Corona-Mutation
Etwa vier Prozent der Infizierten tragen mutiertes Virus – Dänemark zeigt, wie wir Explosion abwenden könnten

Noch sind nur 144 Infektionen mit dem mutierten Coronavirus bekannt. Befürchtet wird eine explosionsartige Ausbreitung so wie in Grossbritannien. Dänemark kontrolliert die Mutation exakter als andere Länder.

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Der Impfstoff von Pfizer-Biontech wirkt auch die englische Variante von Sars-CoV-2.

Der Impfstoff von Pfizer-Biontech wirkt auch die englische Variante von Sars-CoV-2.

Jessica Hill / AP

Die Angst vor dem mutierten englischen Coronavirus bleibt gross. Gemäss dem Präsidenten der Covid-19-Taskforce Martin Ackermann gehören im Moment zwischen zwei und fünf Prozent der sequenzierten Coronaviren in der Schweiz zu dieser Variante B.1.1.7, die etwa 50 bis 70 Prozent ansteckender ist.

Entdeckt wurden bis heute 144 mutierte Fälle, davon können 114 der englischen Variante und sechs der südafrikanischen Variante zugeordnet werden. Bei 24 Fällen war eine Zuordnung noch nicht möglich.

Laufend werden nun aber neue Fälle von Mutationen entdeckt, wie eben gerade im Tessin. Genau kann die Zahl der Infizierten nicht bestimmt werden. Aufgrund der Stichproben in verschiedenen Regionen der Schweiz wird geschätzt, dass momentan etwa vier Prozent der Infizierten die englische Variante tragen.

Steile Kurve wie in England und Dänemark

Das tönt im Moment noch nach wenig. Besorgt ist Ackermann, weil er die Kurven der Ausbreitung der Variante B.1.1.7 in der Schweiz mit jenen in Grossbritannien und mit Dänemark verglichen hat.

Dabei zeigt sich, dass diese Kurve in allen drei Ländern etwa gleich steil verläuft, wenn in der Schweiz auch erst seit kurzem und auf viel tieferem Niveau als auf den britischen Inseln. Zu sehen ist dabei, dass sich überall die Fälle von Infektionen mit dem mutierten Virus jede Woche verdoppeln.

Impfungen noch nicht berücksichtigt

Ackermanns Prognose zeigt zwar einen Rückgang der Neuinfektionen bis Ende Januar, aber einen Anstieg im Februar, weil sich die ansteckendere Variante schnell verbreite, wenn nichts dagegen unternommen werde. In dieser Prognose, die eine Explosion zeigt, sei aber die Wirkung der Impfungen nicht berücksichtigt wie auch die soeben beschlossenen Massnahmen. Damit könne verhindert werden, dass in der Schweiz englische Verhältnisse entstünden. «Wir sind nicht schutzlos ausgeliefert», sagt der Chef der Covid-19-Taskforce Martin Ackermann, und weiter:

Je schneller wir impfen, desto besser können wir auch das mutierte Virus zurückhalten.

Entscheidend sei es aber, die Gesamtzahl der Neuinfektionen zu reduzieren, egal welcher Variante.

Martin Ackermann, Präsident der Covid-19 Task Force des Bundes.

Martin Ackermann, Präsident der Covid-19 Task Force des Bundes.

Peter Schneider / KEYSTONE

Von Sars-CoV-2 entwickeln sich laufend neue Stämme. Wie gefährlich diese sind, ist nach Ackermann nicht leicht feststellbar. Kritisch sind jene Varianten, die eine erhöhte Übertragungsrate aufweisen. Dazu gehören die englische und die südafrikanische Variante. Entdeckt wurden auch eine japanische und brasilianische Mutation, über die man noch weniger weiss als über die englische.

Höhere Virenlast könnte der Grund sein

Bei der Variante B.1.1.7 kann nicht genau gesagt werden, warum diese ansteckender ist als der herkömmliche Stamm von Sars-CoV-2. Der Virenforscher Richard Neher von der Universität Basel hat vermutet, dass die Virenmenge bei den Infizierten höher ist, und dass diese höhere Virenlast diese Menschen ansteckender macht. «Die Virenlast im mutierten Virus wird zur Zeit genau angeschaut. Die Antwort dazu ist aber noch offen», sagt Martin Ackermann. So tappt man noch im Dunkeln. Und somit ist auch nicht klar, ob man sich speziell davor schützen könnte.

Deshalb gelten auch für die mutierten Varianten die gleichen Regeln. Distanz halten, Lüften, Masken tragen. In Deutschland tragen immer mehr Menschen die Berufs-Schutzmasken FFP2. «Ich bin mir nicht sicher, ob das einen erhöhten Schutz bringt», sagt dazu Patrick Mathys vom BAG. Zudem könnten viele Leute, die jetzt schon ungern eine Atemmaske tragen, mit einer weit unangenehmeren FFP2-Maske deutlich mehr Mühe haben. Gegenüber dem mutierten Coronavirus muss man sich somit verhalten wie gegenüber der normalen Variante.

Dänemark kennt die Ausbreitung des Mutanten recht genau

Im Vergleich zu vielen anderen Ländern kennen die dänischen Behörden die Ausbreitung der britischen Variante relativ genau. Grosse Kapazitäten beim Sequenzieren erlauben es, rund 5000 positive Coronaproben pro Woche auf B.1.1.7 zu analysieren, wobei 3,6 Prozent einen Treffer ergeben. Bisher sind 208 Träger der Mutation gefunden worden; die Behörden gehen aber davon aus, dass es rund acht mal mehr Infizierte gibt.

Ein neu entwickelter PCR-Test gibt neu einen noch besseren Überblick. Ab sofort werden sämtliche positiven Tests, rund 80000 pro Tag, einer Zweitanalyse unterzogen: Nach 6 bis 12 Stunden ist klar, ob die Probe eine spezielle Mutation enthält - die britische, die südafrikanische oder die Nerz-Mutation. Diese Fälle erhalten beim Contact Tracing Priorität, während die einige Tage dauernde Gen-Sequenzierung durchgeführt wird. Diese stellt dann fest, ob es sich um die britische Variante handelt.

Umfassender Lockdown in Dänemark wegen B.1.1.7

Wegen des schnellen Anstiegs der B.1.1.7-Zahlen befürchtet die dänische Regierung, im Februar könnte die Situation unkontrollierbar werden. Um die Entwicklung zu bremsen, hat sie bereits Anfang Januar vorsichtshalber einen umfassenden Lockdown beschlossen und auch sämtliche Schulen geschlossen.