Coronavirus
Kann das Virus in manchen Fällen den Schmerz unterdrücken?

Genfer Ärzte entdeckten bei drei Krebspatienten mit Corona ein überraschendes Phänomen. Wenn man bedenkt, welche Gehirnregion dafür zuständig ist, ergeben sich weitere Parallelen.

Sabine Kuster
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Das Coronavirus hat Einfluss auf einen ganz bestimmten Bereich im Gehirn - oder auf die Nervenbahnen dort hin.

Das Coronavirus hat Einfluss auf einen ganz bestimmten Bereich im Gehirn - oder auf die Nervenbahnen dort hin.

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Es sind nur drei Beispiele, doch das Phänomen ist erstaunlich: Drei Männer im Alter von 67 bis 84 Jahren hatten wegen ihrer Krebserkrankung im End­stadium heftige Schmerzen. Doch die schmerzmildernden Medikamente wirkten bei allen ungenügend. Dann wurden sie ins Universitätsspital HUG in Genf eingewiesen, weil sie sich mit Sars-Cov-2 infiziert hatten.

In der Folge milderten sich die Schmerzen oder verschwanden gar komplett – aber nur, bis sie die Krankheit überstanden hatten. Bekannt ist bisher das Gegenteil: Schwere Covid-19-Erkrankungen verschlimmern oft chronische Schmerzen.

Oft merken Coronapatienten auch Sauerstoffmangel nicht

Es gibt noch keine wissenschaftlich gesicherte Erklärung für dieses Phänomen, doch das Ärzteteam unter der Leitung von Palliativ-Medizinerin Lisa Hentsch, und Internist Matteo Coen, vermutet, dass dies einer Fehlfunktion des Nerven­systems geschuldet sein könnte.

Die Fälle mit dem verminderten Schmerzempfinden bringen die Genfer Ärzte zusammen mit einem früheren Befund: Nämlich, dass relativ viele ­Covid-19-Patienten es nicht realisieren, wenn sie eigentlich Atemnot haben müssten. Das heisst, die Patienten merken nichts davon, dass ihr Blut eine geringere Sauerstoffsättigung hat als sonst – oder erst, wenn die Situation schon lebens­bedrohlich ist.

Drei Thesen wie das Virus das Gehirn beeinflusst

Der Fehler könnte in der Inselrinde im Gehirn liegen. Dort werden auch Gerüche weiter­geleitet – diese Sensorik ist bei Covid-19 oft betroffen. Die Inselrinde ist zudem dafür zuständig, das Innere des Körpers wahrzunehmen – wie eben Atemnot oder Schmerz. Das ­Virus könnte die Gehirnregion entweder direkt beeinflussen oder durch die heftige Entzündungsreaktion bei schweren Verläufen Schaden nehmen.

Eine weitere Hypothese ist eine fehlerhafte Funktion des peripheren Nervensystems, also der Nerven ausserhalb von Gehirn und Rückenmark, denn dieses ist verantwortlich für das weiterleiten von Signalen wie Schmerz oder Atemnot.

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