Coronavirus

Auf Kreuzfahrtschiffen und in Hamsterkäfigen deutet sich an: Schützen Masken gegen schwere Krankheitsverläufe?

So gross die Vielfalt, so schwierig ist die Wirkung der Masken zu beziffern.

So gross die Vielfalt, so schwierig ist die Wirkung der Masken zu beziffern.

Auf Kreuzfahrtschiffen und in Hamsterkäfigen zeigte sich ein wichtiger Effekt der Maske: Selbst wenn sie nicht komplett schützen konnte, werden Infizierte sehr wahrscheinlich weniger heftig krank. Masken wären also umso wichtiger, wenn sich die Pandemie nicht stoppen lässt.

Ein paar Viren dringen immer durch. Selbst an Orten, wo Maskenpflicht gilt, infizieren sich einige Pechvögel mit dem neuen Coronavirus. Doch viele von ihnen haben Glück im Unglück: Sie landen nicht auf der Intensivstation, sondern haben nur leichte oder gar keine Symptome. Diesen glimpflichen Verlauf haben sie möglicherweise den Masken zu verdanken. Denn ohne Masken hätten sie anfänglich mehr Viren abgekriegt, und die anfängliche Virenlast hängt vermutlich mit der Schwere des Verlaufs zusammen.

Gesichert sei der Zusammenhang beim Menschen nicht, antworten die Professoren Sarah Tschudin Sutter und Manuel Battegay vom Universitätsspital Basel auf eine Anfrage von CH Media. Doch sie sagen:

Ein Forschungsteam der Universität Hong Kong konnte den Effekt an Hamstern beobachten. Für ihr Experiment platzierten sie Käfige mit gesunden Hamstern neben Käfige mit Hamstern, denen sie Coronaviren in die Nase gegeben hatten. Einige Käfige schirmten sie mit Hygienemasken ab, bei anderen verzichteten sie auf eine Abschirmung. Von den abgeschirmten Hamstern infizierten sich wie erwartet deutlich weniger als von den nicht abgeschirmten. Doch es zeigte sich auch, dass bei jenen, die sich trotz Abschirmung infiziert hatten, Lunge, Luftröhre und Nase in besserem Zustand waren als bei den nicht abgeschirmten Infizierten.

Kreuzfahrtschiffe sind die Hamsterkäfige der Menschen

Der Zusammenhang zwischen der anfänglichen Virenlast und dem Verlauf der Krankheit leuchtet intuitiv ein. Wenn das Virus in den Körper eindringt, geht eine Schlacht los. Auf der einen Seite sind die Krankheitserreger, die sich rasant vermehren. Auf der anderen Seite räumt das Immunsystem infizierte Zellen weg und produziert Antikörper. Je weniger Viren am Anfang da sind, desto besser die Chancen für einen raschen Sieg des Immunsystems, mögen sich Laien denken. Doch ganz so einfach ist es nicht. «Ob sich die Resultate aus Tierversuchen auch bei Menschen bestätigen, bleibt offen», sagen die Spitalhygieniker aus Basel. Die Interaktionen des neuen Coronavirus mit dem Immunsystem des Menschen sei komplex und werde wahrscheinlich auch durch genetische Faktoren beeinflusst.

Länder, in denen Masken üblich sind, haben weniger Todesfälle.

Länder, in denen Masken üblich sind, haben weniger Todesfälle.

Bei anderen Viren, zum Beispiel bei den Verursachern von Masern und denjenigen der spitzen Blattern, konnte ein ähnlicher Zusammenhang beim Menschen nachgewiesen werden. Beim neuen Coronavirus hingegen mangelt es noch an Daten – und Experimente mit vorsätzlichen Covid-19-Ansteckungen können zwar mit Hamstern, nicht aber mit Menschen gemacht werden. Immerhin hat das aktuelle Jahr doch schon einiges an Anschauungsmaterial geliefert. Den Hamsterkäfigen ziemlich nahe kommt die Situation auf einem Kreuzfahrtschiff. Weltbekannt ist das eine, das im Februar noch nicht mit Schutzmasken ausgerüstet war: die Diamond Princess, an deren Bord sich mehr als 600 Personen angesteckt hatten. Bei 18 Prozent der Infizierten, also bei ungefähr jeder und jedem Fünften, zeigten sich keine Symptome.

Weit weniger heftig hat es die Passagiere und die Crew eines kleineren Kreuzfahrtschiffes getroffen, das Mitte März an der Südspitze Argentiniens in See stach. Nach dem ersten bestätigten Fall waren alle Passagiere und die Crew mit Masken ausgerüstet worden. Zwar konnte das Virus schliesslich trotzdem mehr als der Hälfte von ihnen, bei 128 von 217, nachgewiesen werden. Aber vier Fünftel der Infizierten entwickelten keine Symptome.

Länder, in denen Masken üblich sind, haben weniger Todesfälle

Ähnlich sieht es beim Gesundheitspersonal aus. Als es zu Beginn der Pandemie in Italien an Masken mangelte, gab es auch unter dem Personal in Spitälern viele Todesfälle zu beklagen. In Kliniken, wo konsequent Masken getragen werden, kommt es erfahrungsgemäss dagegen kaum zu schweren Verläufen beim Personal.

Auffallend wenige schwere Krankheitsverläufe gab es im Frühjahr zudem in Ländern und Regionen, wo ein hoher Anteil der Bevölkerung Masken trug, zum Beispiel in Japan, Hong Kong, Taiwan und Südkorea. Am tiefsten ist der Anteil Todesfälle unter den bestätigten Infektionen laut Statistik der Johns Hopkins University in Singapur. Dort war Mitte April eine allgemeine Maskenpflicht ausserhalb der eigenen Wohnung in Kraft getreten.

Maskentragen kann die Verbreitung der Viren verhindern.

Maskentragen kann die Verbreitung der Viren verhindern.

Neben den Masken gibt es aber noch verschiedene andere Faktoren, die sich auf die Sterblichkeitsrate auswirken können. Die Aussagekraft dieser Zahlen ist deshalb beschränkt.

In der Schweiz sind schwere Verläufe derzeit anteilsmässig seltener als im Frühjahr. Das liegt unter anderem daran, dass vermehrt jüngere Menschen das Virus erwischen. Auch dass mehr getestet wird, wirkt sich auf die Zahl aus. «Inwiefern das Tragen von Masken auch einen Einfluss hat, bleibt vorerst unklar», sagen Tschudin und Battegay von der Universität Basel dazu.

Infektionen ohne Symptome bergen auch eine Gefahr in sich

Falls das Tragen von Masken tatsächlich schwere Verläufe verhindert, ist dies gleich mehrfach erfreulich. Die Gefahr sinkt für die direkt Betroffenen, und eine Überlastung des Gesundheitssystems wird unwahrscheinlicher. Es könnte aber auch eine unerwünschte Nebenwirkung geben: Diejenigen Menschen, die das Virus in sich tragen, ohne Symptome zu verspüren, werden sich kaum in Quarantäne begeben und könnten deshalb unbemerkt zur Verbreitung der Viren beitragen.

Die Wirkung einer Maske hängt auch davon ab, wie gut sie im Gesicht sitzt.

Die Wirkung einer Maske hängt auch davon ab, wie gut sie im Gesicht sitzt.

Insgesamt aber helfen die Masken, die Ausbreitung der Epidemie zu bremsen – da sind sich die allermeisten Fachleute einig. Umstritten ist dabei, wie gross der Effekt ist. Im Frühjahr hiess es noch, die meisten Übertragungen gäbe es über Kontakt, zum Beispiel über die Hände. Nun scheinen aber die Aerosole – mikroskopisch kleine, in der Luft schwebende Tröpfchen – doch eine gewichtigere Rolle zu spielen.

Bei all den Wenns und Abers bräuchte es dringend Fakten aus der Wissenschaft. Zwar werden Tests in Labors durchgeführt, doch die Wirkung einer Maske hängt auch stark davon ab, wie gut sie auf dem Gesicht sitzt, in welchen Situationen sie getragen wird und ob im Umgang auch die nötigen Hygienemassnahmen wie Hände waschen angewendet werden. Aussagekräftige Zahlen sollten nächstens aus Dänemark kommen. Eine Studie mit 6000 Däninnen und Dänen ist abgeschlossen, die Resultate sind aber noch nicht publiziert. Sogar 40'000 Menschen sollen an der Studie einer dänischen Professorin im westafrikanischen Staat Guinea-Bissau teilnehmen.

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