Tesla ist erstmals nicht mehr in der Pole-Position: Das meistverkaufte Elektroauto der Schweiz ist ein VW

E-Mobilität
Tesla ist erstmals nicht mehr in der Pole-Position: Das meistverkaufte Elektroauto der Schweiz ist ein VW

Bild: Reuters

Zuerst wurde der US-Pionier von den traditionellen Autoherstellern belächelt, dann gefürchtet, jetzt von VW überholt. Wenn die Mission von Tesla aufgehen soll, muss Elon Musk seine Strategie ändern.

Raffael Schuppisser und Bruno Knellwolf
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Für Manuel war klar: Sein nächstes Auto wird ein Tesla sein. Der Umweltgedanke dahinter passt zu seinem Lebensstil. Die rasche Beschleunigung von 0 auf 100 Stundenkilometer imponiert ihm. Und auch Elon Musk, der exzentrische Chef des Elektroautobauers, fasziniert ihn. Doch je länger Manuel im Internet recherchierte, Testberichte las und sich über die Elektroautos der anderen Hersteller informierte, umso mehr zweifelte er, ob der Tesla Model 3, den er ins Auge gefasst hat, das richtige Auto für seine vierköpfige Familie ist.

Andere Modelle im Mittelpreissegment sind kinderfreundlicher, haben einen geräumigeren Kofferraum und warten mit einer luxuriöseren Innenausstattung auf. Auch eine Testfahrt konnte die Zweifel nicht aus der Welt schaffen – im Gegenteil. Der grosse Touchscreen, der das Armaturenbrett ersetzt, sieht zwar schick aus.

Der riesige Bildschirm zeigt alle möglichen Features an.

Der riesige Bildschirm zeigt alle möglichen Features an.

Bild: Benjamin Manser

Er ist allerdings unpraktisch, wenn man während der Fahrt die Geschwindigkeit oder die aktivierten Assistenzsysteme kontrollieren will. Das Model 3 hat kein Head-up-Display, das Informationen direkt ins Sichtfeld des Fahrers projiziert.

Manuel kommt zum Schluss: «Der Tesla ist zwar cool, aber nicht für unsere Bedürfnisse gemacht.» Familie Küng fährt nun einen Skoda Enyaq – den neu lancierten Elektro-SUV der tschechischen Autofirma, die zum VW-Konzern gehört.

Beschleunigung nach verschlafenem Start

So wie Familie Küng entscheiden sich mehr und mehr Kunden für eine Alternative zur einst unangefochtenen Elektrobolide von Musk. Mittlerweile ist der Tesla nicht mehr das meistverkaufte Elektroauto in der Schweiz. Der VW hat ihn mit dem Modell ID.3 überholt. In den ersten vier Monate des Jahres wurden davon 861 Stück verkauft – vom Tesla Model 3 bloss 800. Und auch der geräumigere ID.4, der erst seit Ende März erhältlich ist, hat es in die Top Ten geschafft. Die teureren Teslas, das Model S und das Model X, tauchen hingegen nicht mehr in den Top Ten auf.

Galerie: Das sind die 10 meistverkauften Elektroautos im ersten Quartal 2021

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Illustration: Martin Ludwig / Bild: zvg

Ausgerechnet VW fährt nun Tesla davon. Dabei hat der Konzern den Elektroantrieb lange belächelt, ja sogar über Musk und sein Vorhaben gespottet. Wer will schon mit Strom fahren? Die deutschen Hersteller nahmen den Konkurrenten aus Kalifornien mit seinem «fahrenden iPhone» nicht besonders ernst. Musk und seine Helfer verstünden etwas von Halbleitern und dem Internet, aber sicher nicht vom Autobau.

Der Vergleich mit dem iPhone war gar nicht so falsch. Zwar war das erste Serienfahrzeug mit einer Lithium-­Ionen-Batterie, der von 2008 bis 2012 gebaute Tesla Roadster, noch kein Erfolg. Doch danach schufen Musks Ingenieure das Model S, das so bedienungsfreundlich ist wie Steve Jobs Smartphone und dank seiner hohen Reichweite das erste Elektrofahrzeug mit wirklicher Alltagstauglichkeit. Auch ästhetisch weit weg von einer muffligen Öko-Kiste, ist der Tesla nicht einfach ein normales Auto, dem man einen Elektromotor verpasst hatte, sondern von Grund auf als Stromfahrzeug konzipiert und total digitalisiert. Angesiedelt im hohen Preissegment, wurde das Auto zur mobilen Sehnsucht Gutbetuchter mit Herz für die Umwelt.

«Für die deutsche Autobranche war der Tesla ein Weckruf», sagt der deutsche Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer. Ohne diesen wäre es zu keinem Umdenken gekommen, alle Energie würde noch in die Weiterentwicklung des Verbrennungsmotors fliessen, meint der Direktor des Center for Automotive Research (CAR) in Duisburg, der die Branche seit Jahrzehnten beobachtet.

Ferdinand DudenhöfferDeutscher Professor und Wissenschafter

Ferdinand Dudenhöffer
Deutscher Professor und Wissenschafter

Bild: PD

Der Erfolg vom zuerst belächelten Tesla und der Zwang zur CO2-Reduktion alarmierten die traditionellen Autobauer. An den Automessen rückten Hybrid-Fahrzeuge und erste Elek­troautos aus der Nische der Sonderausstellungen ins Rampenlicht der Hauptstände. 2017 kündete Volkswagen das erste Elektroauto aus einem Guss an und rief eine «neue Epoche» in der Firmengeschichte mit den ID-Autos aus. 2019 wurden die ersten Modelle des VW ID.3 ausgeliefert. Zwei Jahre später nun ist er in der Schweiz das meistverkaufte Elektroauto. Man könnte von einer rasanten Beschleunigung nach verschlafenem Start sprechen.

Gefragt ist kein Cybertruck, sondern der neue Passat

Dass VW auf dem Podest im Rennen um die Elektromobilität nun zuoberst steht und auch BMW und Mercedes aufholen, hat nicht nur mit der neuen Ausrichtung der deutschen Konzerne zu tun. Es liegt auch daran, dass es Musk verpasst hat, den Vorsprung von Tesla weiter auszubauen. «Musk denkt immer nur an die Innovation und legt zu wenig Wert auf die Qualität», sagt Dudenhöffer. Damit spricht er zwar die Technikfreaks an, doch gelänge es ihm so nicht, den Massenmarkt zu erobern.

Auch Andreas Herrmann, Direktor des Instituts für Mobilität an der Universität St. Gallen, sagt, dass Tesla vor allem eine exklusive Zielgruppe bedient. «Eher reichere Kunden, die sich nicht zum Mainstream zählen.» Erst mit den Elektroautos von VW sei die E-Mobilität in der Breite angekommen.

«Wenn Elon Musk weiterwachsen will, darf er sich nicht zu schade sein, den Passatfahrer ansprechen zu wollen», meint Dudenhöffer. Der Tesla mit seinem extravaganten Design und den coolen Features ist ziemlich genau das Gegenteil des VW Passat. Man definiert sich vielleicht nicht über einen Passat oder einen Skoda Octavia, aber man fährt ihn, weil er praktisch, zuverlässig und preiswert ist. Man sticht damit nicht aus der Masse heraus, aber genau deshalb ist er das Auto für sie.

Noch immer kann kaum ein Elek­troauto dem Tesla in seiner Gesamtheit das Wasser reichen. Seine Sprintfähigkeit, insbesondere des Model S mit seinen 2,1 Sekunden auf 100 Stundenkilometer, seine Leistung von 1020 PS und seine Reichweite über 500 Kilometer sind weiterhin Spitzenwerte. Doch gleichzeitig mehren sich Berichte in sozialen Medien und Foren von verärgerten Kunden, die über falsch montierte Teile im Innenraum, eine unsaubere Verarbeitung der Karosserie oder gar über defekte Bremsen klagen.

Kein allzu häufiges Bild: Ein Schweizer Tesla Model S in St. Gallen.

Kein allzu häufiges Bild: Ein Schweizer Tesla Model S in St. Gallen.

Bild: Hanspeter Schiess

Statt die bisherigen Modelle zu perfektionieren und in ihre Qualität zu investieren, denkt Musk schon weiter. Er entwickelt einen Cybertruck, der mit seiner futuristischen Form dem ­Science-Fiction-Film «Blade Runner 2049» stammen könnte. Ausserdem hat er bereits einen neuen Sportwagen vorgestellt, der in unglaublichen 1,9 Sekunden von 0 auf 100 Stundenkilometer beschleunigt. Klingt grandios, Passatfahrer dürfte all das aber wenig interessieren.

Man könnte sagen: Elon Musk ist zu innovativ

Natürlich muss nicht jedes Auto­unternehmen die grosse Masse be­dienen. Ferrari und Lamborghini leben ja gerade davon, dass kaum einer sich ihre Nobelkarossen leisten kann – und Superreiche sie deshalb ­haben wollen. Doch Musk spricht davon, bis 2030 jährlich zehn bis zwanzig ­Millionen Teslas verkaufen zu wollen. Das ist längst keine Nische mehr – und nur möglich, wenn die Firma ihren Absatz massiv steigert. Letztes Jahr ­wurden gerade einmal 500000 Teslas ausgeliefert.

Musk ist auf jeden Fall gewillt, die Produktionskapazität massiv auszubauen – so soll etwa eine neue, gigantische Fabrik vor den Toren Berlins noch dieses Jahr ihre Produktion aufnehmen. Das Problem: Gemäss einer Analyse des CAR-Instituts von Dudenhöffer sind die Werke von Tesla in Kalifornien und Schanghai derzeit nur zu 80 Prozent ausgelastet. Dudenhöffer:

«Jeder Manager einer Autofirma würde ob dieser Situation mehr als nur graue Haare bekommen.»

Üblicherweise seien Kapazitätsauslastungen unter 85 Prozent mit deutlichen Verlusten verbunden.

Angesichts dieser Zahlen ist fraglich, wie die Erfolgsgeschichte von Tesla weitergeht. An der Börse hat der Aktienkurs jedenfalls nachgelassen. So verlor das Unternehmen seit Anfang Jahr rund 300 Milliarden Dollar – und ist nun an der Börse 560 Milliarden wert. Das ist allerdings noch immer ein Vielfaches von VW, dessen Börsenwert bei 120 Milliarden Euro liegt.

Elon Muskder Tesla-Chef steht immer mehr unter Druck.

Elon Musk
der Tesla-Chef steht immer mehr unter Druck.

Bild: Keystone

Die Zukunft der E-Autos könnte aus China kommen

Nicht nur die deutschen Autobauer drücken mit voller Kraft aufs Strompedal. Auch in China läuft die Elektro­offensive. Bereits auf dem Smartphone-Markt haben die Ingenieure aus dem Reich der Mitte gezeigt, dass sie nicht nur westliche Produkte kopieren, sondern ihnen auch einen Innovationsschub verleihen können. Vor zehn Jahren zweifelte man noch, ob Europäer und Amerikaner sich wirklich auf chinesische Geräte einlassen würden. Letztlich konnte Huawei nur mit viel politischem Druck des ehemaligen US-Präsidenten gestoppt werden.

Dudenhöffer ist überzeugt, dass ­chinesische E-Autos in Zukunft auch in Europa eine Käuferschaft finden. «Vor 50 Jahren wollte noch kaum einer ein japanisches Auto, vor 20 Jahren taten sich die Südkoreaner noch schwer – heute sind Toyota, Hyundai und Co. längst Teil des europäischen Marktes», meint der deutsche Autopapst. Das gälte in Zukunft auch für chinesische Hersteller wie Nio oder BYD.

Auch der Grosskonzern Foxconn, der für Apple Smartphones zusammenbaut, will in die Produktion von Elektroautos einsteigen. Die über eine Million Mitarbeiter werden künftig etwa auch die Geländewagen des US-Start-ups ­Fisker zusammenschrauben. Und mit Fiat-Chrysler hat die chinesische Firma bereits eine Zusammenarbeit angekündigt. «China geht vorneweg», sagt Automobilexperte Herrmann, «weil das Land der Mitte erkannt hat, dass der Autobau von neuem beginnt und die chinesischen Marken eine Chance haben, die europäischen Hersteller zu schlagen.»

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