Sprachwissenschaft

Herausgeber von Oxford-Wörterbuch hielt «Antisemit» für kurzlebig

James Murray (1837-1915) unterschätzte Antisemitismus. Sowohl den Begriff wie die Sache hielt er für eine vorübergehende Erscheinung, deshalb nahm er die Vokabel nicht ins Oxford Dictionary auf. Später seufzte er: "Hätte der Antisemitismus doch nur ein flüchtiges Interesse gehabt." (WikiCommons)

James Murray (1837-1915) unterschätzte Antisemitismus. Sowohl den Begriff wie die Sache hielt er für eine vorübergehende Erscheinung, deshalb nahm er die Vokabel nicht ins Oxford Dictionary auf. Später seufzte er: "Hätte der Antisemitismus doch nur ein flüchtiges Interesse gehabt." (WikiCommons)

Der erste Herausgeber des Oxford English Dictionary hat das Wort «Antisemit» nach neuesten Erkenntnissen für einen kurzlebigen Begriff gehalten und ihn deshalb nicht in das berühmte Wörterbuch aufgenommen.

Nach Einschätzung des britischen Lexikografen James Murray, der 1879 mit der Arbeit am Oxford-Wörterbuch begann, war der Begriff "nicht mehr als ein übergangsweise gebildetes Wort", wie am Montag in Israel veröffentlichte Archivdokumente zeigten.

Als Claude Montefiore, ein einflussreiches Mitglied der jüdischen Gemeinde Grossbritanniens, erfuhr, dass "Antisemit" und die daraus abgeleiteten Begriffe keinen Eintrag haben würden, schrieb er an Murray und äusserte sich besorgt.

Murray erklärte sein Vorgehen gegenüber Montefiore am 5. Juli 1900 in einem Brief damit, dass das Wort Antisemit und die verwandten Begriffe erst 1881 vom Deutschen ins Englische gekommen seien und dass er glaube, der Begriff würde angesichts seiner begrenzten Nützlichkeit wohl kaum Fuss fassen. "Daher wurden sie nicht in einem separaten Artikel behandelt", erklärte er und fügte hinzu, dass "die Strasse eher 'anti-jüdisch' als antisemitisch sagen würde".

In dem Brief bezweifelte er allerdings bereits, ob es die richtige Entscheidung war, Antisemitismus aus dem Wörterbuch herauszulassen: "Es ist wahrscheinlich, dass, wenn wir das Wörterbuch heute veröffentlichen würden, wir 'antisemitisch' zu einem der Hauptwörter gemacht hätten", schrieb er und beklagte: "Hätte der Antisemitismus doch nur ein flüchtiges Interesse gehabt."

Nicht jeder Semit ist ein Jude

Für die Archivarin der Israelischen Nationalbibliothek, Rachel Misrati, die den Brief entdeckte, ist das Schriftstück ein "fehlendes Glied in der Kette der Geschichte". Er zeige, wie der Begriff "semitisch", der sich eigentlich auf Sprecher des Hebräischen, Arabischen und Aramäischen bezieht, bereits in einem frühen Stadium nur auf Juden angewandt wurde. "Der Antisemitismus richtete sich anfangs gegen alle semitischen Rassen", sagte Misrati. Murray stellte ihn aber bereits den anti-jüdischen Kontext.

Das Oxford-Wörterbuch wurde in Raten zwischen 1884 und 1928 erstmalig veröffentlicht. Unklar ist bis heute, wann der Begriff Antisemit endgültig in das Oxford-Wörterbuch aufgenommen wurde.

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