Analyse

Genug mit diesem Ferienmoralismus! Die Analyse zum Ende der Corona-Sommerferien

Viele Schweizerinnen und Schweizer haben in diesem Sommer die Ferien im eigenen Land verbracht.

Viele Schweizerinnen und Schweizer haben in diesem Sommer die Ferien im eigenen Land verbracht.

Wer diese Sommerferien im eigenen Land verbracht hat, kann sich noch Wochen danach in moralischer Überlegenheit sonnen. Doch der gerade weltweit grassierende Coronapatriotismus wird dieser Pandemie kein Ende setzen.

Ich kann es langsam nicht mehr hören. Die Schweiz sei das schönste Ferienland von allen, schallt es seit Wochen aus allen Ecken. Zuerst lautete der Befehl: «Bleiben Sie zu Hause!», dann: «Bleiben Sie doch hier!»

Wer braucht das Meer, wenn er Stauseen hat, wer andere Kulturen, wenn er schon im Wallis nichts mehr versteht? Warum in die Ferne schweifen, wenn man dem Aletschgletscher von ganz nah beim Schmelzen zusehen kann? Und warum beim Gotthard im Stau stehen, wenn die Schlange vor dem Jungfraujoch ein ähnliches Erlebnis bietet?

Wer diese Sommerferien im eigenen Land verbracht hat, kann sich noch Wochen danach in moralischer Überlegenheit sonnen. Alles richtig gemacht. Den Franken im Land und das Virus im Ausland gelassen, nie eine Maske getragen und endlich das Matterhorn gesehen.

Die Welt schrumpft auf ein gallisches Dorf zusammen

Wer es doch gewagt hat, die Grenzen in den Süden zu passieren (es waren laut ersten Umfragen gar nicht so wenige), verhält sich hingegen lieber ruhig. Zwei Wochen im abgelegenen Ferienhaus in der Provence sind zwar aus virologischer Sicht empfehlenswerter als drei Tage im komplett überlaufenen Ascona, aber das eine liegt in und das andere ausserhalb der Schweiz.

Und allein das scheint gerade zu zählen. Der Coronapatriotismus hat die Menschen weltweit infiziert. Jedes Land hofft, für sich alleine das kleine gallische Dorf mit dem Zaubertrank zu sein. Als ob das Virus zwischen Fremden und Einheimischen unterscheiden könnte.

Diese ganzen Ländertabellen mit Zahlen von Infizierten und Genesenen und Toten haben etwas unangenehm Kompetitives. Als ob Covid-1­9 ein tödliches Länderspiel wäre mit Siegern und Gewinnern. Viel zu leicht geht vergessen, dass wir es mit einer Pandemie zu tun haben, per Definition eine weltweite Seuche, ein weltweites Problem.

Es ist wie mit dem Klimaschutz: Ein Land kann seine CO2-Bilanz noch so senken, wenn links und rechts der Grenzen weiterhin die Kamine russen, nützt das wenig. Natürlich muss jeder Staat aufgrund seiner Möglichkeiten, seiner Bevölkerungsstruktur, seiner medizinischen Versorgung und politischer Konstitution geeignete Massnahmen gegen die Verbreitung des Virus ergreifen.

Die vielgerühmte Solidarität hört an der Landesgrenze sehr abrupt auf

Natürlich ist es erfreulich, wenn in der Schweiz wenig(er) Menschen sterben und wir aufeinander achtgeben. Aber diese «Solidarität», von der überall die Rede ist, reicht bei den Schweizerinnen und Schweizern im besten Fall bis an die Landes-, meist sogar nur bis an die Kantonsgrenze. Im Thurgau äugt man besorgt ins übervölkerte Zürich, die Zürcher zeigen in den Jura, im Jura weist man auf das Tessin und im Ausland auf die Schweiz.

Denn das mit der Insel der (gesunden) Seligen sieht man im Ausland etwas anders. Die Schweiz steht auf manch tieforanger Liste, ein Risikoland mit gar laxen Coronabestimmungen. So durften fünf Schweizer am Samstag im norwegischen Tromsø nicht mal aus dem Flieger steigen. Umkehren, aber subito, hiess es, oder zwei Wochen in Quarantäne, denn Schweizer sind potenziell ansteckend.

Das Virus lebt mit und in uns

Das Virus einfach auszusperren, funktioniert nicht. Nicht in der Schweiz, im Herzen Europas und noch nicht mal in Neuseeland, dieser Insel am Rand der Welt. 102 Tage hatte man dort keine Neuinfektion registriert. Und dann war das Virus plötzlich wieder da. Vier Fälle, niemand weiss woher. Hat man doch die Ein- und Ausreisen aufs Nötigste beschränkt, alle kontrolliert, Quarantänen verhängt.

Aber das Virus war immer da. Wir können es nicht ausweisen, es lebt in und mit uns. Am Neuenburgersee wie an der Côte d’Azur. Es ist nicht entscheidend, wo wir Ferien machen, sondern wie. Lieber mit Abstand, Masken und Respekt im Ausland als in gefährlich falscher Sicherheit im eigenen Land.

Covid-19 gehört bekämpft, aber ohne in übersteigerten Nationalismus zu verfallen. Er isoliert uns nur zusätzlich, und wegimpfen lässt er sich auch nicht.

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