Geschichte
Der Luzerner Franz Riedweg war der höchste Schweizer in der Waffen-SS – sein Job: Ausländer rekrutieren

Franz Riedweg brachte es bis zum SS-Obersturmbannführer und stand nur zwei Stufen unter Heinrich Himmler. Er war für die Rekrutierung ausländischer Freiwilliger für die Waffen-SS zuständig. Seine Kontakte zu Schweizer Politikern rissen auch nach dem Krieg nicht ab.

Sophie Küsterling
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Franz Riedweg wurde in eine bekannte Luzerner Hotelierfamilie hineingeboren.

Franz Riedweg wurde in eine bekannte Luzerner Hotelierfamilie hineingeboren.

Bild: Deutsches Bundesarchiv Berlin

Franz Riedweg wird am 10. April 1907 in beste Luzerner Gesellschaftskreise hineingeboren. Sein Vater Albert ist nicht nur freisinniger Grossstadtrat, sondern zur Jahrhundertwende auch einer der renommiertesten und politisch einflussreichsten Hoteliers Luzerns.

Der junge Riedweg studiert Medizin in Bern, Rostock und Berlin. In Deutschland erlebt der Luzerner den politischen Aufstieg der Nationalsozialisten hautnah mit und ist nach seiner Rückkehr in die Schweiz überzeugt, dass nur ein «rechter Sozialismus» den Kommunismus bekämpfen könne.

Im Sommer 1934 tritt er der faschistischen Partei Nationale Front (NF) bei, verlässt sie zwei Jahre später aber wieder. Parallel dazu engagiert er sich als Sekretär der nationalen Komitees für die «Wehrvorlage» (Dienstverlängerung in der Armee) und gegen die «Kriseninitiative» (Volksinitiative zur Bekämpfung der Wirtschaftskrise) und arbeitet dafür eng mit Bundesrat Rudolf Minger zusammen.

Nach seinem Austritt aus der NF – er glaubt, die Partei werde ihre Ziele in der Schweiz nie erreichen können – wird Riedweg Sekretär von Bundesrat Jean-Marie Musys «Schweizerische Aktion gegen den Kommunismus». Diese unterhält enge Beziehungen zu Nazi-Deutschland insbesondere zur antikommunistischen Propagandaorganisation Antikomintern.

Für die «Aktion» realisiert Riedweg den Film «Die rote Pest», der in Deutschland produziert wird. Nach Fertigstellung des antikommunistischen und anti-semitischen Propagandafilms 1938 bleibt Riedweg, der mittlerweile überzeugter Nationalsozialist ist, in München.

Marsch der Frontisten mit Fahnen der Nationalen Front auf der Seebrücke.

Marsch der Frontisten mit Fahnen der Nationalen Front auf der Seebrücke.

Bild: Stadtarchiv Luzern, Signatur F2a/ Publikationen/ 05.01:01

Am 25. August 1938 wird in der Zeitung der Schutzstaffel (SS) «Das Schwarze Korps» die Vermählung des SS-Hauptsturmführers Franz Riedweg mit Sibylle von Blomberg, Tochter des Generalfeldmarschalls und ehemaligen Reichskriegsministers Werner von Blomberg, bekannt gegeben. Damit ist Riedweg in der nationalsozialistischen Elite und der preussischen Aristokratie angekommen. Den Rang des SS-Hauptsturmführers hatte er mit seinem Eintritt in die SS (später die Waffen-SS) am 13. Juni 1938 erhalten. Der Luzerner wird bis Kriegsende zwar nicht der einzige aber der ranghöchste Schweizer in der Waffen-SS sein.

«Moralischer Landesverrat»

Mit etwas Verspätung erreicht die Neuigkeit Riedwegs alte Heimat. Am 13. September 1938 berichtet das «Luzerner Tagblatt» auf der Titelseite über die Heirat und Riedwegs neuen militärischen Rang. Der Artikel kritisiert zwar die antidemokratische und antikatholische Einstellung der SS, fokussiert sich aber auf Riedwegs Schweizer Nationalität und die Tatsache, dass er enge Beziehungen zu Bundesräten hat.

Mehrere Schweizer Zeitungen aus allen Sprachregionen nehmen den Skandal auf und berichten darüber – aber nicht alle. Das katholisch-konservative Luzerner Blatt «Vaterland» beispielsweise nimmt im September 1938 die Affäre-Riedweg nicht auf.

Zwei Tage nach Erscheinen des ersten Artikels doppelt das «Luzerner Tagblatt» nach und schreibt, wer Riedwegs Werdegang beobachtet habe, dürfe von dessen «moralischen Landesverrat» nicht überrascht sein. Er habe schon längst «in einer uns vollständig fremden nationalsozialistischen Ideenwelt» gelebt und dies offen kundgetan.

Riedweg solle nun die Konsequenzen ziehen und, sollte er das deutsche Bürgerrecht besitzen, auf das schweizerische verzichten. Zudem plädiert die Zeitung für eine Anpassung des Bundesgesetzes zur Einbürgerung, damit «solchen Abtrünnigen das Bürgerrecht zwangsweise entzogen werden kann».

Riedweg ist nicht der einzige Luzerner Nationalsozialist: hier die NSDAP-Ortsgruppe Luzern mit der Reichsfrauenführerin Gertrud Scholtz-Klink (ganz in Weiss) auf dem Sonnenberg 1937.

Riedweg ist nicht der einzige Luzerner Nationalsozialist: hier die NSDAP-Ortsgruppe Luzern mit der Reichsfrauenführerin Gertrud Scholtz-Klink (ganz in Weiss) auf dem Sonnenberg 1937.

Bild: Stadtarchiv Luzern, Signatur F2a/ Publikationen/ 05.01:03

Tatsächlich ist Riedweg zu dieser Zeit bereits deutscher Reichsbürger. Und: einen Tag nachdem das Luzerner Tagblatt über ihn berichtet hatte, schreibt Riedweg dem Gemeindedepartement des Kantons Luzern einen Brief und legt seinen Schweizer Pass bei.

Das Gemeindedepartement fasst dies als Verzichtserklärung auf das Schweizer Bürgerrecht auf, woraufhin Riedweg protestiert. «Ich ersuche hiermit davon Kenntnis zu nehmen, dass ich auf mein Schweizerisches Bürgerrecht keinen Verzicht leiste», schreibt Riedweg. Es entspreche nur nicht seinen Gepflogenheiten im Besitz zweier Reisepässe zu sein.

Der Luzerner Regierungsrat würde dem Schweizer Nazi das Bürgerrecht am liebsten gleich entziehen und erkundigt sich beim eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement, ob dies möglich ist. Dieses antwortet abschlägig und erklärt, dass «unser Recht keine Handhabe bietet, einen Schweizer zum Verzicht auf das Bürgerrecht zu zwingen oder ihm dieses zu entziehen.» Und rät, den Fall Riedweg vorzumerken, um bei einer Gesetzesänderung sofort einen Antrag auf Ausbürgerung stellen zu können. Es wird noch bis 1944 dauern, bis die Schweiz Franz Riedweg das Bürgerrecht entzieht.

Karriere und Leitung des «Panoramaheims»

Riedweg war der ranghöchste Schweizer in der Waffen-SS und bis zuletzt überzeugter Nazi.

Riedweg war der ranghöchste Schweizer in der Waffen-SS und bis zuletzt überzeugter Nazi.

Bild: Deutsches Bundesarchiv Berlin

Unbekümmert ob der Empörung in seinem Geburtsland macht Riedweg unter dem nationalsozialistischen Regime fleissig Karriere, nimmt an den Überfällen auf Polen und Frankreich teil und hat zuletzt den Rang des SS-Obersturmbannführers inne. Aufgrund seines Rangs ist davon auszugehen, dass Riedweg auch wusste, was sich in den Vernichtungslagern im Osten abspielte.

Ende 1940 erhält er von Himmler den Auftrag, die Germanische Leitstelle zu gründen. Deren Ziel ist es, Freiwillige aus den sogenannten germanischen Ländern – wozu auch die Schweiz gehörte – für die Waffen-SS zu rekrutieren. So gründet Riedweg in Stuttgart das «Panoramaheim», das als Auffanglager für Schweizer Freiwillige dient, und übernimmt dort unter anderem deren politische Schulung. Als Leiter der Germanischen Leitstelle ist Riedweg direkt Gottlob Berger, Chef des SS-Hauptamts, unterstellt und steht damit in der Hierarchie der Waffen-SS nur zwei Stufen unter Heinrich Himmler.

Dem Ruf der Waffen-SS folgen rund 2000 Schweizer, etwa die Hälfte davon verliess dafür die Schweiz während dem Krieg. Ende 1943 wird Riedweg an die Ostfront zwangsversetzt, wo er dank guten Beziehungen als Arzt hinter die Frontlinie kommt. Die Leitung des Panoramaheims geht an einen weiteren Schweizer und ehemaligen Fröntler: Benno Schäppi. Nach Kriegsende gerät Franz Riedweg in alliierte Gefangenschaft.

Der Landesverräterprozess in Luzern

In den ersten drei Jahren nach Ende des Zweiten Weltkriegs führt die Schweiz sechs Prozesse gegen 102 Angeklagte wegen Landesverrats, darunter auch Riedweg. Der Prozess gegen ihn und weitere Schweizer Nationalsozialisten, darunter auch Benno Schäppi, beginnt 1947 am Bundesstrafgericht in Luzern. Zum Prozess erscheint Riedweg nicht und im Gegensatz zu seiner Heirat mit Sibylle von Blomberg und dem Eintritt in die Waffen-SS schafft es der Landesverräterprozess nicht mehr auf die Titelseite des «Luzerner Tagblatts».

Als am Samstag, den 20. Dezember 1947, um 11 Uhr im Rathaus die Urteilsverkündigung stattfindet, versammelt sich auf dem Kornmarkt eine Menschenmenge. Während bei der Urteilsverkündigung im Gerichtssaal «tiefe Stille» herrscht, wie das «Luzerner Tagblatt» berichtet, werden die Verurteilten anschliessend unter den Augen der Luzerner Bevölkerung und von einem «Pfeiffkonzert» begleitet in Polizeiautos abgeführt.

Riedweg wird an diesem Tag in Abwesenheit wegen «des Angriffs auf die Unabhängigkeit der Eidgenossenschaft und des Vorschubleistens zu fremdem Militärdienst» zu 16 Jahren Zuchthaus verurteilt. Die Strafe tritt er nie an und die Schweiz verlangt von Deutschland auch nie dessen Auslieferung.

Laut Historiker Marco Wyss lässt dies darauf schliessen, dass hohe Persönlichkeiten ein Interesse daran hatten, nicht durch ihre Beziehungen zu Riedweg belastet zu werden. Der Luzerner Nationalrat Heinrich Walther sowie Riedwegs Bruder versuchten zudem noch in den 1950er Jahren, erfolglos die Begnadigung Franz Riedwegs zu bewirken.

Riedweg kehrt zeitlebens nicht mehr in die Schweiz zurück, sondern lebt bis zu seinem Tod 2005 in München, wo er als Arzt praktizierte. Und er bleibt überzeugter Nationalsozialist, der weder seine Taten noch seine (Mit-)Schuld jemals hinterfragt oder eingesehen zu haben scheint, wie in einem Interview mit dem Zeitzeugenportal deutlich wird.

Hinweis: Eine frühere Version des Artikels nahm Bezug darauf, dass Riedweg bezüglich seines militärischen Rangs zwei Stufen unter Heinrich Himmler stand. Franz Riedweg stand jedoch in der Organisationsstruktur der Waffen-SS zwei Stufen unter Himmler.

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