Fortpflanzungsmedizin
Künstliche Befruchtung soll in Zukunft auch für Singles und Lesben möglich sein

Sollen Singles und Lesben Kinder kriegen dürfen und soll damit das Verbot für die Eizellenspende aufgehoben werden? Vorschläge der Ethikkommission könnten bald in ein neues Gesetz einfliessen.

Raffael Schuppisser und Milena Caderas
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Am Anfang standen Paare mit unerfülltem Kinderwunsch. Dann erfanden Mediziner mit der In-vitro-Fertilisation eine Möglichkeit, dass auch sie Kinder zeugen können. Nun soll diese Technik auch in der Schweiz auf lesbische Paare und Singlefrauen ausgeweitete werden.

Die Nationale Ethikkommission (NEK) hat gestern in einer Stellungnahme ihre Ansichten zur medizinisch unterstützten Fortpflanzung unterbreitet.

Sie empfiehlt, dass in Zukunft auch unverheiratete sowie lesbische und Single-Frauen auf eine Samenspende zurückgreifen dürfen. Derzeit ist diese nur für verheiratete Paare zulässig. Diese Regelung hält die NEK für diskriminierend; sie soll deshalb ausgeweitet werden.

Ebenso soll nach dem Ermessen der NEK neu auch Eizellen- und Embryospenden erlaubt werden. Es sei diskriminierend, die Samenspende zu erlauben, die Eizellenspende aber zu verbieten, meint die NEK. Derzeit müssen Paare, bei denen die Frau unfruchtbar ist, sich in einem anderen Land behandeln lassen, in dem die Eizellenspende erlaubt ist. Im internationalen Vergleich hat die Schweiz ein restriktives Fortpflanzungsgesetz.

Bischofskonferenz empört

Freude über die Anerkennung gesellschaftlicher Konstellationen äussert die grüne Nationalrätin und Medizinerin Yvonne Gilli. Sie erkennt darin ein Zeichen für Offenheit. Eine Offenheit, die ihr oft fehlt. Als Beispiel erwählt sie die CVP-Familieninitiative, welche traditionelle Familien finanziell entlasten will, und so ein traditionelles Familienbild zementiert, wie Gilli kritisiert.

Auch der Tessiner FDP-Nationalrat und Arzt Ignazio Cassis begrüsst die Stellungnahme der NEK. Als Gesellschaftsliberaler hofft er, dass bald keine Schweizer Paare für eine Behandlung ins Ausland reisen müssen.

Keine Freude zeigen hingegen Vereinigungen, die sich auf christliche Werte besinnen. «Wir müssen aufpassen, dass es keine Entgrenzung und Deregulierung bis zu Beliebigkeit gibt», so EVP-Nationalrätin Maja Ingold. Die 60-seitige Stellungnahme der NEK sieht sie als Diskussionsbeitrag, will es aber nicht überbewertet wissen.

Gar nicht gut kommen die Positionen bei der katholischen Kirche an: Thierry Collaud, Präsident der Kommission für Bioethik der Schweizerischen Bischofskonferenz, hält mit grosser Besorgnis fest: «Moralische Werte lassen sich keinem Zeitgeist unterwerfen.»

Werden Schwule diskriminiert?

Werden die Vorstellungen der NEK umgesetzt, so wird es insbesondere für Lesben und alleinstehende Frauen einfacher, ihre Kinderwünsche zu erfüllen. Damit werden neue Familienmodelle legitimiert, die in Konkurrenz treten zum traditionellen, aus Vater, Mutter und Kindern bestehenden Familienbild. Gleich hingegen dürfte die Lage für schwule Paare und alleinstehende Männer bleiben, sind diese zur Austragung eines Kindes doch auf eine Leihmutter angewiesen. Gegenüber der Leihmutterschaft zeigt sich die NEK aber gespalten.

Zwar glaubt eine Mehrheit, dass die Leihmutterschaft grundsätzlich zugelassen werden könne. Sie äussert jedoch Zweifel, ob es angesichts der Gefahren im Zusammenhang mit der Kommerzialisierung dieser Praxis möglich ist, annehmbare Rahmenbedingungen zu schaffen, mit denen allen beteiligten Personen ein angemessener Schutz gewährleistet werden kann. Aus diesem Grund möchte nur eine Minderheit der NEK, dass die Leihmutterschaft im Gesetz zugelassen wird.

PDI soll erlaubt sein

Eine Mehrheit der NEK empfiehlt hingegen, dass die Präimplantationsdiagnostik (PDI) zugelassen werden soll. Derzeit ist die vorgeburtliche Diagnostik in der Schweiz verboten. Doch das will der Bundesrat mit einem neuen Gesetz ändern. Bereits im März könnte der Ständerat darüber debattieren.

Ein Teil der Empfehlungen der NEK könnte jetzt in die laufende Gesetzesrevision einfliessen. Ein anderer Teil wie etwa der Vorschlag, dass lesbische Paare und alleinstehende Frauen sich ihren Kinderwunsch per künstliche Befruchtung erfüllen lassen können, ist als Diskussionsanstoss für den Bundesrat gedacht. Das letzte Wort wird aber das Volk haben, da die PDI eine Verfassungsänderung nötig macht.

Samenspende, Diagnostik und Designerbabys: WAS NEU ERLAUBT WERDEN SOLL UND WAS VERBOTEN BLEIBT

Samenspende für alle

Will ein Paar ein Kind zeugen, der Mann aber unfruchtbar ist, kann auf eine Samenspende zurückgegriffen werden. Derzeit ist es so, dass das Paar verheiratet sein muss. Diese Regelung hält die Ethikkommission (NEK) für diskriminierend. Sie plädiert deshalb dafür, dass auch unverheiratete und gleichgeschlechtliche Paare sowie alleinstehende Personen diese Möglichkeit nutzen können. Damit wird es für lesbische Paare möglich, künstlich zu befruchten. Dabei wird die Eizelle einer der Frauen mit dem gespendeten Sperma befruchtet und in die Gebärmutter eingepflanzt. Auf die gleiche Weise kann auch eine Single-Frau zur Mutter werden.

Eizellenspende neu erlaubt

Anders als Samenzellen dürfen Eizellen derzeit nicht gespendet werden. Bleibt ein Paar kinderlos, weil die Frau unfruchtbar ist, kann sie jetzt nach Schweizer Gesetz nur auf die Adoption eines Kindes zurückgreifen. Viele Paare reisen deshalb für eine künstliche Befruchtung ins Ausland. Geht es nach dem Willen der NEK, wird das in Zukunft nicht mehr nötig sein. Sie empfiehlt, die Eizellenspende zu erlauben. Auch in der Schweiz soll es möglich sein, im Reagenzglas eine gespendete Eizelle mit dem Sperma des Mannes zu befruchten und diese in die Gebärmutter der Frau einzupflanzen. Samen und Eizelle werden damit gleich behandelt.

Embryospende neu erlaubt

Wenn ein Paar künstlich befruchtet, entstehen Embryonen. Diese können eingefroren werden. Werden sie vom Paar nicht mehr gebraucht, weil sich sein Kinderwunsch erfüllt hat, entstehen sogenannte überzählige Embryonen. Statt diese zu vernichten oder der Forschung zur Verfügung zu stellen, sollen sie in Zukunft auch an unfruchtbare Paare gespendet werden können. Das empfiehlt die NEK. Damit können Paare Kinder bekommen, bei denen sowohl die Frau als auch der Mann unfruchtbar ist. Weder Vater noch Mutter sind dann die genetischen Eltern dieses so gezeugten Kindes.

PID darf gemacht werden

Der Bundesrat hat letztes Jahr eine Gesetzesänderung vorgeschlagen, um Präimplantationsdiagnostik (PID) für erblich vorbelastete Paare zuzulassen. Dabei werden die Embryos bei einer künstlichen Befruchtung auf Erbkrankheiten getestet und ein Embryo ohne Hang zur Erbkrankheit ausgewählt, der dann in die Gebärmutter eingesetzt wird. Die NEK befürwortet diesen Vorschlag des Bundesrats; geht mit ihm aber nicht einig, dass pro Behandlungszyklus höchstens acht Embryonen entwickelt werden dürfen. Diese Begrenzung sei medizinisch nicht sinnvoll, da es möglich sei, dass sich unter den acht Embryonen kein geeigneter befände.

Retterbaby darf gemacht werden

Einige schwere Erbkrankheiten wie beispielsweise Fanconi-Anämie lassen sich nur durch Knochenmarktransplantation heilen. Findet sich für ein bereits geborenes krankes Kind kein geeigneter Spender, soll in Zukunft ein Retterbaby gezeugt werden dürfen, das mit den entsprechenden Zellen ausgestattet ist. So sieht es die NEK vor. Ein solches Baby kann theoretisch schon jetzt auf natürliche Art gezeugt werden, die Chance, dass sich das Kind als Retter eignet, liegt aber nur bei 25 Prozent. Mit einer künstlichen Befruchtung und einem entsprechenden pränatalen Test lässt sich hingegen sicherstellen, dass sich das Baby als Retter eignet.

Designerbabys bleiben verboten

Verboten bleiben sollen sogenannte Designerbabys. PDI soll nur erlaubt sein, um Erbkrankheiten bei genetisch vorbelasteten Eltern zu verhindern oder um Retterbabys zu zeugen. Genetische Tests bei Embryonen dürfen aber nicht dazu genutzt werden, um Babys nach den Wünschen ihrer Eltern zu designen und neben Geschlecht - wenn das dereinst einmal möglich sein soll - auch andere Merkmale wie Augenfarbe, Intelligenz und Körperbau zu wählen. Die Kommission stellt sich somit gegen die Bestimmung von genetischen Merkmalen aus Gründen, die mit subjektiven Lebensentwürfen zusammenhängen.

Leihmutterschaft wohl verboten

Weiterhin verboten bleiben soll in der Schweiz die Leihmutterschaft - dass also eine Frau für eine andere ein Kind austrägt. Die Mehrheit der NEK sei zwar der Meinung, dass die Leihmutterschaft grundsätzlich zugelassen werden könne. Sie bezweifelt aber, dass Rahmenbedingungen geschaffen werden können, die alle beteiligten Personen genügend schützen. Eine Leihmutterschaft, die in anderen Ländern - etwa England - erlaubt ist, ermöglicht Frauen, die aus biologischen oder medizinischen Gründen, etwa, weil sie nach einem Krebs die Gebärmutter entfernen lassen mussten, genetische Kinder zu bekommen.