurde. Das geschah schleichend und unbemerkt und sicher nicht an allen Orten gleichzeitig. Aber es war ein Tag, an dem die Erinnerung sich wandelte. Zuvor galt, was das «Sempacherlied» (1832/36) festhält: «Lasst hören aus alter Zeit / von kühner Ahnen Heldenstreit . . .» Die Vergangenheit des Vaterlandes bestand aus einer langen Reihe von heldenhaft bestrittenen Schlachten. Hirtenhemden (mit Hellebarde) gegen Eisenmänner (mit langem Spiess). Meist waren Österreicher Gegner, aber genau musste man das nicht einmal wissen. Und der Rest war sowieso zu kompliziert.

Danach? Die Geschichtslehrer mögen sich alle Mühe geben, aber so einfach wie davor war es nicht mehr. Dunkel erinnert man sich, dass es bereits bei der Heldenerzählung Marignano (von Hodler illustriert) kompliziert geworden war.

Der Erinnerungsort, der nicht erinnern möchte

Konturen erhält diese Geschichte vor dem Löwendenkmal in Luzern. Gletschergarten, Spiegelsaal – wie auf dem Rütli wird das Schweizer Schulkind einmal vor dem Löwen gestanden sein. Der Erklärungsbedarf war immer schon recht gross. Tote Schweizer Soldaten? Wo? Hier? In Paris? Was machten sie dort? Einen König beschützen? Vor wem? Und warum sie?

Der Ort und das Denkmal selbst beeindrucken ohne Zweifel. Sehr gut gemacht. Verständlich, dass viele kommen, um das zu sehen. Aber dann durchkreuzt der Sinn aller Denkmäler die Kontemplation. Und man fragt nach der Geschichte.

Der Geschichte dann fehlt ein bisschen der Heldenstreitglanz, sie zu erzählen ist heute ein bisschen peinlich. Schweizer Söldner, die einen König vor seinem Volk beschützten. ­Warum hatte er das nötig? Die Geschichte beginnt viel früher. Vor diesen Ereignissen im August 1792 lagen schon mehr als 250 Jahre Reisläuferökonomie. Und zwischen August 1792 und August 1821, als das Denkmal eingeweiht wurde, lagen 29 Jahre und ebenfalls Ereignisse, welche viel verändert haben. Und 1821 ist Welten entfernt von heute.

Carl Pfyffer von Altishofen war der Initiant und Motor des Löwendenkmal-Projekts. 1792 war er auf Urlaub.

Carl Pfyffer von Altishofen war der Initiant und Motor des Löwendenkmal-Projekts. 1792 war er auf Urlaub.

Depositum der Kunstgesellschaft Luzern, Album XXXIV, Carl Pfyffer von Altishofen Bleistiftzeichnung eines Mitglieds der Kunstgesellschaft Luzern, 1820.

Man sieht: Es gibt viel zu erzählen, spannende Dinge. Der Historiker Jürg Stadelmann und seine Arbeitsgemeinschaft «Löwendenkmal 200» haben die Geschichte in eine facettenreiche Publikation gepackt. Sie beginnen im Paris von 1792, mitten in der Revolution, und enden in der Zukunft, wenn sich der Historiker Manuel Menrath über den Löwen von 2221 Gedanken macht.

Vielleicht liegt er 2221 noch da. Menrath macht sich Sorgen wegen des Klimawandels und des Terrorismus. Technisch wird einiges vorgekehrt, um den Löwen fit zu machen für weitere 200 Jahre. Der Sandsteinfelsen wird entfeuchtet, ein Restaurator wacht über ihn. Was die Leute 2221 noch vom Tuileriensturm 1792 und Ludwig XVI. wissen oder vom Kriegsunternehmer Carl Pfyffer von Altishofen, das wissen wir nicht. Vielleicht ebenso wenig wie die Heutigen, die für ein Selfie zum Löwen pilgern?

Heute stirbt der Löwe im Dienste des Tourismus

Jetzt stehen wir schon so lange vor dem Löwen. Worum geht es? Er soll erinnern an den Sturm auf die Tuilerien. Der Angriff auf das Residenzschloss der französischen Könige in Paris im August 1792 hatte den Zweck, die Monarchie endgültig abzuschaffen. Der König wurde nur noch vom Schweizer Garderegiment verteidigt, einem Söldnerverband, aufgestellt und befehligt von Luzerner Militärunternehmern. 800 bis 900 Schweizer standen Tausenden von Sans­culotten gegenüber. Die Garde wurde aufgerieben.

Am 10. August stürmen 35’000 Sansculottes den Tuilerienpalast in Paris. Mehrere hundert Schweizer, die Leibgarde des Königs,werden getötet. Riesengemälde von Ludwig Bang und Otto Lorch: «Tuileriensturm» 1889, 5×10,5 Meter. Bild: Jürg Stadelmann

Am 10. August stürmen 35’000 Sansculottes den Tuilerienpalast in Paris. Mehrere hundert Schweizer, die Leibgarde des Königs,werden getötet. Riesengemälde von Ludwig Bang und Otto Lorch: «Tuileriensturm» 1889, 5×10,5 Meter. Bild: Jürg Stadelmann

Jürg Stadelmann

Auch wenn die Opferzahlen später übertrieben wurden: Die Szene hinterliess grossen Eindruck. Napoleon schrieb 1816 in St. Helena: «Niemals hat mir seither eines meiner Schlachtfelder den Anblick so vieler Leichname geboten, als hier die Massen der Schweizer, …»

Bertel Thorvaldsen (1770-1844) war in Rom die Nummer 2 der Bildhauerszene. Er lieferte die Idee und ein Modell des Löwen. Sein Name verschaffte dem Projekt jede Menge PR.

Bertel Thorvaldsen (1770-1844) war in Rom die Nummer 2 der Bildhauerszene. Er lieferte die Idee und ein Modell des Löwen. Sein Name verschaffte dem Projekt jede Menge PR.

Gemälde von Carl Adolf Senff, Rom, 1817/1818. Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale); Foto Bertram Kober.

Das Bündnis mit Frankreich hatte in der Schweiz eine Militäraristokratie geschaffen, die Revolution war gleichzeitig der Anfang vom Ende dieser Epoche. Der sterbende Löwe sollte nicht nur an die Garde erinnern, sondern auch an den Untergang dieser Kaste. Carl Pfyffer von Altis­hofen (1771–1849) war im August 1792 im Urlaub und nicht im Dienst. Aber das Projekt, in seinem Garten ein Denkmal zu schaffen, trieb er mit Verve voran. Es gelang ihm, Bertel Thorvaldsen, damals einer der Stars der europäischen Bildhauerszene, dafür zu begeistern.

Der Däne lieferte die Idee des «trauernden Löwen» und seine Reputation. Ausgeführt wurde die Arbeit von Urs Pankraz Eggenschwiler und Lukas Ahorn.

Lukas Ahorn bei der Arbeit, beobachtet von Neugierigen auf dem Gerüst, im Februar 1821. Lithografie von Franz Hegi (1774–1850).

Lukas Ahorn bei der Arbeit, beobachtet von Neugierigen auf dem Gerüst, im Februar 1821. Lithografie von Franz Hegi (1774–1850).

Zhb Lu / Jürg Stadelmann

Bereits bei der Einweihung am 10. August 1821 weckte das Denkmal zwiespältige Gefühle. Es war antiliberal, reaktionär-konservativ, und der Rekurs auf den Kampfesmut der Eidgenossen funktionierte (noch) nicht wunschgemäss. Mitglieder der Zofingia versammelten sich an einer Alternativfeier in der Tellskapelle in der Hohlen Gasse in Küssnacht.

Die Problematik wurde entschärft, weil sich das Löwendenkmal schnell als Touristenmagnet etablierte. «Geschaffen für die königstreuen Söldner, verdankt es seine Berühmtheit dem modernen Tourismus. An die Stelle der fremden Dienste war der Dienst für die Fremden getreten.»

In die Höhle des Löwen. 200 Jahre Löwendenkmal Luzern. Hrsg. vom Büro für Geschichte, Kultur und Zeitgeschehen Luzern. Stadt Luzern. Verlag Pro Libro Luzern 2021.

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