Natur
«Die Alpen werden dem Menschen wieder gefährlich»

Die Gletscher schmelzen, der Wolf kehrt zurück: Die Alpen drohen als menschlicher Lebensraum zu verschwinden. Der Alpenforscher Werner Bätzing warnt vor einer Zerstörung der alpinen Kulturlandschaft

Ruth Reif
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Es zieht ein dunkler Schatten über die Alp Häderen oberhalb Brülisau. «Die Arbeit auf der Alp ist hart», weiss der Geograf Werner Bätzing.

Es zieht ein dunkler Schatten über die Alp Häderen oberhalb Brülisau. «Die Arbeit auf der Alp ist hart», weiss der Geograf Werner Bätzing.

Keystone

Herr Bätzing, Sie erforschen seit dreissig Jahren die Alpen. Hat sich in dieser Zeit ein Bewusstsein für ihre Gefährdung entwickelt?

Werner Bätzing: Im Gegenteil, die Situation der Alpen hat sich deutlich verschlechtert. Während vor dreissig Jahren die Alpen noch im Brennpunkt der europäischen Öffentlichkeit standen, ist der Blick heute auf die Metropolen fixiert. Zum anderen haben die Alpen eine signifikante Veränderung durchlaufen. Die Landwirtschaft ist stark zurückgegangen. Die Verstädterung hat extrem zugenommen. Und die Entsiedlung hat sich fortgesetzt.

Der Geograf und Philosoph Werner Bätzing (65) ist einer der renommiertesten Alpenspezialisten. Er arbeitete an der Universität Bern, bevor er als Professor an die Universität Erlangen-Nürnberg berufen wurde. Seit kurzem ist er pensioniert. Das hindert ihn aber nicht am Arbeiten. Eben ist sein Standardwerk «Die Alpen» in einer überarbeiteten Ausgabe erschienen. Ausserdem hat er unter dem Titel «Zwischen Wildnis und Freizeitpark. Eine Streitschrift zur Zukunft der Alpen» publiziert.

Der Geograf und Philosoph Werner Bätzing (65) ist einer der renommiertesten Alpenspezialisten. Er arbeitete an der Universität Bern, bevor er als Professor an die Universität Erlangen-Nürnberg berufen wurde. Seit kurzem ist er pensioniert. Das hindert ihn aber nicht am Arbeiten. Eben ist sein Standardwerk «Die Alpen» in einer überarbeiteten Ausgabe erschienen. Ausserdem hat er unter dem Titel «Zwischen Wildnis und Freizeitpark. Eine Streitschrift zur Zukunft der Alpen» publiziert.

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Was müsste geschehen, um den Rückgang der Landwirtschaft im Alpenraum aufzuhalten?

Die alpenländische Landwirtschaft muss auf Qualitätsprodukte setzen, die auf umwelt- und sozialverträgliche Weise produziert werden. Dazu bedarf es entsprechender Rahmenbedingungen, was auch die Vermarktung mit einem alpenweiten Label einschliesst. Die Entwicklung geht aber in die entgegengesetzte Richtung. Immer mehr Berglandwirtschaften werden aufgegeben, und die Kulturlandschaften verwildern. Der Wolf kehrt zurück, weil viele Gegenden brach gefallen sind, in denen er und andere Raubtiere, auch Bären oder Luchse, gute Lebensmöglichkeiten bekommen. Damit werden die Alpen dem Menschen wieder gefährlich.

Umweltschützer begrüssen die Rückkehr des Wolfes ...

Das Schlagwort lautet: Natur Natur sein zu lassen. Fördert man diese Entwicklung, kehrt die Wildnis zurück. Der Mensch sollte bestimmte Alpengebiete dann gar nicht mehr betreten. Andererseits aber geht die Artenvielfalt stark zurück, wenn die Alpen verbuschen und verwalden. Denn sie wurde vom Menschen mitgeprägt.

Bedeutet das, dass die Alpen nur dann als Kulturlandschaft erhalten bleiben, wenn eine landwirtschaftliche Nutzung stattfindet?

Gegenwärtig hängt die Vielfalt der alpinen Vegetation an den Arten der Rasengesellschaften. Durch die Auflichtung, die erfolgte, als der Mensch Rodungen für bäuerliche Tätigkeiten vornahm, erhielten die seltenen Arten mehr Ausbreitungsmöglichkeiten. Zudem brachte der Mensch, indem er Ackerbau und Viehwirtschaft einführte, zahlreiche Pflanzenarten, darunter auch eine Reihe von Gartenpflanzen, in den Alpenraum. Das heisst, ein relevanter Teil der Artenvielfalt des Alpenraums ist vom Menschen mitgeprägt. Da haben wir im Umweltschutz einen Grundsatzkonflikt. Will man Artenvielfalt oder Wildnis?

«Keine Alp, auf der nicht gekifft wird», sagten Sie einmal. Anders halte man es da oben nicht aus.

Die Arbeit auf der Alp ist hart. In Italien haben diese Aufgabe rumänische Gastarbeiter übernommen, die den Sommer auf den Piemontesischen Alpen verbringen und da auf furchtbare Weise leben. Andererseits gibt es auch Städter, die aussteigen und naturnah leben wollen. In der Schweiz ist das stark verbreitet. In Graubünden soll ein Drittel des Alpenpersonals aus Städtern bestehen. Das ist eine positive Entwicklung, weil dadurch viele Städter in Kontakt mit den Alpen kommen und erfahren, was es heisst, naturnah zu leben und zu wirtschaften.

Ebenfalls ein Problem sehen Sie im Verkehr, und Sie fordern eine quantitative Verringerung und Verlangsamung. Sind Basistunnel eine Lösung?

Den selbstgesetzten Zweck, den LKW-Verkehr von der Strasse auf die Schiene zu verlagern, erfüllen diese Basistunnel nicht. In der Schweiz gab es sogar einen Volksentscheid, nach dem die LKW-Fahrten durch die Alpen auf maximal 650 000 im Jahr begrenzt werden sollten. Deswegen begann man, den Gotthard-Basistunnel zu bauen. Aber obwohl der Tunnel erst 2016 eröffnet wird, weiss man jetzt schon, dass das Ziel nicht erreicht werden kann. Die Zahl der LKW-Fahrten ist viel zu hoch. Der Tunnel wird nicht einmal den Zuwachs aufnehmen können.

Was müsste getan werden, um den LKW-Verkehr tatsächlich zu verringern?

Die Wirtschaft heute funktioniert über den LKW. Die Just-in-time-Funktion, dass Waren genau dann angeliefert werden, wenn sie am Fliessband gebraucht werden, kann die Bahn nicht erfüllen. Die wiederholten Betonungen, man wolle den Verkehr auf die Schiene verlagern, sind blosse Absichtserklärungen. Einen neuen Basistunnel zu bauen, wenn man mit einem Bruchteil des Geldes die Kapazitäten der bestehenden Eisenbahnstrecken relevant erhöhen könnte, ist absurd. Für mich offenbart sich darin nur die absurde Verkehrspolitik Europas.

Damit wären wir bei der Politik. Bis zum Sommer soll eine «makroregionale EU-Strategie für den Alpenraum (EUSALP)» erarbeitet werden. Was ist davon zu erwarten?

Mit dieser Strategie, die in der Europäischen Union seit 2007 besteht, wird ein neuer Ansatz versucht, um wirtschaftlich schwache, länderübergreifende Gebiete zu unterstützen. Dabei wird auch der Alpenraum thematisiert. Ich fürchte allerdings, dass diese Strategie eher die Verstädterung des Alpenraums fördern wird. Denn ihre Leitideen deuten in diese Richtung.

Ist auch die Schweiz von solchen Entscheidungen der Europäischen Union abhängig?

Seit dem Ende der Neunzigerjahre hat die Schweiz bilaterale Verträge mit der Europäischen Union, um Zugang zum EU-Binnenmarkt zu erhalten. Auf diese Weise übernahm sie freiwillig zahlreiche EU-Rahmenbedingungen, ohne die Möglichkeit zu haben, bei der Europäischen Union mitzubestimmen. Besonders die kleinen Käsereien bekommen das schmerzlich zu spüren. Früher gab es in jedem Schweizer Dorf eine kleine Käserei. Mittlerweile musste mindestens die Hälfte schliessen, weil sie die an Grossmolkereien orientierten EU-Richtlinien nicht erfüllen kann.

Nun gibt es auch noch die Alpenkonvention, ein internationales Vertragswerk zur nachhaltigen Entwicklung im Alpenraum.

Die Alpenkonvention wäre das notwendige Instrument, um alpenweite Lösungen zu finden. Es wird ihr aber vonseiten der Politik nicht die Bedeutung zugestanden, die sie haben müsste. Sie sollte viel mehr gestärkt werden, damit sie ihre Aufgabe wahrnehmen kann.

Sie stellen die Alpen als äusserst kompliziertes und komplexes Öko-System dar. Ist die Erforschung der Alpen vorangekommen?

Die Erforschung der Alpen ging weiter. Es erfolgte jedoch eine immer ausgeprägtere Spezialisierung auf Einzelfaktoren. So gibt es Fortschritte beim Verständnis des Klimawandels im Alpenraum sowie der Analyse des Permafrostes und der Lawinentätigkeit. Thematisieren aber müsste man die Zusammenhänge, die Wechselwirkungen zwischen Wirtschaft, Umwelt und Kultur, und das geschieht nicht.

Die Auswirkungen der Klimaerwärmung werden in den Alpen deutlich sichtbar. Stellt der Rückgang der Gletscher eine Gefahr für den Alpenraum dar, oder handelt es sich nur um eine Veränderung?

Aus der Sicht der Naturgeschichte ist der Rückzug der Gletscher eine Veränderung, die in der Bandbreite der natürlichen Ereignisse seit dem Ende der letzten Eiszeit liegt. Wenn man dagegen vom Menschen aus denkt, bedeutet das Zurückschmelzen der Gletscher eine akute Gefahr. Es bilden sich Seen in den Senken, und diese können ausbrechen. Bei Grindelwald etwa entstand durch den Rückzug des Gletschers ebenfalls ein solcher Gletschersee. Da wurde mit hohem Kostenaufwand ein künstlicher Stollen gebaut, um zu verhindern, dass der See ausbricht und Teile von Grindelwald verwüstet. Solche Seen entstehen an vielen Stellen der Alpen, wo vordem Gletscher waren.

Das heisst, die Klimaerwärmung gefährdet jetzt bereits das Leben der Menschen im Alpenraum.

Ja. Ein weiterer Effekt ist die Zunahme von Muren. Im obersten Stockwerk der Alpen kommt es ständig zu Frostsprengungen. Durch den Wechsel von Eis zu Wasser wird das Gestein gelockert und bricht aus der Felswand Steine heraus. Diese Steine sammeln sich in riesigen Blockfeldern am Fuss der Felswände, wo sie durch Eis zusammengehalten werden. Taut es auf, geraten die Schuttmassen in Bewegung, und bei einem Starkregen stürzen sie ins Tal. Das geschieht seit dem Katastrophensommer 1987, in dem viele Muren abgingen. Und der dritte Effekt der Klimaerwärmung ist, dass Extremwetterereignisse im Alpenraum zunehmen werden.

Blicken Sie pessimistisch in die Zukunft der Alpen?

Nein, ich sehe eine wichtige positive Entwicklung im Bereich der kulturellen Identität. Um 1980 herum wurden die Alpen als Provinz angesehen, und da zu leben, galt nichts. Seitdem aber hat sich das signifikant verändert. Feststellen kann man es an der Aufwertung der Dialekte und Minderheitensprachen wie dem Rätoromanischen. Heute ist man stolz darauf, Mitglied einer solchen Sprachgemeinschaft zu sein und im Alpenraum zu leben. Für mich ist das ein Hoffnungsschimmer. Nicht Subventionen schaffen im Alpenraum Zukunft, sondern die Freude und das Selbstbewusstsein, da zu leben und zu arbeiten.