Pandemie

Das Virus kursiert nun unter den Jungen: Wie lange verschont die Corona-Welle die Senioren?

Zur Zeit stecken sich jüngere Menschen mit dem Coronavirus an als im Frühling.

Zur Zeit stecken sich jüngere Menschen mit dem Coronavirus an als im Frühling.

Covid-19 trifft derzeit vor allem die junge Bevölkerung. Deshalb bleibt die Zahl der Spitaleinweisungen und Todesfälle trotz steigender Infektionszahlen tief.

376 neue Fälle am Samstag, die 300er-Grenze wird seit einigen Tagen überschritten. Verändert gegenüber den Anfangsmonaten der Corona-Pandemie hat sich aber die Altersdurchmischung der positiv getesteten Menschen in der Schweiz. Der Anteil junger infizierter Menschen ist deutlich gewachsen, die Übertragung scheint vor allem in der jungen Bevölkerung stattzufinden.

Der zum Teil wiederhergestellte Alltag lässt die Menschen trotz Hygiene- und Distanzregeln wieder zusammenrücken. Zudem sind vor zwei, drei Wochen viele aus den Ferien zurückgekehrt, deren positive Laborwerte jetzt beim Bundesamt für Gesundheit gemeldet werden. Wieviele von den Ferienreisenden das Virus tatsächlich mitgebracht haben, ist im Moment aber noch nicht klar, wie der Epidemiologe Marcel Tanner erklärt. Ansteckungsorte für junge Menschen gibt es viele, nicht nur in Clubs und Bars. Nach den Sommerferien treffen sie sich auch wieder mehr in den Sportvereinen, sitzen in der Garderobe zusammen und danach zur gemütlichen dritten Halbzeit. Hat es einen positiv getesteten Fall darunter, muss die ganze Mannschaft in Quarantäne. Ein Umstand, der das Funktionieren der Klubs im Amateurfussball laufend erschwert. Bereits mussten wegen der Quarantänemassnahmen etliche Unterliga-Fussballspiele verschoben werden.

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Ein erklärbares Corona-Paradox

Trotz der steigenden Zahl an Ansteckungen im August, ist jene der Spitaleinlieferungen und der Todesfälle wegen Covid-19 erfreulicherweise stabil geblieben. Das gilt auch für das Nachbarland Deutschland, weshalb dort vom «Corona-Paradox» gesprochen wird. Paradox ist die Situation allerdings nicht, wie Marcel Tanner von der Task Force sagt: «Der Grund liegt vor allem in der aktuellen Altersdurchmischung der Infizierten. Weil nun die vornehmlich Jungen betroffen sind, die weniger schwer erkranken, gibt es weniger Hospitalisierungen.»

Nicht mit Florida vergleichbar

Die wenigen Spitaleinweisungen und Todesfälle sind erfreulich. Befürchtet wird aber der Florida-Effekt. Dort grassierte das Coronavirus zuerst auch unter den Jungen, sprang aber danach auf die älteren Menschen über. «Befürchten muss man das nicht, aber diese Möglichkeit beachten», sagt Tanner. Der Vergleich mit Florida hinkt aber sowieso. «Florida ist eine Ansammlung von älteren und alten Menschen, also mit einem hohen Anteil an Risikopersonen. Dort ist das soziale Gewebe ganz anders als bei uns», sagt Tanner. Aber natürlich müsse man auch in der Schweiz für Risikogruppen spezifische Schutzkonzepte entwickeln. «Dafür muss man, der lokalen Situation angepasst, an jedem Ort die richtige Lösung schneidern.» An vielen Orten habe man das zu Beginn der Epidemie falsch gemacht und die Leute zu stark isoliert.

Viele Altersheime hätten schon zu Beginn der Krise auch bessere, innovative Lösungen gefunden, so dass sich die Leute doch noch treffen konnten. Diese Meinung teilt auch die Ethikerin Ruth Baumann-Hölzle.

Keine Angst schüren

Das Wichtigste sei nun keine Angst zu schüren, sondern zu zeigen, dass es Möglichkeiten zur Eindämmung gebe. Das gelte für alle: Wissenschafter, Politiker und Medien. Das rege die Verantwortlichen an, selber initiativ zu sein, sei es nun ein Leiter einer Kantine im Altersheim oder ein Veranstalter von Grossanlässen. Auch der Epidemiologe Marcel Salathé sagt im «Tages-Anzeiger», man müsse eigentlich nicht viel mehr machen als bisher, aber besser. Damit meint er das Testen und das Contact Tracing. Tanner erklärt, dass es fünf bis acht Tage braucht bis ein Infizierte Symptome zeigt, danach trägt er das Virus im Durchschnitt etwa zwei Wochen lang. Ein Covid-Erkrankter ist somit lange infektiös. Umso wichtiger ist es, dass das Testen schnell erfolgt und das Contact-Tracing sofort beginnen kann. «Wenn das zu langsam geht, verlieren wir.» Genau das fehlende Tempo kritisiert Salathé. Die Leute in Quarantäne zu setzen, die möglicherweise das Virus übertragen könnten, sei die intelligente Alternative zum Lockdown.

Virus hat sich wahrscheinlich nicht entscheidend verändert

Diskutiert wird in Deutschland auch, dass das Virus durch Mutation harmloser gewesen sei und deshalb weniger schwere Verläufe mache als im Frühling. Das Virus verbreite sich mehr in der Nase statt in der Lunge und sei deshalb weniger gefährlich. «Darauf gibt es noch keine klaren wissenschaftlichen Hinweise», sagt Tanner. Das Virus mutiere laufend, habe sich aber bisher weder zum Guten noch zum Schlechten verändert, wie die umfangreichen Sequenzierungen von Tausenden von isolierten Viren zeige.

Corona-Leugner zweifeln unter anderem an der Qualität der Tests.

Corona-Leugner zweifeln unter anderem an der Qualität der Tests.

Die Covid-19-Tests sind zuverlässig

In Deutschland mokieren einige, weil mehr getestet werde, gebe es auch mehr positive Fälle. In der Schweiz wird allerdings nur wenig mehr getestet als im Frühling. Daher kann die hohe Infektionszahl alleine also nicht kommen. Zudem bezweifeln Corona-Leugner die Qualität der Tests. Die Infektionszahlen seien viel zu hoch, weil die Covid-Tests, die PCR-Tests, massenhaft falsche Resultate lieferten. «Diese Kritiken sind jetzt nicht fundiert», unterstreicht Marcel Tanner. Natürlich könne es falsche Resultate geben, insbesondere wenn der Test nicht richtig gehandhabt worden sei, also ein Fehler beim Testprozedere geschehe. Die Tests seien laufend optimiert und validiert worden, für deren Bestätigung sei gerade in der Schweiz sehr viel gemacht worden.

Nur vereinzelt falsche Testresultate

Das bestätigt auch Wolfgang Korte, Chef des Zentrums für Labormedizin ZLM in St.Gallen: «Gut bestätigte PCR-Tests haben in der Regel eine Spezifität von mehr als 99 Prozent». Das bedeutet, dass tatsächlich Gesunde im Test zu mehr als 99 Prozent auch als gesund erkannt werden. Trotzdem sei nicht auszuschliessen, dass es sehr vereinzelt zu falsch positiven Resultaten kommen könne. Endresultate werden nach Korte aber sowieso erst nach einer Plausibilisierung des Tests, also wenn nötig nach einer weiteren Prüfung, publiziert.

Die in Deutschland geführte Diskussion geht nach Tanner zurück auf die ersten Covid-Tests, die nicht genügend validiert waren. «Da gab es berechtigte Kritikpunkte. Die heutigen Tests sind in einem ganz anderen Stadium und sehr verlässlich».

Autor

Bruno Knellwolf

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