Archäologie
Von wegen primitive Urmenschen: Schon Fred Feuerstein war innovativ

In Armenien wurden Steinwerkzeuge an einem Ort gefunden, die eigentlich nicht hätten zusammen vorkommen dürfen. Das zeigt: Die Menschen in der Steinzeit waren innovativer, als bisher angenommen.

Christoph Bopp
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So stellte man sich das Neandertalerleben gemeinhin vor – immer viel zu tun, aber immerhin mit leidlich tauglichem Werkzeug.akg images

So stellte man sich das Neandertalerleben gemeinhin vor – immer viel zu tun, aber immerhin mit leidlich tauglichem Werkzeug.akg images

Wer hats erfunden? Die Frage war schon in der Steinzeit virulent. Und noch schwerer zu klären als beim Ricola-Zeltli. Denn von damals ist nicht viel übrig geblieben. Und was man findet, ist schwer genauer datierbar. Aber was genau es wann genau gegeben hat – das ist ja die entscheidende Frage.

Fred Feuerstein und seine Neandertaler-Kollegen oder welcher Gattung Homo sie auch angehörten, sie alle waren Meister des Überlebens und nicht die keulenschwingenden Monster, wie man sie früher gern karikiert hat. Sie waren in der Lage, Klimawandel im grösseren Massstab zu überleben. Und dafür war nicht zuletzt die Fähigkeit entscheidend, sich die nötigen Kleider zusammenzuschneidern. Oder überhaupt die Ressourcen, welche die Umwelt bot, vernünftig zu nutzen.

Und dazu brauchte es Werkzeuge. Die Pelze hingen ja nicht an den Bäumen. Um den Tieren erfolgreich nachstellen zu können, waren taugliche Jagdwaffen erforderlich. Bei Wurf- und Stosswaffen brauchte es scharfe Spitzen, zum Zerlegen der Beute und Präparieren des Fells scharfe Messer und Schaber. Material dafür waren Knochen, Horn und vor allem Stein.

Zweiseitig behauene grobe Faustkeile oben, Levallois-Technik unten: Aus der gewölbten Oberfläche konnten Klingen abgeschlagen werden.

Zweiseitig behauene grobe Faustkeile oben, Levallois-Technik unten: Aus der gewölbten Oberfläche konnten Klingen abgeschlagen werden.

Daniel S. Adler/Science

Fred Feuerstein der Steineklopfer

Der Steinzeitmensch hantierte mit dem Faustkeil. Das ist gängige Erkenntnis und auch nicht falsch. Aber auch nicht ganz richtig, denn die Steinwerkzeugindustrie lieferte schon sehr früh erstaunlich vielseitige Werkzeuge. In Museen kann man heute praktische Archäologie praktizieren und selber Steine bearbeiten. Man sieht dann schnell, dass es gar nicht so einfach ist, auch nur eine grobe Knolle einigermassen zu einem handlichen Teil zurechtzuklopfen.

Anhand der Werkzeuge datierte man bisher auch die Epochen. Grob zweiseitig behauene Faustkeile wurden abgelöst durch feiner gearbeitete, so die gängige Theorie. Man unterscheidet gemeinhin zwischen «traditioneller Faustkeiltechnologie» und der «Levallois-Technologie» (benannt nach einem Fundort in der Nähe von Paris).

Der Unterschied liegt darin, dass man, um einen «normalen Faustkeil» herzustellen, einfach einen grösseren Brocken bearbeitete, bis er die gewünschte Form hatte. Die Abschläge waren Abfall. Bis Fred Feuerstein auffiel, dass diese Splitter manchmal scharfe Spitzen oder Schneiden hatten. Und so versuchte er, Steinbrocken so zu bearbeiten, dass diese Abschläge gezielt anfielen. Das ging so weit, dass man aus der Oberfläche der Brocken Spitzen und Schneiden herausschlug. Dafür war beträchtliches Know-how erforderlich, aber die Werkzeuge waren auch viel besser.

Die Wunderhöhle im Kaukasus

Die Faustkeiltechnik lieferte das Kriterium, um die ältere und die mittlere Steinzeit voneinander zu unterscheiden. Grobe Faustkeile wiesen auf die ältere Steinzeit hin, solche in Levallois-Technik gefertigte datierte man in die mittlere Steinzeit.

Das schöne Schema ist bedroht. Denn unter einem Felsvorsprung in Nor Geghi in Armenien wurden beide Typen gefunden (aktuelle Ausgabe von «Science»). Und zwar in einer Schicht, die oben und unten durch erstarrte Lava aus Vulkanausbrüchen begrenzt wird. Die Werkzeuge wurden durch vulkanische Asche in der Schicht auf eine Periode zwischen 335 000 und 325 000 Jahre datiert. Die Kombination dieser zwei Typen in einer Schicht bedeutet, sagt Professor Daniel Adler von der University of Connecticut, «dass die Menschen jener Zeit innovativ waren».

Und das heisst auch, dass sich die Levallois-Technik nicht von einem Punkt aus (den man in Afrika situiert) über Eurasien verbreitet hat, sondern dass sie an verschiedenen Orten gleichzeitig entwickelt und verfeinert wurde. Die Wurzel der Technik rückt so noch weiter in die Vorzeit.

Fred Feuerstein der Wanderer

Dass Fred und die Seinen nicht nur innovativer waren als bisher angenommen, sondern auch mobiler zeigt die Herkunft der verwendeten Steine. Einige stammen aus Fundstätten, die mehr als 120 Kilometer von Nor Geghi entfernt sind. Die Neandertaler oder Exemplare der Gattung Homo erectus – wer es war, wissen wir bisher nicht, denn menschliche Fossilien hat man noch keine gefunden – waren also auch in der Lage, grosse Areale zu besiedeln, die wahrscheinlich kulturell ziemlich verschiedene Anforderungen stellten. Mit ein paar Levallois-Klingen im Hosensack liess sich auch leichter wandern als mit unförmigen Faustkeilen.

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