Frühling
Mit Spatzenhirn und nur einem Schnabel: Vogelweibchen bauen Nester, die Menschen so nie hinkriegen würden

Dem Vogelweibchen steckt die Baumeisterin in den Genen. Mit Fleiss, Geschick und einigen Kniffs konstruieren sie praktische Behausungen.

Niklaus Salzmann
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Die Amsel ist eine besonders schnelle Nestbaumeisterin: Ein erfahrenes Weibchen schafft es in zwanzig Arbeitsstunden.

Die Amsel ist eine besonders schnelle Nestbaumeisterin: Ein erfahrenes Weibchen schafft es in zwanzig Arbeitsstunden.

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Die Osternestchen, die wir in diesen Tagen auf der Fensterbank präsentieren oder im Garten verstecken, sind nichts als schlechte Imitation. Derweil erstellen die Vögel in der Natur wahre Meisterwerke, ohne einen Finger krumm zu machen – nur mit Schnabel, Krallen, Flügeln. Und viel Ausdauer. Ein Buchfinkenweibchen etwa macht über tausend Flüge, um das Material für sein Nest zusammenzutragen.

Ja, das Bauen ist zumindest bei den einheimischen Singvögeln weitgehend Frauensache. Michael Gerber von Birdlife Schweiz sagt: «Das Männchen besetzt das Revier und schaut sich dabei nach geeigneten Nistplätzen um. Oft zeigt es diese auch dem Weibchen. Doch wo das Nest dann tatsächlich gebaut wird, entscheidet meistens das Weibchen.» Bei einigen Arten liefert das Männchen immerhin etwas Nistmaterial oder Rohbauten, um das Weibchen zu beeindrucken. Selbst bei diesen bleibt aber der Grossteil der Arbeit am Weibchen hängen.

Im Schilf ist der Anfang knifflig

In einem dichten Busch oder auf einem Ast reicht es aus, die ersten Zweige lose aufeinanderzulegen. Aber um ein Nest zum Beispiel im Schilf zu befestigen, braucht es eine ausgeklügelte Technik. So wickelt der Teichrohrsänger zuerst einige Schilfblätter fest um die Halme, um eine stabile Basis zu schaffen. Das Nest wird so solide, dass es einen fast zehnmal schwereren Vogel tragen kann – den Kuckuck, der gerne sein Ei in dieses gemachte Nest legt.

Doch woher kommt das Baumaterial? Die Amsel sucht am Boden, liest feine Zweige und Gräser auf oder reisst Halme ab und Würzelchen aus. Von Greifvögeln weiss Michael Gerber zu berichten, dass sie sich gelegentlich auf morsche Äste setzen und mit den Flügeln schlagen, um diese abzubrechen. Und der Mauersegler schnappt sich im Flug, was ihm als Baumaterial tauglich erscheint. Je nach Art sind auch Siedlungsabfälle nicht tabu, in Amselnestern sind zum Beispiel regelmässig Plastikstücke und Papierfetzen zu finden.

Der Schnabel dient als Pinzette

Wenn der Rohbau steht, beginnt der Vogel feineres Material einzuarbeiten. Die überstehenden Enden von längeren Halmen packt er mit dem Schnabel, biegt und steckt sie ins Gerüst. Der Schnabel ist dazu das ideale Werkzeug, ähnlich einer Pinzette. Aber auch Strampeln mit den Füssen hilft, um die Halme zu verflechten. Gelernt hat der Vogel das nie, es steckt in den Genen, allerdings kommen erfahrene Weibchen schneller voran.

Was als ungeordneter Haufen von Zweigen beginnt, wird zu einem hübschen, bequemen Nest.

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Das Nest wird immer stabiler und dichter, und das ohne einen Tropfen Leim. Obwohl, ein bisschen Klebstoff finden auch manche Vögel ganz praktisch. Amseln kitten ihr Nest mit Erde oder Lehm und Buchfinken nehmen sogar Spinnweben zu Hilfe, die nicht nur kleben, sondern auch polstern. Je weiter der Bau fortschreitet, desto feineres und weicheres Material nehmen die Vögel.

Dabei geht es nicht nur darum, dass die Eier oder die frisch geschlüpften Vögel sanft liegen, sondern auch um die Isolation gegen Kälte – das zeigt sich daran, dass bei ein und derselben Art im Gebirge oder im hohen Norden dickwandiger gebaut wird. Moos und Pflanzenwolle, Tierhaare und Federn sorgen dafür, dass später die Eier an der Unterseite nicht auskühlen. Die Eiderente zupft sich sogar die eigenen Daunen aus, um die Eier darein zu betten.

Ein Eiderentenweibchen im gut gepolsterten Nest.

Ein Eiderentenweibchen im gut gepolsterten Nest.

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Der Vogelkörper gibt dem Nest die Form

Nebst der Isolation ist für ein erfolgreiches Brüten auch die Form des Nests entscheidend. «Die Nistmulde muss so geformt sein, dass der Vogel die Eier gut bedecken und gleichmässig bebrüten kann», sagt Michael Gerber. In einem zu grossen Nest würden sich die Eier verteilen und der Vogel könnte mit seinem Körper nicht alle zudecken. In einem zu kleinen würden sie übereinanderliegen und so auch wieder zu wenig Wärme kriegen. Deshalb ist der Vogelkörper die ideale Passform für das Innere des Nests, und das nützt der Vogel beim Bau aus: Immer wieder drückt er seinen Körper hinein und strampelt mit den Beinen.

Gearbeitet wird bevorzugt am Vormittag, wenn die Halme und Ästchen vom Tau noch etwas feucht und dadurch biegsam sind. Etwa zwanzig Arbeitsstunden steckt eine Amsel in den Bau, bei anderen Arten sind es etwas mehr. Wenn schlechte Witterung die Arbeiten behindert, gibt es Verzögerungen, aber spätestens nach zwei Wochen ist das Nest bereit, um die Eier aufzunehmen.

Ein Kinderschuh, von Meisen gefertigt

Nun zeigt sich, ob das Nest taugt. Ob es gut getarnt ist, ob es stabil ist, ob der Standort geschickt gewählt ist. Selten wird es noch für eine zweite oder sogar dritte Brut im selben Jahr genutzt. Nur einige grosse Vögel wie Störche oder Adler bewohnen ihre Horste über mehrere Jahre, die heimischen Singvögel dagegen bauen im kommenden Frühling ein neues Nest.

Das Nest der Beutelmeise sieht nicht nur aus wie ein Pantoffel – es soll früher tatsächlich als Kinderschuh benutzt worden sein.

Das Nest der Beutelmeise sieht nicht nur aus wie ein Pantoffel – es soll früher tatsächlich als Kinderschuh benutzt worden sein.

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Immerhin gibt es für einige der Nester ein zweites Leben. Diejenigen von Rabenvögeln zum Beispiel können von Eulen oder Falken übernommen werden, welche sich nie selber als Baumeister betätigen. Die Nester der Beutelmeise – der Name sagt es, es handelt sich um beutelartige Meisterwerke – seien früher sogar von Menschen genutzt worden: als Kinderpantoffeln. Und so manches Nest wird gefunden und findet als Osterschmuck ein Plätzchen in einer Wohnung. Denn die von Vögeln gebauten sind immer noch die schönsten Osternestchen.

Kräuter und Zigarettenstummel machen gesund

(rk) Aromatische Küchenkräuter sind auf Balkons und in Gärten beliebt. Und dies nicht nur bei den Eigentümerinnen und Eigentümern, sondern auch bei Blaumeisen, Staren und vielen anderen Vögeln. So mancher Sperling rupft mit seinem Schnabel ganze Zweige vom Thymian ab und schleppt sie in sein Nest. «Damit lassen sich Parasiten vertreiben, die sonst dem Nachwuchs zusetzen würden», erklärt Bart Kempenaers vom Max-Planck-Institut für Ornithologie. Entscheidend ist für die werdenden Eltern dabei nicht der angenehme Duft, sondern die abschreckende Wirkung auf Quälgeister: Statt Kräuter bauen Sperlinge in Mexiko auch Zigarettenstummel in ihr Nest ein. Das Nikotin darin bewegt Milben und andere Parasiten effektiv zum Gehen.