Coronavirus

Das Virus greift nicht umsonst die Atemwege an – ein Pneumologe sagt: «Die Lunge kriegt alles ab»

Atmen ist unser dringendstes Bedürfnis: Entsteht dort eine Entzündung, wird es schnell lebensgefährlich.

Atmen ist unser dringendstes Bedürfnis: Entsteht dort eine Entzündung, wird es schnell lebensgefährlich.

Das Coronavirus befällt zuerst die Lunge: Ein Pneumologe des Unispitals Zürich erklärt, warum das Organ besonders verletzlich ist – und dass man sich Atemnot auch einbilden kann. Christian Clarenbach (44) behandelt sowohl kranke, wie auch geheilte Corona-Patienten.

Ist die Lunge ein für Krankheiten speziell anfälliges Organ?

Christian Clarenbach: Das kann man nicht sagen. Aber es ist der Haupt-Schauplatz für die schweren Verläufe von Covid-19. Zudem ist die Lunge sehr exponiert als Eintrittspforte: Wenn Sie ohne Maske durch die volle Zürcher Bahnhofstrasse gehen, dann kriegt die Lunge alles ab, was da in der Luft ist. Die Leber und die Niere sind besser geschützt.

Lungenkrankheiten gibt es viele. Gibt es etwas, was nur das Coronavirus in der Lunge anrichtet?

Auffallend heftig sind die Entzündungen. Das gibt es auch bei schweren Grippefällen aber nicht so häufig und nicht so langwierig. Die Entzündungen bewirken, dass der Sauerstoff durch die Lunge weniger gut ins Blut gelangt. Die Gefässe verstopfen bei einzelnen Patienten. Und je länger die Krankheit dauert, desto mehr Schäden entstehen am Organ.

Was sind das für Schäden?

Es kann bei schweren Verläufen zur Narbenbildung in der Lunge kommen, und dann sind die Leute weniger belastbar als vor der Infektion. Aber was genau passiert und ob dies ausheilt, wissen wir erst in 12 oder 18 Monaten. Sicher ist, dass sich die Patienten in den ersten zwei Monaten am deutlichsten erholen.

Der Peak der Coronavirus-Infektionen ist drei Monate her. Wie sieht die Bilanz vorerst aus?

Jene, die jetzt noch über weniger Fitness und andere Probleme klagen, sind eher ältere Personen, die lange hospitalisiert waren. Für uns Lungenärzte ist es von grossem Interesse, die Krankheitsverläufe längerfristig zu verfolgen. Gerade bei jüngeren Patienten. Wir bieten an, sich im Laufe des nächstens Jahres zwei, dreimal Mal untersuchen zu lassen. Die Resultate, die wir daraus gewinnen können, sind wichtig. Es gibt dazu auch eine App für Smartphones, mit der man die Symptome im Rahmen eines Forschungsprojekts täglich erfassen kann.

Was kann man für die Heilung tun?

Körperliches Training hilft, allenfalls unterstützt mit zusätzlichem Sauerstoff via Nase. Aber es sind nur sehr wenige, die einen so schweren Verlauf haben, dass sie langfristig noch Sauerstoff benötigen. Dazu muss viel Narbengewebe entstanden sein.

Diese Narben in der Lunge sind mit Narben auf der Haut vergleichbar?

Nein, es ist ein anderes Gewebe. Man könnte auch einfach sagen, es ist ein Gewebeschaden an der Lunge. Es ist aktuell unklar, inwieweit Medikamente helfen, einen solchen Gewebeschaden zu verhindern. Solche werden momentan in China erst getestet. Bislang kann man für die Heilung nichts tun, was auf irgendwelchen gesicherten Erkenntnissen beruht.

Früh war die Rede davon, dass Norditalien und Wuhan besonders stark getroffen worden seien wegen der Luftverschmutzung. Hat sich dies bestätigt?

Es stimmt sicher, dass die Lungengesundheit an Orten mit höherer Luftverschmutzung schlechter ist. Das könnte ein Risikofaktor für einen schwereren Verlauf sein.

Bezüglich Rauchens machten Studien die Runde, die gezeigt haben sollen, dass Nikotin vor schweren Verläufen bei Covid-19 schütze.

Da gab es widersprüchliche Einschätzungen aus Frankreich und Asien. Manche Franzosen haben sich dann sogar Nikotinpflaster aufgeklebt. Wir haben aber keinen solchen Effekt beobachtet und man sollte vorsichtig sein. Denn grundsätzlich ist man mit einer vorgeschädigten Lunge gefährdeter.

Haben Sie Patienten, die sich die Atemnot nur einbilden?

Das gibt es bei uns in der Lungensprechstunde immer wieder. Das Gefühl von Atemnot können wir nicht so gut messen. Wir können aber testen, ob die Lunge gut funktioniert, wir messen die Belastungsfähigkeit sowie die Sauerstoffaufnahme bei Belastung und vergleichen sie mit der Altersgruppe. Wir können also sehen, ob eine mögliche Erkrankung dahinter steckt oder einfach ein Empfinden, vielleicht verursacht durch eine belastende Situation oder durch eine Angst.

Gibt es wegen der Coronapandemie nun mehr solcher Fälle?

Es haben sich schon viele gemeldet, die nur einen Schnupfen oder Angst hatten und dann für einen Abstrich vorbeikamen. Aber das ist ja auch gut so. Bei jenen, welche die Krankheit hatten, ist die Atemnot keine Einbildung. Sie merken, dass sie beispielsweise noch nicht so gut in den vierten Stock hochkommen wie davor.

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