Rigi
Die Nonne, die mit den Tieren spricht

Seit 2005 kümmert sich die Franziskanerin Theresia Raberger auf der Rigi um alte, kranke und behinderte Tiere. Für die Ordensfrau sind Tiere ebenso wertvolle Wesen wie Menschen. Und sie weiss: Von ihnen können wir einiges lernen.

Vera Rüttimann
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Ein Leben für Tiere: Die Franziskaner-Nonne Theresia Raberger pflegt sie im Zentrum Felsentor auf der Rigi liebevoll.

Ein Leben für Tiere: Die Franziskaner-Nonne Theresia Raberger pflegt sie im Zentrum Felsentor auf der Rigi liebevoll.

Bild: Vera Rüttimann

Ist sie es? An manchen Tagen sehen Wanderer auf der Rigi eine Frau im blauen Habit durch den Wald schlendern und dann durch den schmalen Schlitz des Felsentors gehen – drei ineinander verkeilte Nagelfluhblöcke. Theresia Raberger, Franziskaner-Nonne und Zen-Priesterin, geht diesen Weg oft. Sie lebt mit anderen Geistlichen am Hang der Rigi im Zentrum Felsentor. Etwas unterhalb am Hang gelegen, leitet sie dort die Tierschutzstelle. Für die Gäste, die im Zentrum Kurse zu Meditation und buddhistischen Traditionen besuchen, gehören die Ordensfrau mit dem freundlichen Lächeln und die vielen Tiere einfach hierher.

Schwester Theresia öffnet das Tor zum «Gnadenhof». Auf zehn Hektaren leben dort von der Schlachtung gerettete, alte und behinderte Tiere. Sie freut sich auf das Grunzen, ein Geräusch, das sie strahlen lässt. «Am meisten freue ich mich derzeit über die neue kleine Schweinefamilie, die hier lebt», sagt die 63-Jährige. In den Wintermonaten schlich sich die Trauer an diesen idyllischen Ort, der von der Sonne so verwöhnt wird, ein. «Wir haben unsere ganze Familie der Schweinchen verloren», sagt die gebürtige Österreicherin. Auch das Schwein Anton, der wohl bekannteste tierische Bewohner am Felsentor, sei gestorben. Anton war nicht irgendein Schwein. Viele Besucher, erzählt Schwester Theresia, wollten zuerst ihm begegnen, in seine Augen sehen. Er habe auf die Besucher eine tiefe Zufriedenheit ausgestrahlt. Dabei seien bei ihnen Fragen aufgekommen: Was tun wir Tieren an? Warum esse ich Fleisch? Anton starb als glückliches Schwein.

«Er hatte ein besseres Leben, als die meisten Nutztiere, die oft unter unwürdigen Umständen im Schlachthof sterben müssen.»

Die Tiere wahrzunehmen als wertvolle Wesen, die glücklich sein wollen – das sei die Botschaft, die keiner besser habe vermitteln können als dieses grosse, rosafarbene Schwein. Und auch der alte Ziegenbock im Gatter scheint zufrieden zu lächeln. Die Tiere, das merkt der Gast sofort, strahlen eine eigentümliche Ruhe aus. Schwester Theresia hat mächtig zu tun, um all die Tiere zu füttern und zu pflegen. Momentan leben hier Kühe, Ziegen und Schafe. Dazu gesellen sich viele Katzen aus dem Tierheim. Auf den Wiesen ist auch das Geschnatter und Gegacker von allerlei Federvieh zu hören. Ihre volle Aufmerksamkeit haben auch die acht ehemaligen Strassenhunde aus Rumänien.

Leben im Augenblick

Wanderer sehen die Franziskanerin, die seit der Jahrtausendwende hier lebt, nicht nur auf dem Tierhof. Sie sehen sie auch spazierend mit ihren Tieren im grossen Waldstück oberhalb des Felsentors. Eine faszinierende Landschaft, gespickt mit wuchtigen Steinblöcken aus Nagelfluh. Auf den Wanderwegen schweigt die Frau im blauen Habit. Das macht sie bewusst.

«Das Schweigen schärft die Wahrnehmung füreinander»

sagt die Ordensfrau. Sie lebe ganz im Moment, zusammen mit den Tieren. Wer sie dabei beobachtet, ahnt, wie aufmerksam sie die Blumen, die Steinformationen und das Getier, das hier lebt, wahrnimmt. Man staunt, wie sie wortlos, nur mit Blicken und Gesten, mit den Tieren kommuniziert. «Dieses Im-Moment-Sein, das können wir am meisten von den Tieren lernen», sagt sie. Und natürlich Werte wie Treue, Warmherzigkeit und Hilfsbereitschaft, die sie unter den Tieren immer wieder beobachten könne.

 Zu ihren Tieren pflegt sie eine enge Bindung.

Zu ihren Tieren pflegt sie eine enge Bindung.

Bild. Vera Rüttimann

Die Tiere am Zentrum Felsentor werden sogar im Kurs «MediTIERE» eingebaut. In diesem Kurs, der hier unlängst wieder stattgefunden hat, meditieren die Besucher mit den Tieren. Sie gesellten sich zu den Schafen in den Stall und schwiegen mit ihnen.

«Die Zufriedenheit und Ruhe, welche die Besucher des Kurses ausstrahlten, übertrug sich auch auf die Tiere»

sagt Schwester Theresia. Gut sei das auch auf den Weiden zu sehen gewesen. Die Tiere näherten sich, so die Ordensfrau, neugierig und zutraulich den fremden Gästen an. «Es war schön, anzusehen, wie sich die Schafe jeweils zu den Menschen hingelegt haben.»

Chance vertan?

Im Felsentor-Café kommt das Gespräch unweigerlich auch auf das Thema Coronakrise. Sie habe davon gelesen, dass in den vergangenen Monaten viel mehr Tiere als sonst ein neues Zuhause bei Familien und Singles gefunden haben. Jetzt jedoch, wo die Pandemie abflaue, höre sie aber auch, dass viele Tiere wieder zurückgebracht werden. «Das alte Leben hat sie eingeholt.»

Diese Krise wäre für die Zen-Meisterin auch eine Möglichkeit zur Umkehr gewesen: «Eine Chance, etwas Neues zu entdecken, was die Lebensqualität dauerhaft erhöht. Ein Leben, das nicht so sehr nur auf Funktionieren und Leistung ausgelegt ist.» In diesen Gedanken zieht sie auch die Nutztiere mit ein. Sie weiss: «Sie sehnen sich genauso wie der Mensch nach einem zufriedenen Leben.»

2005 ist Schwester Theresia auf die Rigi gekommen.

2005 ist Schwester Theresia auf die Rigi gekommen.

Bild. Vera Rüttimann

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