Ernährung
Abnehmen dank Gentests: Was die DNA alles über uns verrät

Wer Gewicht verlieren will, kann in Apotheken sein Erbgut untersuchen lassen – und findet so das passende Diätprogramm. In unserem Erbgut liegt der Schlüssel zu individuellen Ernährungs-und Trainingsplänen. Einige Forscher mahnen aber zur Vorsicht.

Fabienne Riklin
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Die Pfunde sollen dank Gentests einfacher purzeln. Aber auch die Medizin interessiert sich für die teuren Tests.

Die Pfunde sollen dank Gentests einfacher purzeln. Aber auch die Medizin interessiert sich für die teuren Tests.

Michael Meister

Nur keine Kohlenhydrate zum Znacht! So lautet die verbreitete Meinung vieler Frauen, die auf ihr Gewicht achten. Doch nicht für alle bedeutet ein Teller Pasta automatisch zusätzliche Fettpölsterchen. Im Gegenteil. Bei manchen Menschen sollte der Speiseplan sogar mehrheitlich aus Kohlenhydraten bestehen. Gemäss meinen Erbanlagen bin ich ein solcher Teigwaren-Tiger. Optimal wäre, wenn fast 70 Prozent meines täglichen Kalorienbedarfs aus Brot, Reis oder Kartoffeln bestehen würden.

Somit gibt es zwischen meinem Menüplan und dem empfohlenen Mengenverhältnis der Ernährungspyramide eine Diskrepanz. Denn diese sieht für eine ausreichende Versorgung lediglich 50 Prozent Kohlenhydrate vor.

Warum können also einige Menschen deutlich mehr Spaghetti essen als andere und bleiben trotzdem schlank? Verantwortlich dafür ist das Erbgut. Jeder Mensch besitzt rund 20'000 bis 25'000 Gene. Der Bau aller Enzyme, Hormone und deren Rezeptoren, die für unseren Nährstoff- und Energiestoffwechsel relevant sind, wird über sie gesteuert.

Gentest aus der Apotheke

Wie Genvarianten unseren Stoffwechsel beeinflussen, ist eine relativ neue Forschungsdisziplin: die Nutrigenetik. Ziel ist es, aufgrund der DNA-Analyse präzise Ernährungsempfehlungen für jede Person abzugeben. Während anfänglich meist Firmen aus den USA wie 23andMe solche kommerziellen Gentests anboten, spezialisieren sich nun auch Schweizer Firmen darauf – beispielsweise Progenom mit Sitz in Pfäffikon SZ. Das Unternehmen bietet seine Tests in über 500 Apotheken und Drogerien an.

Und so funktionieren diese: Mit einem Wattestäbchen streicht man sich über die Innenseite der Wange, steckt es in ein Röhrchen, füllt einen Fragebogen zu Alter, Grösse, Gewicht, Sportgewohnheiten sowie Lebensstil aus und schickt alles anonymisiert zur Analyse ins Labor. Anhand von rund 60 Genen wird dann der persönliche Ernährungstyp ermittelt.

Nach rund drei Wochen liegen die Resultate vor. Sie zeigen, ob beim Probanden eher Fette zu Übergewicht führen, ob er Jojo-Effekt-gefährdet ist oder aufgrund der Gene dazu tendiert, «mehrere kleine Snacks zu essen». Ebenfalls ist im über 100-seitigen Bericht nachzulesen, wie hoch der Magnesium-Bedarf ist und welche Nahrungsmittel dem Körper guttun. Zudem gibt es ein persönliches Beratungsgespräch. Kostenpunkt: rund 900 Franken.

Nicht allen von gesättigten Fettsäuren abraten

Franziska Hunziker war früher klassische Ernährungsberaterin. Heute bildet sie für Progenom Pharmaassistentinnen aus und ist von der personalisierten Ernährung, die sich nach dem eigenen Genprofil richtet, überzeugt. «Jeder Körper verwertet Nahrung unterschiedlich. Es kommt nicht nur darauf an, was man isst, sondern wer es isst», sagt Hunziker. Daher sei es beispielsweise nicht sinnvoll, allen von gesättigten Fettsäuren abzuraten. Manche könnten problemlos Butter essen, weil bei ihnen das Cholesterin weniger stark ansteigt. «Dies lässt sich nur durch die Gene erkennen.»

Studien zeigen, dass die Gene mitverantwortlich sind für Fettleibigkeit oder für Unverträglichkeiten wie Laktose- oder Glutenintoleranz. Auch die Aufnahme von Omega-3-Fettsäuren, Vitaminen oder Antioxidantien wird offenbar von einzelnen Genvarianten beeinflusst. Doch helfen die DNA-Analysen aus den Apotheken auch tatsächlich beim Abnehmen?

Sabina Gallati, Professorin für Humangenetik und Präsidentin der Kommission, die den Bund beim Thema Genetik berät, warnt davor, Wunder zu erwarten. «Körperliche Aktivität, Schadstoffe und Medikamente sind mindestens so wichtig wie genetische Einflüsse», sagt Gallati. Hinzu kommt: «Beim Energiestoffwechsel spielen mehrere hundert Gene eine Rolle. Doch bei den freikäuflichen, sehr standardisierten Tests werden lediglich wenige Dutzend Gen-Varianten untersucht.» Dies verzerre das Resultat und damit auch die Erfolgsaussichten, allein aufgrund der Genanalysen Gewicht zu verlieren.

Trotzdem möchte Petra Stute die Nutrigenentik testen. Die Professorin ist Leiterin des Bereichs für Gynäkologische Endokrinologie und des Menopausenzentrums der Frauenklinik am Inselspital in Bern. «Über 90 Prozent der Frauen in der Menopause kämpfen mit einer mehr oder weniger rasanten Gewichtszunahme», sagt Stute. Bis anhin schickte sie betroffene Patientinnen in die klassische Ernährungsberatung – mit unterschiedlichem Erfolg. Daher sind das Menopausenzentrum und die Ernährungsberatung übereingekommen, eine genetisch basierte Ernährungsberatung anzubieten: «Wir wollen schauen, wie die Gentests ankommen und wie erfolgreich diese Art der Ernährungsberatung ist.» Die Kosten gehen allerdings voll zulasten der Frauen.

Hausärzte sind interessiert

Die Nutrigenomik steht noch am Anfang. Progenom und andere Anbieter verkaufen in der Schweiz jährlich etwa 4000 solcher Gentests, schätzt das Bundesamt für Gesundheit. Doch die Unternehmen weiten ihr Tätigkeitsfeld laufend aus. So bauen beispielsweise beim FC Luzern die Fussballer ihre Muskeln sowie die Kondition aufgrund von Gentests auf – jeder individuell. Für den einen Sportler bedeutet dies mehr Stunden im Krafttraining, für den andern mehr auf dem Laufband. Denn auch hier gibt es Typen, die eher mit Kraftübungen Muskeln aufbauen und andere durch Ausdauer. Wie erfolgreich der FC damit ist, muss sich aber erst noch zeigen.

Der FC Luzern setzt auf Gentests. Im Bild: Tomi Juric.

Der FC Luzern setzt auf Gentests. Im Bild: Tomi Juric.

KEYSTONE/ALEXANDRA WEY

Neben den Analysen für Sportler und Lifestyle-Tests aus den Apotheken erobern Gentests zunehmend auch die Medizin. Schnell mal schauen, ob man später Diabetes, Alzheimer oder Brustkrebs bekommt. Bekanntestes Beispiel ist Schauspielerin Angelina Jolie. Aufgrund eines stark erhöhten Risikos für Brustkrebs liess sie sich beide Brüste entfernen. Das Dilemma: Ein positives Ergebnis sagt nicht aus, ob Brustkrebs sicher auftreten wird. Es besagt nur, dass ein deutlich erhöhtes Risiko vorliegt, an Brust- oder Eierstockkrebs zu erkranken. Ein negatives Testergebnis wiederum schützt nicht vor Brustkrebs.

Trotzdem verbreitet sich im Gesundheitswesen das Lesen in den Genen. Bereits erste Spitäler und rund 300 Hausärzte bieten Gentest von Progenom an. Auch Denis Bron, Fliegerarzt und Allgemeinmediziner in Brugg AG. «Es ist ein gutes zusätzliches Hilfsmittel», ist Bron überzeugt. Insbesondere zur Abklärung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes setzt er die Tests ein. «Sie eignen sich auch für die Prävention und zur Abklärung von Medikamentenverträglichkeiten», sagt Bron. Zusätzlich liessen sich in vielen Fällen die Medikamente sparsamer dosieren und das Risiko für Nebenwirkungen reduzieren. «Hier kann der Patient nur profitieren».

«Dienen dem Portemonnaie der Firma»

Humangenetikerin Gallati warnt allerdings vor Tests zur Gesundheitsvorsorge beim Hausarzt. «Die Analysen sind zu wenig spezifisch. Sie dienen damit weniger der Risikoeinschätzung für den Patienten als dem Portemonnaie der Firma», sagt sie. Viel sinnvoller sei es, Patienten an ausgebildete Genetiker zu überweisen. «Gerade bei Brustkrebs ist es heute üblich, dass Frauenärzte, Onkologen und Genetiker zusammenarbeiten, um so eine optimale Beratung und Betreuung der Patienten und ihrer Familien zu ermöglichen.»

Nutrigenomik als blosse Geschäftemacherei abzutun, greift allerdings zu kurz. Es existieren durchaus Beweise, dass die Gene die Verwertung der Nahrung und das Risiko für Krankheiten beeinflussen. So bauen Menschen mit einer bestimmten Genvariante Koffein langsamer ab und bekommen eher Herzinfarkte. Andreas Limacher, Geschäftsleitungsmitglied von Progenom ist daher überzeugt: Mit Gentests lassen sich die Gesundheitskosten reduzieren und das Wohlbefinden im Altern steigern. «Wenn man weiss, dass ich osteoporose- oder diabetesgefährdet bin, kann ich mich frühzeitig um eine angemessene Ernährung kümmern.» Das sei ein grosser medizinischer Fortschritt.

Limacher geht daher davon aus, dass DNA-Analysen die Zukunft sind. «Vielleicht wird man schon in zehn Jahren bei jedem Neugeborenen standardmässig einen Gentest machen», sagt er. Unterstützung erhält er von ETH-Professor Ernst Hafen. Auch er fordert: «Jeder sollte einen Gentest machen.» Denn der Zusammenhang zwischen Erbgut und vielen Krankheiten sei nach wie vor unklar. «Um das besser verstehen zu können, braucht die Wissenschaft die genetischen Daten sehr vieler Leute. Und zwar nicht nur von kranken Menschen, sondern vor allem auch von Gesunden.»

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