Medizin

Die Appenzeller leben am gesündesten – dank Naturheilmittel?

Appenzeller setzen beim Heilen auf Natur: Ein Molkebad auf der Alp Seealp Boden zum Beispiel

Appenzeller setzen beim Heilen auf Natur: Ein Molkebad auf der Alp Seealp Boden zum Beispiel

Handauflegen und Molkebäder: Die Ausserrhoder vertrauen auf Naturheilpraktiken und Wirkstoffe aus der Natur. Jetzt sollen die Heilmittel einfacher zugelassen werden.

Schröpfen, Bachblüten oder Blutegel. Die Ausserrhoder sind offener oder zumindest weniger zimperlich, wenn es um alternative Behandlungsmethoden der Medizin geht.

Das zeigt sich nicht nur in der lange währenden Tradition der Naturheilpraxis, sondern lässt sich an realen Zahlen ablesen:

Während nicht einmal 100 Schulmediziner in Appenzell Ausserrhoden mit einer Praxis angemeldet sind, praktizieren im selben Kanton mehr als 250 Naturheiler.

Appenzeller trauen der traditionellen Schulmedizin weniger als andere. Nirgendwo sonst verwarf die Bevölkerung das Epidemiengesetz so heftig wie die Ausserrhoder – der Ja-Anteil erreichte nur knapp 45 Prozent.

Zustimmung für Eigenbrötler

Als weiteren Beleg könnten tiefe Gesundheitskosten angeführt werden: Denn viele der rund 3300 verwendeten alternativ-medizinschen Wirkstoffe sind nicht vom Schweizer Heilmittelinstitut Swissmedic zugelassen und also auch nicht von der obligatorischen Krankenkasse gedeckt – die Ausserrhoder bezahlen aus dem eigenen Sack.

Das begünstigt tiefe Prämien. Dass die Appenzeller dank Naturheilpraxis nicht nur gesünder, sondern auch günstiger leben, sei Spekulation, sagt Peter Guerra, Leiter der Abteilung Heilmittelkontrolle in Appenzell Ausserrhoden. Doch die Bevölkerung trage sich Sorge und wisse mit Heilmitteln umzugehen.

Fast drohte das Ende: Seit Inkrafttreten des Heilmittelgesetzes 2002 sehen Kanton und Komplementärmediziner den Appenzeller Schatz an Naturheilmitteln in Gefahr. Denn die Zulassung von Medikamenten liegt nicht mehr in der Kompetenz der Kantone, sondern beim Bund, bei Swissmedic.

Sprecher Lukas Jaggi erklärt den Spezialfall: Die Appenzeller Registrierung sei nicht vergleichbar mit der Arzneimittelprüfung gewesen, wie diese schweizweit seit vielen Jahren durchgeführt werde.

Dies hängt weitgehend damit zusammen, dass die Zulassungsprüfung für Hersteller solcher Heilmittel zu aufwendig ist, weil die Arznei oftmals nur in sehr kleiner Menge produziert und verkauft wird.

Seit Jahren ringt das Parlament um eine bessere Lösung für Naturheilmittel. Im Sommer hat es abermals akzeptiert, die Zulassung von 700 Medikamenten in Appenzell zu verlängern – im Kanton dürfen sie weiter verkauft werden.

Wirksamkeit geprüft

Doch das ist nicht das Ziel. Naturheilmittel sollen einfacher zugelassen und auf die nationale Medikamentenliste überführt werden können – falls sie die Herstellungsbedingungen erfüllen und seit Jahren erfolgreich eingesetzt werden. Ende Oktober befasst sich erneut die nationalrätliche Gesundheitskommission damit.

Der Grundsatz, Komplementärmedizin zu fördern, ist weniger umstritten, wie die Umsetzung im Detail.

Kriterien, wann ein Heilmittel zulässig ist, sollen für alle Medikamente einheitlich sein, findet die Aargauer CVP-Nationalrätin Ruth Humbel.

«Sind die Zulassungshürden zu hoch, verschwindet der Heilmittelschatz in der Komplementärmedizin», kontert die grüne Nationalrätin Yvonne Gilli aus St. Gallen. «Viele bewährte Heilmittel sind heute nur dank den kantonalen Zulassungen noch erhältlich.»

Ob diese durch die Revision des Heilmittelgesetzes gefährdet sind, ist noch offen. Setzt sich die neue Regel durch, würde Appenzell Ausserrhoden an Exotenstatus verlieren.

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