Friedensforschung
ETH-Forscher simulieren Frieden in Jerusalem

Laut einer Computersimulation ist die Rückkehr zur Grenze von 1967 der vielversprechendste Ansatz, um im Nahen Osten Frieden zu stiften.

Iris Muhl
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Israelische Sicherheitskräfte stürmen den Tempelberg in Jerusalem, wo die Al-Aksa-Moschee steht

Israelische Sicherheitskräfte stürmen den Tempelberg in Jerusalem, wo die Al-Aksa-Moschee steht

Keystone

Kürzlich hat ein israelischer Wachmann an der Klagemauer in Jerusalem aufgrund eines Missverständnisses einen Juden erschossen. Er hatte den Verdacht, der Mann sei ein palästinensischer Attentäter kurz vor der Tat. Dieses schreckliche Missgeschick zeigt deutlich, wie stark Jerusalem von ethnischen, religiösen und ideologischen Spannungen geprägt ist.

Ein Team von Forschern der ETH Zürich, des Hochschulinstituts für internationale Studien in Genf und der Hebrew University of Jerusalem hat aus diesem Grund eine Computersimulation entwickelt, die den Verlauf von Gewalt in 77 Quartieren Jerusalems nachzeichnet und deren «Logik» erfassen soll. Damit soll es möglich werden, die Auswirkungen von geplanten Freidensmassnahmen zuerst am Computer zu berechnen, ehe sie in der Realität umgesetzt werden.

Daten, Daten und noch einmal Daten

In einem ersten Schritt sammelten die Forscher massenweise Daten: Polizeiberichte, Zeitungsartikel und Berichte von Nichtregierungsorganisationen, Details zu gewalttätigen Angriffen und Mordanschlägen. Zeitliche und geografische Angaben dieser Delikte, die zwischen 2001 und 2009 stattfanden, wurden als Parameter in die Simulation eingefügt. Ebenso wurden anonymisierte Angaben zu Tätern und Opfern berücksichtigt. Dabei spielten vier verschiedene soziale Gruppierungen eine Rolle: gemässigte orthodoxe und weltliche Juden, ultraorthodoxe Juden, Palästinenser sowie israelische Sicherheitskräfte. Die Daten wurden akribisch genau in einen Jerusalemer Stadtplan eingetragen.

So entstand ein Simulationsprogramm, das nicht nur Zeitabläufe der Gewalt aufzeigt, sondern auch sichtbar macht, wo es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommt, zu welcher Gruppierung Involvierte gehören und wie sich die Sachlage nach politischen Eingriffen entspannen könnte.

Alles besser als "Business as Usual"

Mit diesem Simulator wurden daraufhin verschiedene politische Szenarien berechnet. Es zeigte sich: Alle in der jüngeren Vergangenheit diskutierten Optionen sind besser als «Business as Usual» – weitermachen wie bisher. Unter ihnen ist die «Rückkehr zu den Grenzen von 1967» der vielversprechendste Ansatz zur Reduktion der Gewalt.

So weit, so gut. Bei einer genaueren Betrachtung der errechneten Entwicklungen zeigen sich aber die Grenzen der Computersimulation. So könnte der mit «der Rückkehr zu den Grenzen von 1967» einhergehende Umzug in einen anderen Stadtteil neue Spannungen verursachen. Die mit dem Modell errechnete Verringerung der Gewalt ist davon anhängig, wie sich die beiden Gruppen nach politischen Entscheiden zueinander verhalten. Vergrössern sich die Spannungen, könnte das den positiven Effekt solcher Entscheide vollständig zunichte machen. Die Forscher berechneten aber auch, dass mehr Toleranz die Gewalt genauso abschwächen würde wie eine Trennung der rivalisierenden Bevölkerungsgruppen.

Ein Patentrezept liefert also auch die Simulation nicht und es stellt sich generell die Frage: Kann Frieden berechnet werden? Dirk Helbing ist überzeugt, dass mithilfe der Computersimulation «grundsätzliche Einsichten zum Konflikt in Jerusalem abgeleitet werden können». Doch er räumt ein: «Frieden kann am Ende jedoch nur auf politischer und menschlicher Ebene geschaffen werden.»

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