Post-Privacy

Bald sind wir alle nackt: Das transparente Leben in der Porno-Gesellschaft

Wenn alle wissen, was wir mögen und was wir tun, werden wir gesichtslos.Patric Sandri

Wenn alle wissen, was wir mögen und was wir tun, werden wir gesichtslos.Patric Sandri

Wie lebte es sich in der Post-Privacy? Ein Essay über das Ausspionieren und das Verschwinden der Privatsphäre im digitalen Panoptikum

Ob Google-Chef Eric Schmidt in jenem Moment die Tragweite dieses einen Satzes bewusst war? Vor vier Jahren sagte er – damals noch in der Rolle des CEO – in einem Interview auf dem britischen Sender CNBC lapidar: «Wenn es etwas gibt, von dem Sie nicht wollen, dass es irgendjemand erfährt, sollten Sie es vielleicht ohnehin nicht tun.»

Heute würde Schmidt diesen Satz freilich nicht mehr äussern. Nachdem der Whistleblower Edward Snowden zusammen mit dem «Guardian» und der «Washington Post» publik gemacht hat, wie der amerikanische und der britische Geheimdienst die Internet-Nutzer – also im Prinzip uns alle – ausspionieren, sind Google, Facebook und Co. um ein Saubermann-Image bemüht. Sie betonen den sorgfältigen Umgang mit den persönlichen Daten, die wir ihnen anvertrauen. Doch in Tat und Wahrheit trifft Schmidts Aussage so gut zu wie noch nie zuvor: Ein Geheimnis zu wahren, etwas zu tun, von dem wir nicht wollen, dass es andere wissen, wird immer schwieriger.

Bemühen um Saubermann-Image

Der Rückgang der Privatsphäre ist offensichtlich. Der primäre Grund dafür sind nicht die Geheimdienste NSA und GCHQ – deren nun aufgeflogene Programme «Prism» und «Tempora» sind bloss hässliche aber naheliegende Auswüchse –, sondern das Internet und die zunehmende Verdatung der Welt. Das weltumspannende Netz, das jeden mit jedem verbindet, füttern wir täglich mit Unmengen von Daten.

Alle zwei Jahre verdoppelt sich das Datenvolumen im Internet. Alles, was sich mit Nullen und Einsen codieren lässt, wird in unserer Welt zu Daten verwandelt – zu Informationen, die von Maschinen gelesen, gespeichert und analysiert werden können. Da wir übers Internet nicht nur in verschlossenen Umschlägen (Mails) kommunizieren, sondern auch unsere Meinungen und Äusserungen an ein öffentliches Anschlagbrett heften (Facebook, Twitter und Blogs), geben wir immer mehr von uns preis. Vor zehn Jahren noch wäre es wohl für die meisten unvorstellbar gewesen, ihre Ferienfotos mit der ganzen Welt zu teilen – heute ist das für viele selbstverständlich geworden.

Facebook kann immer mitlesen - der Geheimdienst auch

«Für mich nicht,» mögen viele einwenden. «Ich achte darauf, was ich online stelle und wer diese Informationen – etwa auf Facebook – einsehen darf und wer nicht. Dafür gibt es Privatsphäre-Einstellungen.» Doch der Einwand ist nicht stichhaltig. Facebook selber kann immer mitlesen – und die Geheimdienste offenbar auch. Doch nicht nur die Geheimdienste mit ihrem immensen Datenhunger arbeiten auf das Ende der Privatsphäre hin. Fast täglich wird eine grössere Datenpanne bekannt, wegen der sensible Informationen im Netz landen. Hinzu kommen die Hacker, die sich einen Spass machen, sicher geglaubte Daten offenzulegen. Und unsere «Freunde», die freigiebig Fotos von uns auf Facebook veröffentlichen, ohne dass wir das wollen.

Das digitale Panoptikum

Das hat zur Folge, dass wir immer transparenter werden. Für die Geheimdienste, die unsere Kommunikation überwachen, für die Konzerne, die unsere Daten speichern, und für unsere Mitmenschen, die nach unserem Namen googeln – oder uns in Zukunft mit der Spezialbrille à la Google Glass ansehen und Informationen über uns ins Display eingeblendet bekommen.

Der südkoreanisch-deutsche Philosoph Byung-Chul Han spricht angesichts dessen von einem «digitalen Panoptikum». Das Panoptikum ist ein von Jeremy Bentham entwickeltes Konzept zum Bau von Gefängnissen und anderen Anstalten, das die Überwachung vieler Menschen durch einen einzigen Wächter ermöglicht. Um einen Kontrollturm sind die Zellen kreisförmig angeordnet und durch Trennwände voneinander isoliert, sodass sich die Insassen gegenseitig nicht sehen. Auch den Wächter in der Mitte sehen sie nicht, da sich dieser im Gegenlicht befindet. Der Wächter selber hingegen kann von seinem Standpunkt aus alle Post-Privacy beobachten.

Das digitale Panoptikum unterscheidet sich von Benthams Panoptikum dahingehend, dass die Insassen nicht isoliert sind, sondern ständig miteinander kommunizieren. «Nicht die Einsamkeit durch Isolation, sondern die Hyperkommunikation garantiert die Transparenz», schreibt Han in seinem Buch «Transparenzgesellschaft». Die Besonderheit am digitalen Panoptikum sieht Han darin, «dass seine Bewohner selbst an seinem Bau und an seiner Unterhaltung aktiv mitarbeiten, indem sie sich selber zur Schau stellen und entblössen». Doch nicht nur wir Bürger werden transparenter – auch für die Regierungen wird die Geheimhaltung schwieriger. Wikileaks, der Whistleblower Edward Snowden und das Hackerkollektiv Anonymous haben in den letzten Jahren dafür gesorgt, dass geheime Informationen der Behörden öffentlich wurden. Das ist zumindest konsequent: Wenn wir durchsichtig werden, sollen es die Regierungen auch. «Wenn die Überwachung schon total ist und alle erfasst, dann soll sie wenigstens allen zur Verfügung stehen», schreibt der Autor und Blogger Christian Heller in seinem Buch «Post-Privacy». Die totale Überwachung wird so zur totalen Transparenz.

Die Norm- und die Toleranzgesellschaft

Doch wie lebt es sich im «digitalen Panoptikum», im Zeitalter der Post-Privacy? Zwei unterschiedliche Gesellschaftsentwürfe sind denkbar.

Variante eins, die Norm-Gesellschaft: Wer ausgestellt ist, der verkrampft sich schnell. Das zeigt sich kaum wo anders so deutlich wie auf Facebook. Die Nutzer des grössten sozialen Netzwerkes sind darauf bedacht, sich in vorteilhafter Pose in Szene zu setzen. Sie sind weniger sich selbst als vielmehr zwanghaft darum bemüht, als das rüberzukommen, was sie sein möchten. Auch wer sich entblösst, kann sich noch verstellen. Und zwar dann, wenn er nur das tut, von dem er möchte, dass es andere von ihm wissen – und alles andere eben sein lässt.

Heute bleibt uns für Dinge, die wir nicht mit der Öffentlichkeit teilen möchten, immer noch das Private als Rückzugsort Doch wenn es dieses nicht mehr gibt, sind wir dauernd ausgestellt – entblösst wie Pornodarsteller. Han schreibt angesichts dessen auch von der «Transparenzgesellschaft als einer Pornogesellschaft». Ein transparentes Gesicht ist ein emotionsloses «Face», «das sich mit Ausstellungswert bis zum Platzen belädt. Statt unsere Bedürfnisse auszuleben, sind wir um unseren Ausstellungswert besorgt. Die gesellschaftliche Norm der «Pornogesellschaft» ist eine einheitliche.

Variante zwei, die Toleranz-Gesellschaft: Verfechter der Post-Privacy wie Christian Heller argumentieren umgekehrt. Für sie ist das Menschenbild der «Porno»-Gesellschaft veraltet. Sich zu verstellen, sich im Beruf anders zu geben als gegenüber unseren Freunden, das ist ein Mangel an Integrität. (So ähnlich hat das auch Mark Zuckerberg einmal gesagt.) Wenn nun plötzlich keine Möglichkeit mehr besteht, seine psychischen Schwächen zu kaschieren, dann ist das zwar seelischer Striptease, doch der kommt uns allen zugute. Denn die anderen sind ja auch «nackt». Und wie am FKK-Strand die Schamgegend plötzlich ihren Reiz verliert, so könnte das auch mit unseren charakterlichen Mängeln der Fall sein. Wenn die Makel von allen immer sichtbar sind, verlieren sie ihre Peinlichkeit. «Ein Zeitalter der Transparenz muss ein Zeitalter des Vergebens sein», folgert der amerikanische Internet-Philosoph David Weinberg.

Am Ende läuft alles auf die Porno-Gesellschaft raus

Wenn wir schon ohne Privatsphäre leben sollen, dann wenigstens in der Toleranz- und nicht in der Norm-Gesellschaft. Doch dieser durchaus utopisch anmutende Gesellschaftsentwurf erweist sich bei genauerer Betrachtung als äusserst zwiespältig. So wünschenswert mehr Toleranz auch wäre, das Opfer, das wir bringen – die Aufgabe der Privatsphäre also – ist ein grosses. Denn ohne die Möglichkeit, etwas nicht öffentlich zu machen, ohne die Möglichkeit, ein Geheimnis zu wahren, verliert das Leben seine Mehrdimensionalität und wird berechenbar. «Das Spiel mit Mehrdeutigkeit und Ambivalenz, mit Geheimnis und Rätsel erhöht die erotische Spannung», schreibt Han.

Wenn wir unser Gegenüber mit unserer Spezialbrille anblicken und sofort alles wissen, was über ihn oder sie an Informationen auf allen Servern dieser Welt gespeichert ist, wozu sollten wir uns dann überhaupt noch unterhalten? Wir wissen ja bereits alles, kennen die Geschichte, die Ansichten und die Interessen unseres Gegenübers. Und wenn wir auf Partnersuche sind, wissen wir beim ersten Blick, ob die Person, auf die wir gerade fokussieren, uns anziehend findet und zu uns passt. Wozu dann noch sprechen, man kann gleich zur Sache kommen – auch über die sexuellen Vorlieben wissen wir ja bereits Bescheid. «Die Transparenz oder die Eindeutigkeit wäre das Ende des Eros, das heisst die Pornografie», schreibt Han. Die Toleranz-Gesellschaft ist am Ende also doch eine «Porno»-Gesellschaft. Es gibt kein Entrinnen.

Selbst auferlegte Privatsphäre im Zeitalter der totalen Transparenz

Um in der Post-Privacy nicht zur «Porno»-Gesellschaft zu werden, scheint nur ein Ausweg zu bleiben: der selbst erlassene Verzicht auf die Transparenz im Zeitalter der Transparenz. Und dieser ist gar nicht so abwegig, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Der Science-Fiction-Autor und Theoretiker David Brin hat in seinem Sachbuch «The Transparent Society» 1998 einen interessanten Gedanken ausgearbeitet. Wenn in einer transparenten Gesellschaft jeder jeden beobachten kann, dann überlegt man sich gut, wen man beobachten will, denn jeder kann ja auch beobachten, wen man beobachtet. Heimlich nachspionieren geht nicht mehr. Und weil wir uns nicht als Schnüffler entlarven wollen, lassen wir es bleiben, ganz nach dem eingangs zitierten Satz: «Wenn es etwas gibt, von dem Sie nicht wollen, dass es irgendjemand erfährt, sollten Sie es vielleicht ohnehin nicht tun.» Obwohl es technisch möglich wäre, alles über unsere Mitmenschen zu wissen, lassen wir das aus Scham vor unseren Mitmenschen bleiben. Das wäre dann die selbst auferlegte Privatsphäre im Zeitalter der Transparenz.

David Brin: The Transparent Society. Basic Books Verlag, New York 1999. 384 S., Fr. 22.90.

Christian Heller: Post-Privacy. C. H. Beck Verlag, München 2011. 173 S., Fr. 17.90.

Bjung-Chul Han: Transparenzgesellschaft. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2012. 91 S., Fr. 16.90.

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