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Die Megafête der Winzer: Vevey erwartet bald täglich 20'000 Besucher

Die letzte Fête des Vignerons hat in Vevey im Jahr 1999 stattgefunden. Damals lockte das Spektakel rund eine halbe Million Besucher an, dieses Mal sollen es doppelt so viele werden.

Die letzte Fête des Vignerons hat in Vevey im Jahr 1999 stattgefunden. Damals lockte das Spektakel rund eine halbe Million Besucher an, dieses Mal sollen es doppelt so viele werden.

Am Genfersee findet diesen Sommer nach zwanzig Jahren wieder eine Fête des Vignerons statt. Was als kleiner Umzug begonnen hatte, ist zu einem der grössten Feste der Schweiz geworden.

Das Städtchen Vevey im Waadtland erwartet so viele Besucher, wie es Einwohner hat: 20 000 – und das jeden Tag von Mitte Juli bis Mitte August. Nur alle 20 bis 25 Jahre findet die Fête des Vignerons, das Winzerfest, statt, doch umso tiefer der Eindruck, den sie jeweils hinterlässt.

Jede und jeder in Vevey hat eine Geschichte dazu zu erzählen. «Vor zwanzig Jahren habe ich an der Kasse mitgeholfen», sagt zum Beispiel Daniel Willi, der als Chefingenieur für den Aufbau der diesjährigen Arena zuständig ist, «... und vor vierzig Jahren im Chor gesungen.»

Die Freilichtanlage, die in den vergangenen Monaten unter seiner Leitung aufgestellt wurde, scheint den Marktplatz des Waadtländer Städtchens beinahe zu sprengen. Die Holzverbauungen ziehen sich bis auf den See hinaus, die Wände zwanzig Meter empor, weit über die Wipfel der Platanen hinaus. Um die schneebedeckten Gipfel am gegenüberliegenden Seeufer zu sehen, müssen die Besucherinnen und Besucher auf den Zwischenboden in fünf Metern Höhe emporsteigen.

Fête des Vignerons – ein jahrhundertealtes Winzerfest:

Die Fête des Vignerons – ein jahrhundertealtes Winzerfest

Etwa fünfmal im Jahrhundert findet in Vevey die "Fête des Vignerons" statt. Ein Freilichtspektakel, das die Traditionen der Weinherstellung und den Kreislauf der Natur feiert. Das Ereignis, das diesen Sommer erneut stattfindet, wurde mit der Zeit immer grösser und aufwändiger.

  

Das Panorama mit Genfersee und Alpen hat schon viele Maler inspiriert, doch für einmal geht es hier nicht um die Aussicht. Im Jahr 1999, bei der letzten Fête des Vignerons, war die Tribüne gegen den See hin offen gewesen, diesmal ist sie bewusst geschlossen worden, um die Aufmerksamkeit des Publikums im Innern zu behalten.

Statt dass die Gäste ihre Blicke in die Ferne schweifen lassen, werden die Darstellerinnen und Darsteller Traditionen aus dem ganzen Land in die Arena tragen. Bislang war das Fest trotz seiner Grösse vorwiegend regional wahrgenommen worden, doch diesmal luden die Veranstalter marketingtechnisch geschickt sämtliche Kantone ein, sich an einem Umzug zu präsentieren. Niemand lehnte ab, und die Bündner kündigten gar an, in einem Säumertrek mit rund einem Dutzend Pferden kulinarische Spezialitäten aus ihrer Heimat mitzubringen.

Wichtigster Gastkanton ist allerdings seit jeher das benachbarte Freiburg. Vom Greyerzerland sind es nur wenige Kilometer bis an den Genfersee. Es sind denn auch Greyerzer Sennen, die in der Arena den «Ranz des vaches» singen, den Kuhreihen. Dieses seit dem 16. Jahrhundert überlieferte Volkslied ist in der Romandie so beliebt, dass es manche gerne zur Nationalhymne küren würden, wie auf Youtube in einem Kommentar zu einem Video von der Fête des Vignerons 1977 zu lesen ist.

Damals hatte der Senn Bernard Romanens das Lied gesungen. Seine Version wurde in den zweieinhalb Jahren, seit sie auf das Videoportal hochgeladen wurde, 192 000 Mal angeklickt – fast viermal so viel wie diejenige des Westschweizer Popstars Bastian Baker.

Kühe und LEDs auf der Bühne

Dieses Jahr wird der «Ranz des vaches» aus elf Kehlen erschallen, wobei eines der Auswahlkriterien die Aussprache des Patois, des Dialektes, war. Von den drei Frauen, die sich beworben hatten, ist keine für dieses Chörli ausgewählt geworden, stattdessen werden die singenden Sennen auch dieses Jahr traditionsgemäss mit 40 Kühen in der Arena stehen. «Die grossen Treppen können nach oben geschwenkt werden», erzählt Ingenieur Daniel Willi stolz. «So entstehen Tore, durch welche die Kühe einmarschieren.»

Ganz ins Zentrum rücken dürfen die Kühe jedoch nicht – in der Mitte der Arena prangt gross wie ein Handballfeld eine Fläche aus Leuchtdioden, die nicht von Hufen zertrampelt werden soll. Aber die Kühe und ihre Sennen sollen an diesem Fest auch gar nicht allzu sehr im Vordergrund stehen, obwohl sie schon seit der zweiten Austragung vor exakt 200 Jahren dazugehören. Es ist nicht das Fest der Älpler, sondern der Winzer und ihrer Arbeiter.

Platzprobleme seit 200 Jahren

Auch heuer beginnt das Fest mit der Krönung der besten Rebarbeiter. Dieser Akt wurde von der «Confrèrie des vignerons» (wörtlich übersetzt «Winzerbruderschaft») vor ungefähr 250 Jahren eingeführt. Die Umzüge durch die Stadt hatte die Confrèrie aber bereits im 17. Jahrhundert veranstaltet. Die erste grosse Fête mit einer Tribüne auf dem Marktplatz fand dann 1797 statt.

Damals bot sie noch 2000 Sitzplatze, also zehnmal weniger als dieses Jahr, doch mehr hätte die Stadt schlicht nicht aufnehmen können, wie ein Zeitzeuge berichtete: «Die Herbergen waren bis auf das letzte Bett belegt. Auch in der Umgebung waren weder Zimmer noch Betten zu bekommen, und viele Besucher schliefen unter freiem Himmel.»

Draussen schlafen wird diesmal wohl niemand mehr, aber auch diesmal wird Vevey überlaufen sein. Dank Vorverkauf übers Internet wird heuer auch viel ausländisches Publikum erwartet. Das lokale Gewerbe wird das zu nutzen wissen, denn hinter der ruhigen Fassade des Städtchens verbirgt sich ein fast schon mondäner Charakter: Ob mit Schweizer Designklamotten, lokal produzierter Schokolade oder Bioglace in exklusiven Aromen, die Boutiques und Cafés wissen die Stärken der Region zu vermarkten.

Hoteliers hätten ihre Preise bis zu verdreifacht, erzählt man sich in der Region, aber öffentlich will dies dann doch niemand gesagt haben, man ist ja froh um den touristischen Boom.

Ein Profi und 5500 Laien

Anders als das Montreux Jazz Festival, das in sechs Kilometern Entfernung fünf Tage vor Beginn der Fête zu Ende geht, dreht es sich in Vevey aber nicht um Stars von Weltformat. Unter den 5500 Darstellern ist nur ein professioneller Schauspieler: Michel Voïta (der selber in Vevey wohnt) erzählt in der Rolle des Grossvaters seiner Enkelin von früher, als er in den Reben arbeitete. Der grösste Name ist derjenige des Regisseurs, der Tessiner Daniele Finzi Pasca hat unter anderem vor fünf Jahren die Schlussfeier der Olympischen Winterspiele in Sotschi inszeniert.

Es ist diese Mischung aus regionaler Verankerung und globaler Dimension, die den Charakter der Fête ausmacht. 2016 war sie in die Unesco-Liste des immateriellen Kulturerbes eingetragen worden, womit sie sich bestens in die Umgebung einfügt: Die Rebberg-Terrassen von Lavaux zählen schon länger zum Weltkulturerbe.

Die Veranstalter rechnen dieses Jahr mit einer Million Besucher, doppelt so vielen wie letztes Mal. Nicht alle werden in der Arena Platz finden, viele werden sich einfach einen der Umzüge ansehen oder die Feststimmung in den Bars entlang des Sees geniessen. Das Spektakel selber können sich bei zwanzig Aufführungen immerhin 400 000 Gäste ansehen. Ingenieur Daniel Willi deutet über die Tribünen: «Wir haben nebst der grossen Hauptbühne in jeder Richtung eine erhöhte Nebenbühne.»

Bei denjenigen Teilen der Aufführung, die sich dort abspielen, wird parallel auf jeder der vier Bühnen dasselbe gezeigt. «So haben alle Zuschauer eine gute Sicht.» Trotzdem sind nicht ganz alle Plätze gleich gut. Zur besten Platzwahl sagt Willi: «Es kommt darauf an, ob es sich um eine Mittags- oder eine Abendaufführung handelt.» Am Vormittag empfiehlt er die Plätze mit dem Rücken Richtung Montreux, am Abend Richtung Lausanne. So kann das Blenden durch die Sonne vermieden werden.

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