Auf der Suche nach dem stillsten Örtchen der Welt

Lärm ist eine grassierende Plage, die krank machen kann. Wer es leise mag, dem bleibt meist nur die Flucht vor der Zivilisation. Absolute Stille gibt es, aber die ist offenbar auch kaum auszuhalten.

Christian Satorius und Hans Graber
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In 800 Metern Tiefe des Haleakala-Vulkans auf der Insel Maui (Hawaii) hat ein Wissenschafter den «letzten leisen Ort der Erde» ausgemacht. Unter Laborbedingungen geht es aber noch leiser. (Bild: Larry Geddis/Alamy)

In 800 Metern Tiefe des Haleakala-Vulkans auf der Insel Maui (Hawaii) hat ein Wissenschafter den «letzten leisen Ort der Erde» ausgemacht. Unter Laborbedingungen geht es aber noch leiser. (Bild: Larry Geddis/Alamy)

«Guovssahasat» heisst das Nordlicht bei den Samen hoch oben im Norden Skandinaviens. Sie nennen es «das Licht, das man hören kann». Was lange als Mythos abgetan wurde, konnten Wissenschafter um Unto Laine von der Aalto-Universität in Finnland mittels Audioaufnahmen Anfang des Jahrtausends tatsächlich nachweisen. «Die Geräusche sind normalerweise kurz und schwach, und sie treten auch nicht immer auf», meint der finnische Akustikprofessor. «Vor allem aber erfordern sie ein sehr genaues Hinhören.» Und es muss in leiser Umgebung sein.

Aber wie leise kann es überhaupt werden? Die Suche nach den leisesten Orten der Welt könnte man vielleicht im heimischen Schlafzimmer beginnen. 30 Dezibel sind dort aber durchaus drin. Da unsere Hörschwelle bei 0 Dezibel verortet wird, ­bedeuten 30 Dezibel noch eine ganze Menge vielleicht nicht mal ­bewusst wahrgenommener Hintergrundgeräusche, zumal jede Zunahme um 10 Dezibel einer Verdoppelung gleichkommt.

Höchstens Wind und Regenprasseln sind hörbar

Entlegene menschenleere Gebiete, möglichst weit abseits von Strassen sowie Bahn- und Flugrouten, sind natürlich immer eine gute Adresse, wenn es um wirk­liche Stille geht. Doch selbst in solch unzugänglichen Gegenden wie dem Grassland-National-Park in Kanada, laut Hempton dem «leisesten Grassland-Ökosystem der Welt», kann man meist noch Naturgeräusche vernehmen wie etwa den Wind oder das Prasseln des Regens.

Doch es gibt Orte, wo auch die verstummen. Trevor Cox, Akustikprofessor an der britischen Universität von Salford, hat sich zu den Kelso-Dünen in der Mojave-Wüste aufgemacht und dort – wie erwartet – kein Regenprasseln vernommen, ja nicht einmal Tierlaute gehört, aber noch einige Windgeräusche registriert. Die gibt’s auch in anderen Wüsten zu hören, wie etwa in Salzwüsten oder in der Antarktis, der grössten Eiswüste der Welt.

Es gibt auch Dezibel- Minuswerte

Schnee schluckt zwar den Schall, aber selbst Schneefall ist «nur» 10 Dezibel leise. Auch Vulkanasche und zu löchrigem Gestein erstarrte Lava absorbieren Geräusche ausserordentlich gut. Das hat Gordon Hempton festgestellt, als er den Haleakala-Vulkan auf der zerklüfteten Insel Maui, Hawaii, genauer untersucht und sogar negative Dezibelwerte gemessen hat. Für ihn ist der 3000 Meter über dem Meeresspiegel gelegene Vulkan, dessen Krater 800 Meter tief ist, aus diesem Grund auch «der letzte leise Ort auf der Erde».

In schalltoten Kammern können künstlich Dezibel-Minus­werte erreicht werden. 0 ist die menschliche Hörschwelle, die aber nicht mit absolut geräuschlos gleichzusetzen ist. Minuswerte bedeuten, dass sie für Menschen nicht wahrnehmbar sind. Man hört absolut gar nichts.

Anscheinend ist das aber auch nicht das Wahre, denn uns wird es bei Minuswerten schnell sehr unwohl. Die Stille ist dann wirklich unheimlich.

Seit dem 2. Oktober 2015 gilt die schalltote Kammer des Microsoft-Labors in Redmond, Washington, als «leisester Ort der Welt», laut Guinness-Buch der Weltrekorde mit einem negativen Dezibelwert von minus 20,3 Dezibel (andere Quellen nennen ­minus 20,6). Damit ist man nahe dran an dem, was auf der Erde überhaupt möglich ist: Tiefer als minus 23 Dezibel geht nicht, denn diese verursachen Sauerstoffmoleküle, die in der Luft aneinanderstossen.

Qualität heisst nicht möglichst wenig Dezibel

Ob minus 20,3 oder 20,6 – für den ETH-Akustiker Beat Hohmann in Horw, Vorstandsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Akustik SGA-SSA, ist das nicht von Belang. Die Messungen dürften eh mit Ungenauigkeiten behaftet sein. Aber das ist nicht der springende Punkt: «Die Qualität eines leisen Ortes besteht nicht in möglichst wenig Dezibel», sagt Hohmann, «viel entscheidender ist, dass man an einem leisen Ort Geräusche auch von weit her in ihrer ganzen Vielfalt wahrnehmen kann.»

Die Frühlingstagung 2019 der Schweizischen Gesellschaft für Akustik geht demnächst der Frage nach, ob Ruhe und Erholung messbar sind. Beat Hohmann weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass wir längst nicht jeden höheren Schallpegel als unangenehm und störend empfinden. «Natürliche Geräusche, auch recht laute wie ein Wasserfall, werden fast immer positiv bewertet», weiss der Fachmann aus Erfahrung, «technische Geräusche dagegen meist negativ, ausser natürlich die des eigenen Autos …»

Am Mittwoch, 24. April, findet zum 22. Mal der internationale «Tag gegen Lärm» statt. In der Schweiz steht er unter dem Motto «Laut ist out» . Die Botschaft: Bei Lärm von Motorfahrzeugen ist auch das eigene Fahrverhalten entscheidend. www.laerm.ch

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