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Alte Muster neu interpretiert: Möbel-Designer huldigen neuerdings dem ikonischen Rattanstil

Der Nomad des Labels Norr11 interpretiert den marokkanischen Korbsessel mit Wiener Geflecht, ca. 900 Fr.

Der Nomad des Labels Norr11 interpretiert den marokkanischen Korbsessel mit Wiener Geflecht, ca. 900 Fr.

Auf Wiener Geflecht sass schon jeder einmal. Das klassische Muster aus Rattan feiert gerade sein Comeback – nicht nur bei Stühlen.

Im letzten Moment konnte ich ihn vor der Entsorgung retten, meinen Stuhl mit Wiener Geflecht. Zugegeben, er ist nur von Ikea. Und er hat einige Regengüsse über sich ergehen lassen müssen. Trotzdem ist er noch absolut brauchbar, auch wenn das die bessere Hälfte hartnäckig dementiert. Vor allem ist sein Muster wieder en vogue.

Falls Ihnen Wiener Geflecht nichts sagt, ist das weiter nicht schlimm. Gut möglich, dass es Ihnen in nächster Zeit über den Weg laufen wird. Nicht nur auf Stühlen. Das Rohrgeflecht aus Rattan scheint gerade sämtliche Designer zu inspirieren, die Skandinavier ebenso wie die Italiener. So veredelt das Flechtwerk auch Tische, Raumteiler, Sideboards, Sofas und eine Reihe wunderbarer Accessoires.

Was versteckt sich hinter dem Begriff Wiener Geflecht? Es ist eine bestimmte Art von Flechtkunst, die auch Achteck- oder Wabengeflecht genannt wird. Das durchlässige Geflecht wird mit sechs Strängen Peddigrohr zum typischen Muster mit achteckigen Löchern verflochten. Seine Form und Festigkeit erhält es durch die Längs-, Quer- und Diagonalbindungen. Je enger die Maschen, umso stabiler ist die Fläche.

Schreibtisch Noya mit Rückwänden aus Wiener Geflecht. La Redoute, 525 Fr.

Schreibtisch Noya mit Rückwänden aus Wiener Geflecht. La Redoute, 525 Fr.

Das Wiener Geflecht verbindet man heute vor allem mit dem berühmten, 1859 entworfenen Kaffeehausstuhl-­Modell Nummer 14 (heute 214) aus der Traditionsfirma Thonet.

Der Klassiker: Modell 14 von Thonet, ab 412 Fr. (z. B. bei Mooris.ch )

Der Klassiker: Modell 14 von Thonet, ab 412 Fr. (z. B. bei Mooris.ch )

Weil man mit dem Stuhl so manches Wiener Kaffeehaus bestückte, bekam es seinen Namen. Das Original wurde allein bis 1930 über 50 Millionen Mal verkauft. Der von Michael Thonet entworfene Stuhl war aus zwei Gründen revolutionär – einerseits wegen der speziellen Flechtmethode, andererseits wegen des gebogenen Bugholzes, das in dampfender Hitze leicht zu biegen ist.

Geflecht wurde seit dem späten 18.Jahrhundert in vielen Stilepochen für Mobiliar verwendet, im Biedermeier, im Jugendstil oder in der Gründerzeit. Bereits um 1780, zur Zeit des Josephinismus, sollen die ersten Stühle mit dem prominenten Wabenmuster in Österreich aufgetaucht sein. Anfangs war es ein Luxusprodukt, durch die Industrialisierung konnte sich schliesslich jeder ein Möbel mit diesem Muster leisten. Heutzutage bekommt man das Wiener Geflecht sogar als Meterware im Baumarkt und kann seine Stühle selbst reparieren oder eigene Entwürfe herstellen.

Nun ist es also zurück. Nachdem der Trend in den vergangenen Jahren in Richtung kühlerer Materialien wie Marmor oder Metall ging, sehnt man sich wieder nach Wärme und Geborgenheit. Das Geflecht punktet mit seiner zeitlosen Ästhetik und seiner Nachhaltigkeit, das Rohrgeflecht, auch Rattan oder Rotang genannt, wächst vergleichsweise schnell nach. Trotz der luftigen Optik gilt es als robust und belastbar und besticht mit einer eleganten Schlichtheit.

Cooler Couchtisch aus Rattan von Tikamoon, 219 Fr.

Cooler Couchtisch aus Rattan von Tikamoon, 219 Fr.

So hat das spanische Designerduo Clara del Portillo und Alex Selma alias Yonoh für den Hersteller Bolia einen dezent transparenten Paravent entworfen. Das italienisch-dänische Designerduo GamFratesi hat das Sofa Targa entwickelt, das Massivholz und dicke Polster mit einer leichten Lehne aus Wiener Geflecht kombiniert.

Bei Simon Legalds von Normann Copenhagen gehen klassisches Flechtwerk und skandinavisches Design eine Symbiose ein. Seine Salon-Tabletts eignen sich prima auch als Obstschale, Brotkorb oder einfach nur zur Dekoration. Mathieu Gustafsson hat für das Label Design House Stockholm ein halbtransparentes Sideboard aus Wiener Geflecht entworfen. Auch Modedesigner haben das Wabengeflecht entdeckt: Stella McCartney kreierte die Falabella Box, eine Handtasche mit Wiener Geflecht (gerade ausverkauft).

© zvg

Und selbstverständlich entwickeln auch die Gebrüder Thonet Vienna, wie das Unternehmen heute heisst, immer wieder neue Objekte. So etwa Lampen, die das legendäre Flechtmuster durch das durchfallende Licht vergrössert an die Wand werfen.

Elegante Lampe mit japanischem Touch: Wagasa by Servomuto für Gebrüder Thonet Vienna, ca. 1800 Euro

Elegante Lampe mit japanischem Touch: Wagasa by Servomuto für Gebrüder Thonet Vienna, ca. 1800 Euro

Bei Ikea gibt es meinen Stuhl leider nicht mehr, umso mehr werde ich meinen Schatz hüten.

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Autor

Silvia Schaub

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