Recycling

Das ist kein Witz! Bald tragen wir Kleider aus Schlachtabfällen

Lady Gaga trug ein Kleid aus Fleisch. Und wir vielleicht bald Kleider aus Gelatine.

Lady Gaga trug ein Kleid aus Fleisch. Und wir vielleicht bald Kleider aus Gelatine.

Ein ETH-Doktorand hat ein Garn entwickelt, das aus Knochen, Sehnen und Haut besteht. Bereits liess er daraus einen Handschuh stricken. Die neue Faser wäre ökologisch, biologisch abbaubar – aber nichts für Veganer.

Gummibärchen, Puddings, Marshmallows: Die wichtigste Zutat dieser Süssigkeiten ist Gelatine. Forscher der ETH Zürich haben nun ein weiteres Produkt entwickelt, das aus dem tierischen Geliermittel hergestellt wird: ein Garn, das aus Schlachtabfällen gewonnen wird.

«Wir wollen aus einem Abfallprodukt ein verwendbares Material machen», erklärt Philipp Stössel, Doktorand des Instituts für Chemie- und Bioingenieurwissenschaften der ETH Zürich.

Im Rahmen seiner Dissertation bei Professor Wendelin Stark hat Stössel herausgefunden, dass sich Gelatine hervorragend zur Wiederverwertung eignet.

Bis zu 230 000 Tonnen Schlachtabfälle jährlich

Gelatine biete ideale Voraussetzungen für die Herstellung eines neuen Materials, da es in der Fleischindustrie in rauen Mengen anfalle und somit nicht mit der Nahrungskette in Konflikt stehe, sagt Stössel.

So sieht das Gelatine-Garn aus.

So sieht das Gelatine-Garn aus.

Jährlich fallen in der Schweiz mehr als 230 000 Tonnen Schlachtabfälle an, wie der Verein Swissveg auf seiner Website schreibt. Die Entsorgung der tierischen Abfälle ist vom Bund geregelt: Entweder werden sie zu Brennstoffen verarbeitet und verbrannt, für die Produktion von Biogas und Düngemittel verwendet oder an Nutz- und Heimtiere verfüttert.

Mit dem Garn gäbe es eine weitere Verwertungsmöglichkeit: «Aus den Schlachtabfällen soll das Maximum herausgeholt werden», sagt Stössel und betont, dass für die Herstellung der Gelatinefasern keineswegs mehr Tiere getötet würden, sondern er lediglich ein Abfallprodukt wiederverwerte.

Nichts für Veganer

Trotzdem ist die Verwendung tierischer Bestandteile umstritten: Nicht allen sagt es zu, Textilien aus tierischen Bestandteilen am Körper zu tragen. Oder die Herstellung solcher Produkte zu unterstützen.

Wie Cristina Roduner, Mediensprecherin der Veganen Gesellschaft Schweiz, auf Anfrage der «Nordwestschweiz» sagt, sollte «besser die Entwicklung pflanzlicher Alternativen zu tierischer Wolle» vorangetrieben werden. «Trotzdem begrüssen wir es, dass wenigstens die Schlachtabfälle wiederverwertet werden. Dies ist ein weiterer kleiner Schritt hin zur Abschaffung der Tierausbeutung», erklärt Roduner weiter. Für sie käme es aber nicht infrage, ein Kleidungsstück aus Gelatine zu tragen.

Knochen werden zu dehnbaren Fäden

Der Hauptbestandteil des Garns, Gelatine, wird aus Kollagen gewonnen, das in Haut, Knochen und Sehnen enthalten ist. Diese gehören zu den Schlachtabfällen.

Wird die hergestellte Gelatine zusammen mit einem organischen Lösungsmittel erhitzt, können lange, dehnbare Fäden daraus gezogen werden. Erst nach einigen Versuchen gelang es Stössel, die richtige Dicke der einzelnen Fasern zu erreichen, die für die Garnproduktion verwendbar ist.

Durch die glatte Oberfläche weisen Gelatinefasern laut Stössel einen schönen Glanz auf. Die Fasern kann der Doktorand zu einem Garn verspinnen, daraus liess er bereits einen Handschuh stricken.

An der Kapazitätsgrenze

Entstanden ist das Projekt aus Stössels Masterarbeit. Die Idee der Wiederverwertung eines Abfallprodukts verfolgte er in seiner Dissertation weiter.

Das Patent für die Erfindung haben die ETH-Forscher bereits eingereicht. Mittlerweile seien sie an der Kapazitätsgrenze ihres Labors angelangt: «Wir hoffen, dass wir das Projekt in Zusammenarbeit mit einem Industriepartner weiterführen können», sagt Stössel.

Biologisch abbaubares Garn

Ob sich die Gelatinefaser auf dem Markt durchsetzen kann, ist offen: Der Doktorand weiss, dass sein Garn im Verhältnis zu den herkömmlichen synthetischen Fasern relativ teuer ist, da die Herstellungskosten zurzeit noch höher ausfallen.

Trotzdem sieht er Vorteile in den Gelatinefasern: Sie hätten gute Isolationsfähigkeiten und seien ausserdem biologisch abbaubar. Im Gegensatz zu den am meisten verwendeten Kunstfasern: Diese werden aus fossilen Rohstoffen wie Kohle, Erdöl oder Erdgas hergestellt.

Synthetische Fasern sind pflegeleicht und sehr lange haltbar, was aber dazu führt, dass sie nicht biologisch abgebaut werden können.

Gelatine, die wichtige Zutat der Gummibärchen, ist bekanntlich wasserlöslich. Stössel hat mit chemischen Verfahren bereits ein gewisses Mass an Wasserfestigkeit erreicht. Doch der Doktorand ist mit seinem Ergebnis noch nicht ganz zufrieden: Deshalb arbeitet er weiter intensiv daran, die Eigenschaften des Garns im nassen Zustand zu verbessern.

Meistgesehen

Artboard 1