Gastkommentar

Elon Musks Glühwürmchenparade – oder: Wem gehört eigentlich der Himmel?

Sonst ist er für visionäre Einfälle bekannt, doch die Idee für fliegende Solarkraftwerke stammt nicht von ihm: Tesla-Gründer Elon Musk.

Sonst ist er für visionäre Einfälle bekannt, doch die Idee für fliegende Solarkraftwerke stammt nicht von ihm: Tesla-Gründer Elon Musk.

Die Internet-Milliardäre Elon Musk und Jeff Bezos wollen den Weltraum mit Kommunikationssatelliten vollstopfen. Komischerweise scheint das niemanden zu stören.

Eine Staffel von Glühwürmchen zieht über den Nachthimmel. Sechzig Stück, stramm eins hinter dem andern. Der Schein trügt. Es sind die Satelliten von Elon Musk. Der Entwickler des Tesla ist gerade daran, mit ihnen den Orbit zu füllen.

Alle Welt findet es unterhaltsam, dass Musk sein Baby X Æ A-12 nennt, dass er all seine Häuser verkaufen will und dass er ständig komische Tweets absetzt. Zum Beispiel zwitscherte er dieser Tage: «Take the red pill.» Die US-amerikanische Rechte liebt den Spruch, der vom Film «Matrix» inspiriert ist: Wer die «rote Pille» schluckt, wacht auf, sieht klar und schliesst sich den Männerrechtlern an; wer sich für die «blaue Pille» entscheidet, bleibt in der Illusion gefangen und lässt sich wahlweise von den Feministinnen oder der Elite unterjochen – eine krude Sicht der Dinge, verschwörungstheoretisch und oft antisemitisch unterfüttert.

Nun rätseln alle, warum Musk den Rote-Pille-Spruch getwittert hat. Fast täglich produziert er neuen Irrsinn. Mit gruseligem Vergnügen kann man verfolgen, wie dieser Milliardär am Rand des Wahnsinns balanciert. Doch ist er vermutlich einfach ein Narzisst, der gekonnt mit verbalem Getöse alle vor sich hertreibt. Derweil er unterm Radar der allgemeinen Aufgeregtheit Projekte vorantreibt, die staunen machen. Projekte, die für Aufruhr sorgen müssten, es aber nicht tun. Projekte wie sein Satellitenprojekt Starlink.

42'000 Starlink-Satelliten

Die Satelliten sind etwa ein Kubikmeter gross, billig hergestellt und werden einmal als gigantischer Schwarm um den Erdball ziehen. Fast monatlich schickt Musk sechzig der Dinger hoch, die zuerst eng beieinander fliegen und deshalb aussehen wie eine Glühwürmchenparade. Mit der Zeit werden sie sich verteilen.

Am Ende sollen sie ein dichtes Netz um die Welt spannen. 12'000 Starlink-Satelliten haben die US-Behörden schon bewilligt, nochmals 30'000 sollen folgen. Von den Rocky Mountains über das Kongobecken bis ins hinterste Tal am Hindukusch wird dann überall und für alle superschnelles Internet verfügbar sein. So lautet das Versprechen.

Ganz beiläufig eignet sich also der verrückte Musk den Orbit an und kaum jemand regt sich darüber auf. Nur einige Astronomen ärgern sich, weil Musks Satelliten den Nachthimmel versauen. Ihre Lichtspuren stören beim Sternebeobachten. Ansonsten scheint es akzeptiert, dass Musk den Himmel über uns mit seinem Weltrauminternet kommerzialisiert.

Zugegeben, Starlink hat was. Die Idee ist visionär. Das Internet kommt künftig körperlos und sauber von ganz oben. Es braucht keine Glasfaserkabel und keine Handyantennen. Angeblich soll die Strahlenbelastung für die Menschen auf der Erde gering sein, geringer als mit dem umstrittenen schnellen 5G-Mobilfunk. Allerdings ist noch nicht im Detail bekannt, wie sich Musks Starlinkinternet einmal mit den Endgeräte auf der Erde verbinden wird.

Bezos will auch noch 3000 Satelliten hoch schicken

Musk ist übrigens nicht der einzige, der es auf den Himmel über uns abgesehen hat. Er ist nur der Schnellste. Nordamerika will er schon dieses Jahr mit dem Weltraumnetz versorgen, den Rest der Erde ab kommendem Jahr. Musks schärfster Konkurrent ist Amazon-Chef Jeff Bezos. Er plant mit dem Projekt Kuiper 3000 Internetsatelliten hoch zu schiessen. Aus Nächstenliebe tun es beide nicht. Milliarden Menschen haben heute keinen Zugang zum Internet. Das wird ein Bombengeschäft.

Eine Frage steht wie ein rosa Elefant am Firmament: Dürfen die das? Können die einfach den Himmel okkupieren? Ja und Nein. Es gibt seit über fünfzig Jahren den sogenannten Weltraumvertrag, der besagt, dass der Weltraum niemandem gehört. Der Vertrag wollte verhindern, dass Staaten den Weltraum mit Atomwaffen bestücken. Alle sollten ihn friedlich nutzen können. Elon Musk schiesst jetzt aber so viele Billigsatelliten hoch, dass für andere kein Platz mehr sein wird. Möglich, dass die Musksche Verdrängungsstrategie gegen den Weltraumvertrag verstösst. Doch wo kein Richter, da kein Kläger.

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