Medizin

Dieser Russe will seinen Kopf transplantieren lassen

«Meine Entscheidung steht fest, man wird mich nicht umstimmen.», sagt der an spinaler Muskelatrophie erkrankte Valery Spiridonow.

«Meine Entscheidung steht fest, man wird mich nicht umstimmen.», sagt der an spinaler Muskelatrophie erkrankte Valery Spiridonow.

Valery Spiridonow ist todkrank. Seine letzte Hoffnung ist ein medizinischer Gewaltakt, der noch nie vorgenommen wurde: Sein Kopf soll auf den Körper eines hirntoten Spenders verpflanzt werden.

Valery Spiridonow ist erst 30 Jahre alt. Doch seine Tage sind gezählt: Der Computerspezialist aus Wladimir in Russland leidet an spinaler Muskelatrophie. Menschen, die an dieser genetisch bedingten, tödlichen Krankheit leiden, werden selten älter als 20.

Doch Spiridonow will leben – und dafür ist er bereit, als menschliches Versuchskaninchen an einem medizinischen Abenteuer teilzunehmen: Als erster Mensch will er seinen Kopf freiwillig auf einen neuen Körper transplantieren lassen. «Meine Entscheidung steht fest, man wird mich nicht umstimmen», sagte Spiridonow der britischen Zeitung «Daily Mail».

Seine Hoffnung ruht auf einem Mediziner, der mit seiner Vision einer Kopftransplantation – möglicherweise handelt sich indes eher um eine Obsession – schon mehrmals Aufsehen erregt hat: Bereits vor zwei Jahren kündigte der italienische Chirurg Sergio Canavero sein Projekt «Head Anastomosis Venture with Cord Fusion» (HEAVEN) an. Und erst kürzlich sorgte er erneut für Schlagzeilen, als er behauptete, innerhalb der nächsten zwei Jahre werde diese Operation möglich sein.

Tweet1

Noch kein Datum festgesetzt

Der Patient in spe und der umstrittene Chirurg haben einander noch nie persönlich getroffen, aber sie hatten bereits Kontakt via Skype und E-Mail. Ein Datum für die Operation sei noch nicht festgesetzt, doch Spiridonow geht laut «Daily Mail» davon aus, dass die Transplantation schon im nächsten Jahr stattfinden könnte. «Natürlich habe ich Angst», räumt der Computerspezialist ein. «Aber es ist auch sehr interessant. Ich habe wirklich nicht viele Möglichkeiten.»

Canavero, der sich bisher nicht öffentlich zu Spiridonows Plänen äusserte, will sein Transplantationsprojekt HEAVEN laut dem Wissenschaftsportal Newscientist.com im Juni dieses Jahres anlässlich der Jahreskonferenz der American Academy of Neurological and Orthopaedic Surgeons (AANOS) offiziell vorstellen.

Unmöglich und «barbarisch»

Gegenwind dürfte dem Chirurgen, der an der Universität von Turin arbeitet, gewiss sein: Viele Neurologen bezweifeln, dass sich Canaveros Vision verwirklichen lässt, zumal in dieser kurzen Frist. Der Neurologe Jerry Silver hält Kopftransplantationen in den nächsten hundert Jahren für unmöglichund zudem für «ziemlich barbarisch». 

Das Hauptproblem bei einer solchen Operation liegt darin, dass die Nervenstränge im Rückenmark notgedrungen durchtrennt werden und ein überlebender Patient vom Hals abwärts gelähmt wäre. Canavero ist jedoch der Meinung, er habe dieses Problem gelöst: Er will die Nerven zum einen mithilfe einer ultrascharfen Klinge in einem extrem «sauberen Schnitt» durchtrennen.

Zum andern sollen Chemikalien wie Polyethylenglycol (PEG) die Axonen (Nervenzellfortsätze) dazu anregen, mit ihren Gegenstücken im fremden Körper zusammenzuwachsen. Bei Hunden, so der Chirurg, habe PEG das Zusammenwachsen eines durchtrennten Rückenmarks befördert.

(Quelle: Youtube / Xanlar Yawaroglu)

Sergio Canavaro erklärt sein Projekt zur Transplantation eines menschlichen Kopfes

Komplizierte Prozedur

Sollte die Transplantation, deren Kosten Canavero auf insgesamt auf etwa zehn Millionen Euro veranschlagt, tatsächlich stattfinden, müssten Spender und Empfänger im selben Operationssaal liegen. Das Ärzteteam würde dann die Blutgefässe des Kopfes mithilfe von Schläuchen mit jenen des Spenderkörpers verbinden. 

Im nächsten Schritt müsste dann die Durchtrennung des Rückenmarks bei beiden Körpern folgen. Nun könnte der Kopf auf den Spenderkörper verpflanzt werden, wobei die jeweiligen Enden der Nervenstränge miteinander verbunden werden. Schliesslich müssten die Chirurgen Blutgefässe und Muskeln zusammennähen. Der Patient würde dann drei bis vier Wochen im künstlichen Koma gehalten, damit er sich nicht bewegt.

«Ich will das Risiko auf mich nehmen»

Derzeit weiss niemand, ob Spiridonow jemals auf Canaveros Operationstisch landen wird. Selbst wenn er die Transplantation überleben sollte und den neuen Körper sogar bewegen könnte, wären die psychischen Folgen wohl unabsehbar.

Doch der Russe gibt sich zuversichtlich und erlaubt sich selbst einen Witz. Der «Daily Mail» sagte er: «Vielleicht würde ich dann versuchen, mein Bein zu bewegen, aber mein Körper würde stattdessen einen Liter Adrenalin produzieren. Aber ich will das Risiko auf mich nehmen und es versuchen.» 

NEU: watson Content Box (JSON Feed)

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1