Gartenhelfer
Rasenmäh-Roboter sind besser als ihr Ruf – Eine Ehrrettung

Der Mähroboter sei eine der grössten Gartensünden, war hier kürzlich zu lesen. Das ruft nach einer Replik. Denn das als bünzlig verschriene Gefährt hat mehr zu bieten als nur einen englischen Rasen. Es liefert auch Stoff für Gedankenexperimente.

Ralf Streule 1 Kommentar
Drucken
Teilen
Der Rasenroboter, der König der Doppelspurigkeiten.

Der Rasenroboter, der König der Doppelspurigkeiten.

Bild: Andrea Stalder

Als wir vor einigen Jahren den Rasen-Mähroboter quasi als Geschenk übernommen haben, waren wir skeptisch. Das grüne Ding gilt als Inbegriff des Spiessertums. Weil der Rasen stets picobello aufgeräumt sein muss, damit das Ding seine Arbeit tun kann. Und weil das Rattern eines Benziners aufregender ist als das Säuseln eines Elektromotors. Freunde rieten uns mit einem mitleidigen Lächeln, den Roboter wenigstens mit einem FC-St.Pauli-Kleber zu versehen – damit der direkte Weg in die Bünzli-Hölle immerhin einen alternativen Anstrich bekommt.

Ja, wir waren unsicher, ob das etwas wird. Mit dem Ding und uns.

Als an dieser Stelle der Mähroboter kürzlich als eine der grössten Gartensünden bezeichnet wurde, regte sich innerlich dennoch Widerstand. Klar, der Mäher sollte nicht bei Nacht laufen wegen der Igel – und eine Blumenwiese muss ebenfalls Platz haben. Aber darüber hinaus gibt es nichts gegen Maja auszusetzen. Denn sie leistet nicht nur Rasenmäharbeit, sondern bietet auch Stoff für Gedankenexperimente. (Maja, ja! Das nur nebenbei. So nennt unser jüngster Sohn, der gerade erst reden lernt, die Maschine. Das Ostschweizerische „Rasämaio“ wurde zur Maja.)

Effizient? Nein. Erfolgreich? Ja.

Wenn das Gefährt sich also aufmacht auf seine konzeptlose Tour durch den Garten, während wir ein Bier trinken, das wir uns nicht mit Rasenmähen verdient haben, mäandern die Gedanken. Es ist gerade eben dieses Konzeptlose, das verblüfft. Wenn der Mäher von der unterirdischen Induktionsschlaufe zurück ins Mähfeld gewiesen wird, wählt er für seinen weiteren Weg stets einen anderen, zufälligen Winkel - das haben stundenlange Betrachtungen während des Homeoffice ergeben. Kreuz und quer, ohne Gedanken an den effizientesten Weg zu verlieren, zieht er seine Bahnen und leistet dennoch perfekte Arbeit. Er braucht keine Effizienzkriterien oder Workflow-Meetings. Er ist ein König der Redundanz und Doppelspurigkeit. Ihn führt nicht der schnellste und effizienteste Weg zum Ziel. Sondern der doppelt gemoppelte und zufällige. Übertragen auf das eigene Leben ein schöner Gedanke.

Immer ein bisschen. Bringt mehr.

Zweiter Punkt: Maja lebt eine Arbeitsweise vor, die wir selbst nie gelernt haben, aber gerne unseren Kindern ans Herz legen. Der Lernpsychologe weiss: Jeden Tag 15 Minuten Wörter lernen bringt weit mehr als einmal in der Woche während zweier Stunden. Und die Schlagzeugrhythmen setzen sich nur beim täglichen Üben. Statt den Kindern das lang und breit zu erklären, zeigen wir auf Maja. Sie überanstrengt sich nie, weil sie kaum einmal viel zu schneiden hat. Immer ein bisschen. Bringt mehr. Wir wüssten es ja eigentlich.

Wir sind dem Algorithmus weit überlegen

Vor allem aber, und damit sind wir beim dritten Punkt, inspiriert uns die Maja immer dann zu kulturell-technologischen Überlegungen, wenn sie stockt. In Zeiten, in denen die Angst vor künstlicher Intelligenz grösser wird, hat die kleine Maschine etwas Beruhigendes. Solange sie hinter dem Baum in der Ecke des Gartens nicht mehr weiterweiss, wenn dort ausnahmsweise mal eine Kiste steht, kann die Invasion der Killer-Roboter noch nicht so nahe sein. Die Maja ruckelt hilflos vor und zurück, wir helfen gerne und lupfen sie über das Hindernis. Das fühlt sich gut an, weil sich der Mensch so dem Algorithmus überlegen fühlt. Wir wiegen uns mit Maja in Sicherheit.

Und jetzt ganz im Ernst: Ganz praktisch ist die Maschine auch.

1 Kommentar
Wolfgang Fehlmann

Ein Mähroboter bünzlig? Ich bin seit über 10 Jahren stolzer Besitzer eines derartig nachhaltigen, fossilen brennstofffreien, lärmschonenden modernen und hochphilosophischen Gerätes. Wir nennen sie Dolly. (Nebenbei: bünzlig ist höchstens der Autor des Gartensündenartikels)

Aktuelle Nachrichten