Interview

Ehemalige Nummer zwei der Nasa: «Ich sehe den Mars nicht als Plan B»

Der von Dava Newman entwickelte Raumanzug ist viel leichter als ein herkömmlicher.

Der von Dava Newman entwickelte Raumanzug ist viel leichter als ein herkömmlicher.

Sie war stellvertretende Leiterin der Nasa, nun will Dava Newman mit neuartigen Raumfahrtanzügen bemannte Marsmissionen ermöglichen. Denn derzeit würde kein Mensch den Aufenthalt überleben.

Das Berufsleben von Dava Newman dreht sich ums All, speziell um den Mars. Doch in ihren Vorträgen landet sie von dort aus jeweils rasch bei ihrem Lieblingsplaneten, der Erde. So auch kürzlich in Basel an einer Tagung des Schweizer Zentrums für Elektronik und Mikrotechnik. Um den Klimawandel zu stoppen, müssten alle Menschen und insbesondere die kleinen und mittleren Unternehmen zur Veränderung beitragen, lautete ihre Kernbotschaft.

Space-X-Chef Elon Musk will den Mars dauerhaft besiedeln, um das Überleben der Menschheit zu sichern, falls die Erde unbewohnbar wird. Ist das eine gute Idee?

Dava Newman: Ich sehe den Mars nicht als Plan B. Wir werden nicht Millionen Menschen dorthin senden, vermutlich nicht einmal Tausende. Es gibt gute Gründe, weshalb der Mars nicht bevölkert ist. Wir müssen nur in die Antarktis blicken: Sie ist wunderschön, aber nicht bewohnt, weil es eine harsche Umgebung ist. Menschen wollen nicht dort leben. Und Mars ist zehnmal harscher. Wir müssen in erster Linie das Raumschiff Erde retten, dies ist bei weitem der prächtigste Planet.

Was hat die Erde davon, wenn wir zum Mars fliegen?

Gute Frage. Erstens: Wenn wir über eine Marsmission nachdenken, holen wir das Beste aus der Menschheit heraus. Wir können es nur schaffen, wenn wir die besten Technologien entwickeln und das Projekt mit internationalen Partnerschaften angehen. Zweitens wollen wir auf dem Mars Hinweise auf vergangenes Leben finden. Das bringt uns dazu, über das Leben auf der Erde nachzudenken. So realisieren wir, wie wertvoll die Erde ist. Hoffentlich macht es uns auch stärker bewusst, wie zerbrechlich Leben ist. Die Erde braucht uns nicht, wir brauchen die Erde.

Sie spielen aufs Klima an.

Der Klimawandel ist real, da gibt es nichts anzuzweifeln. Als Resultat davon werden Naturkatastrophen häufiger. Wir müssen uns dessen bewusst sein und positive Veränderungen beschleunigen. Technologie wird uns dabei helfen. Wir haben die wissenschaftlichen Daten dazu und müssen sie den Leuten ­zeigen.

Nun haben Sie einen Präsidenten, der den menschlichen Einfluss auf den Klimawandel anzweifelt. Macht das Ihre Arbeit schwieriger?

Ich würde sagen, es macht sie dringender. Wir müssen für die wissenschaftlichen Fakten geradestehen. Jeder Mensch muss Aktivist werden.

Was tun Sie persönlich?

Ich bin Vegetarierin. Wir hatten zwei Autos und haben eines verkauft. Ich versuche, öffentliche Verkehrsmittel zu nehmen; das ist grossartig hier in der Schweiz. Wir müssen von fossilen Brennstoffen loskommen. Der CO2-­Fussabdruck lässt sich mit einfachen Schritten verringern, das ist gar nicht unbequem.

In der Raumfahrt gibt es aber noch keine Diskussion über eine Zukunft ohne CO2-Ausstoss.

Nein, so weit sind wir noch nicht. Es gibt aber interessante Ideen punkto Energie aus dem All. Wenn wir Sonnenenergie und sogar Mikrowellenenergie vom All auf die Erde strahlen könnten, bräuchten wir keine fossilen Brennstoffe. Das Problem ist, dass dies Milliardenprojekte wären. Die Welt spannt noch nicht genug zusammen, um so unerschwinglich Teures zu realisieren.

Inzwischen sind mit Unternehmen wie SpaceX und Boeing auch private Gelder ins Spiel gekommen. Welches werden in Zukunft die wichtigsten Akteure der Raumfahrt sein?

Bei der Erforschung von Mond und Mars, werden es weiterhin die Behörden sein: die Europäische Raumfahrtbehörde ESA, die Nasa, auch China, Indien und Russland sind interessiert.

Steckt darin nach wie vor eine politische Dimension, wie einst beim Rennen um den ersten bemannten Mondflug?

Ein grosses Potenzial steckt in globalen Kooperationen. Bei der Internationalen Raumstation sind die wichtigsten Partner die Nasa, die ESA, Kanada, Japan und Russland. Das ist eine Form von Diplomatie. Der Bereich, wo die Zusammenarbeit zwischen Russland und Europa am besten funktioniert, ist die bemannte Raumfahrt. Vor über 40 Jahren, mitten im Kalten Krieg, haben wir uns im Weltall die Hand gereicht. So sehe ich auch die Zukunft mit Europa, China und den USA.

Sie glauben, die USA und China könnten in der Raumfahrt tatsächlich zusammenspannen?

Ich hoffe es. Ich werde alles in meiner Macht stehende tun, damit die USA und China zusammenarbeiten können.

In Ihrem Vortrag sprachen Sie davon, in den 2030ern Menschen zum Mars zu schicken. Ist Ihr ambitionierter Zeithorizont nicht etwas gar optimistisch?

Es wären die späten 2030er-Jahre. Das ist optimistisch, aber machbar, wenn wir uns auf dieses Ziel konzentrieren. Als ersten Schritt müssen wir ab Mitte der 2020er Menschen auf dem Mond haben. Nach einer Dekade Mondforschung werden wir die Technologien und die Erfahrung haben, um auf den Mars zu gehen.

Problematisch ist die kosmische Strahlung, die Krebs auslösen kann. Wie könnten Menschen im All davor geschützt werden?

Das ist eine der grossen Fragen, auch weil eine Marsmission sehr lange dauert: Hin- und Rückflug belaufen sich zusammen auf fast drei Jahre, dazu kommen 500 Tage auf der Marsoberfläche. Auch künftige Mondmissionen werden länger dauern als die Apollo-­Missionen vor 50 Jahren. Es gibt aber einige interessante Ideen. Wir könnten im Untergrund leben. Wir müssen auch darüber nachdenken, Backsteine zu machen aus Basalt – dem Material auf Mond und Mars. Und für die Raumanzüge schauen wir neue Materialien an, die sehr leicht sind und trotzdem Potenzial haben könnten, um vor Strahlung abzuschirmen. Am interessantesten finde ich aber die genetische Forschung. Aus der Krebsforschung ist bekannt, dass manche Menschen einen gewissen genetischen Schutz gegen Strahlungsschäden haben. Wenn wir das besser verstehen, können wir für eine Marsmission diejenigen Menschen auswählen, deren Gene ihnen die besten Überlebenschancen geben.

Die Marsforschung profitiert hier also von der medizinischen Forschung. Umgekehrt soll die Medizin vom von Ihnen entwickelten Raumanzug profitieren.

Ja, es gibt biomedizinische Anwendungen für den Raumanzug. Unsere Kompressionstechnologien könnten kranken Menschen bei der Bewegungskontrolle unterstützen. Die Hälfte meiner Studierenden sind medizinische Ingenieure, die andere Hälfte eher an der Raumfahrt interessiert.

Wäre es nicht das Beste für die Menschheit, die Forschung auf die medizinische Seite zu beschränken und ganz auf die Raumfahrt zu verzichten?

Auf Entdeckungsreisen zu gehen, gehört zur Menschheit. Wir sind neugierig; ein Teil der Menschen will immer wissen, was hinter dem Horizont liegt. Und diese Neugier, das ständige Lernen ist gut. Aber ich glaube, nur wenige Personen werden physisch auf den Mars gehen. Mit der virtuellen Realität können viele Menschen von der Erde aus den Mars entdecken, sogar die Monde von Saturn und Jupiter.

Was halten Sie von kommerziellen Raumflügen?

Je mehr Menschen auf die Erde herunterblicken können, desto besser. Diese Erfahrung verändert den Menschen, das ging allen Astronauten so. Ich nenne es den Überblick-Effekt, und ich liebe ihn. Wer die Erde aus dem All betrachtet, sieht sie als grossartigen Planeten. Doch ich frage mich auch, wie sich der Effekt für dich und mich erreichen lässt, nicht nur für die wenigen, die tatsächlich ins All reisen. Können wir sieben, acht, neun Milliarden Menschen dieselben visuellen Erfahrungen geben, um unser Leben und unsere Handlungen zu verändern?

Würden Sie annehmen, wenn SpaceX-Chef Elon Musk Ihnen einen Raumflug offerierte?

Klar, es wäre grossartig, in die Erdumlaufbahn und zum Mond oder sogar zum Mars zu fliegen. Ich würde jede dieser Reisen antreten. Der Mond ist nur drei Tage entfernt, das ist eine interessante Option. Aber ich will an keinem dieser Orte bleiben, das Rückfahrticket müsste dabei sein.

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