Tierisch

So ticken Rehe: Im Sommer der Sex, im Winter die Familie

Rehe sind ruhige und gesellige Wesen. (Archiv)

Rehe sind ruhige und gesellige Wesen. (Archiv)

Im Winter treffen sich nicht nur die Menschen mit ihren Verwandten, sondern auch die Rehe. Zudem neigen sie, im Gegensatz zu anderen Hirscharten, nicht dazu, sich möglichst oft mit verschiedenen Artgenossen zu paaren.

Weibliche Rehe sind über das Jahr gesehen äusserst gesellige und standorttreue Tiere, zur Paarungszeit aber gehen sie den mit ihnen verwandten Rehböcken zielgerichtet aus dem Weg.

Damit vermeiden sie Inzucht und beugen einer genetischen Verarmung des Nachwuchses vor. Das zeigt eine italienische Studie der Universität Sassari, die im «Journal of Zoology» veröffentlicht wird.

Die Ricken mit ihren in Mai und Juni geborenen Kitzen neigten demnach in der sommerlichen Paarungszeit dazu, «ihr Streifgebiet mit Verwandten des gleichen Geschlechts zu teilen und Revierüberschneidungen mit Verwandten des anderen Geschlechts zu reduzieren», heisst es in der Studie. Zur Paarung verliessen die Tiere vorübergehend ihr Revier, um das Inzuchtrisiko zu mindern.

Die Familie wieder vereint
Das Team um den Evolutionsbiologen Stefano Grignolio hatte in den toskanischen Bergen der Alpe di Catenaia 69 Rehe mit Netzen gefangen, von den Tieren Genproben entnommen und sie mit Funkhalsbändern versehen. Danach wurde acht Jahre lang das räumliche Verhalten der Rehe erfasst und anschliessend analysiert.

Die Forscher interessierte vor allem, ob in dem Masse, wie sich die Reviere der Rehe überlappen, auch deren Verwandtschaftsgrad steigt und welche Rolle Geschlecht und Jahreszeit dabei spielen.

Im Winter überlappten sich laut den Forschern die Streifgebiete männlicher und weiblicher Rehe viel stärker als im Sommer. Parallel zum Grad der Verwandtschaft stieg im Winter auch die räumliche Nähe der Tiere zueinander wieder an. Rehe hielten demnach im Durchschnitt kürzere Distanzen zueinander, wenn sie miteinander verwandt waren.

Die Rehe bilden dann sogenannte Sippenreviere. Meist sind es einige miteinander verwandte Ricken samt Rehkitzen sowie ein paar Böcke und Jungrehe, die als Verband ein solches Revier bevölkern. Auf Agrarflächen fallen die Verbände deutlich grösser als im Wald aus. Im Spätwinter lösen sie sich zumeist wieder auf.
Sparen fürs Paaren

Den Forschern fiel auf, dass im Untersuchungsgebiet der Aktionsradius der Rehe im Winter kleiner war als zur Brunftzeit im Sommer. Die Wissenschafter erklären das mit der Nahrungsknappheit im Winter.

Die Rehe konzentrierten sich dann auf wenige ausgewählte Areale mit gutem Futterangebot. Ihr Genfluss – also die Weitergabe und Streuung der eigenen Gene – unterscheidet sich von dem der meisten anderen wilden Huftierarten, bei denen das erwachsene Männchen weit umherzieht.

Rehböcke bleiben auch ausgewachsen eher standorttreu, weshalb es eines natürlichen Mechanismus bedarf, um Inzucht zu vermeiden. Diesen sehen die Forscher in den Exkursionen der Ricken zur Brunftzeit im Juli und August.

Rehe, heisst es in der Studie, neigten im Gegensatz zu anderen Hirscharten auch nicht zur Polygynie, also dem Hang, sich möglichst oft mit verschiedenen Artgenossen zu paaren. Zu ihrem – nach menschlichen Massstäben – ruhigen und geselligen Wesen zählt auch, dass Rehböcke ihre Reviere gegenüber verwandten Böcken nicht sonderlich vehement verteidigen, schreiben die Forscher.

Der Grund dafür: Als kleinste aller Hirscharten Energie für die Paarung zu sparen.

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