Internetdiagnose
Google ist ein schlechter Arzt: Suche nach Symptomen kann Krankheit fördern

Im Internet findet sich zu jedem Symptom eine passende Krankheit. Doch der Rat von Dr. Google kann auch krank machen und ist teuer fürs Gesundheitssystem.

Adrian Lobe
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Die Internetsuchmaschine Google gibt zuweilen seltsame Ratschläge, wenn es um Krankheiten geht.

Die Internetsuchmaschine Google gibt zuweilen seltsame Ratschläge, wenn es um Krankheiten geht.

Wer von Kopfschmerzen oder Schwindel geplagt ist, sucht zuerst einmal im Internet. In Deutschland recherchieren fast drei Viertel (73 Prozent) der Bevölkerung bei Fragen zu Symptome oder Behandlung von Krankheiten im Netz. Patienten fragen oft zuerst Dr. Google. In der Schweiz geben gemäss einer Umfrage des Institutes GFS 40 Prozent der Befragten an, bei gesundheitlichen Problemen und vor dem Gang zum Arzt im Internet zu recherchieren.

Im Juni erst hat Google sein neues Tool «Symptom Search» lanciert, das die Beantwortung von Gesundheitsfragen optimieren soll. Google kooperierte mit Ärzten der Harvard Medical School, um Suchanfragen noch besser mit Krankheitsbildern zu verknüpfen. Wer auf der US-Version von Google nach Erkrankungen sucht, zum Beispiel Typ-2-Diabetes, bekommt rechts neben den Suchergebnissen sogenannte «Knowledge Graphs» angezeigt – Infotafeln. Google drängt mit aller Macht in den Gesundheitssektor, seine Biotechnologiesparte Calico will mit Big-Data-Analysen das Genom entschlüsseln und Krankheiten heilen. Der Schlüssel dazu sind Suchanfragen.

Was ist die Abfrage wert?

Die Frage ist: Wie verlässlich sind Suchmaschinen bei der Recherche von Krankheitssymptomen? Christiane Brockes, Leiterin der Klinischen Telemedizin am Universitätsspital Zürich, sagt auf Anfrage: «Die Qualität hängt von der Kompetenz der involvierten Ärzte ab, daher sollte man genau hinschauen, wer dahintersteckt.» Für die Medizinerin überwiegt der Nutzen: «Der mündige Bürger und Patient ist heutzutage ziemlich gut medizinisch informiert. Er möchte mitreden und mitentscheiden anstatt kopfnickend einfach nur Ratschläge zu befolgen.»

Das sieht auch Yvonne Gilli, Departementsverantwortliche Digitalisierung beim Ärzteverband FMH, so: «Suchmaschinen liefern durchaus Wissenswertes über Krankheitssymptome.» Es hänge vom Kunden respektive Patienten ab, ob er fähig sei, die Online-Recherche nach Qualität zu selektionieren. «Ein Kunde, der davon ausgeht, dass er gesund ist, wird medizinische Informationen anders suchen und anders lesen als jemand, der tief verunsichert ist, weil sein bester Freund gerade an Krebs erkrankt ist», so Gilli. Deswegen ersetze die Internetrecherche die ärztliche Konsultation nicht. Sie könne aber dazu beitragen, «dass der Patient mit dem erworbenen Vorwissen neue Kompetenzen zu Diagnosen und Behandlungsmöglichkeiten in das ärztliche Gespräch mit einbringt».

Google macht auch Prognosen

Andererseits kann Google aus den Milliarden Suchanfragen relativ genau den Verlauf von Krankheiten und Epidemien voraussagen. Die Technik dürfte inzwischen ausgereifter sein als beim Projekt Google Flu Trends, bei dem Algorithmen bis zu 50 Prozent mehr Grippefälle vorhersagten als tatsächlich auftraten. Das Problem war, dass nicht jeder, der nach Grippesymptomen googelt, hat auch tatsächlich eine Grippe. Und nicht jeder, der an einer Grippe erkrankt ist, googelt auch.

Die Diagnosen von «Dr. Google» für Einzelpersonen sind aber erfahrungsgemäss schlecht. Aus den Kopfschmerzen wird schnell ein Tumor, und aus dem Sodbrennen ein Symptom für Magenkrebs. Die Algorithmen der Suchmaschinen spucken die erschreckendsten Krankheitsbilder aus. Oftmals entpuppt sich der Husten als harmlose Erkältung. Die Frage ist, ob die Fehldiagnosen die Patienten nicht verunsichern und Ängste schüren und zusätzliche Kosten für das Gesundheitssystem für unnötige Arztbesuche verursachen.

Etwas zugespitzt: Macht uns Google krank? Der US-Psychiater Brian Fallon prägte den Begriff der «Cyberchondrie», ein Kofferwort aus Cyber und Hypochonder. Der Katalysator ist der sogenannte «Bestätigungsbias». Das heisst: Man sucht nur nach Informationen, die Ursache von Symptomen sind, während Gegenbelege ausgeblendet werden. Die Funktionsweise der Algorithmen verstärkt diese selektive Aufmerksamkeit. Fallon behauptet, dass Cyberchondrie Milliarden Dollar unnötiger Behandlungskosten verursacht.

«Mein Eindruck ist, dass die Resultate bei einer Internetsuche eher katastrophisierende Resultate ergibt», konstatiert Prof. Dr. med. Edouard Battegay, Direktor der Klinik und Poliklinik für Innere Medizin am Universitätsspital Zürich. Zum Beispiel führe der Begriff Brustschmerz zu ausgesprochen vielen Treffern mit Herzinfarkt, obwohl nur die wenigsten Brustschmerzen Ausdruck eines Herzinfarktes sind.

Fakt ist, dass der US-Ableger von Google Aspirin zur Selbstmedikation von Diabetes vorschlägt – und Antihistaminika bei Grippe. Das ist medizinisch höchst zweifelhaft. Zwar räumt Google auf seinem Blog ein an, dass Gesundheits-Content im Netz schwer zu navigieren sei, und dazu neige, Menschen mit milden Symptome zu besorgniserregenden und unwahrscheinlich Konditionen zu führen. Eine Verantwortung für irreführende Behandlungsweisen lehnt der Konzern aber ab.

Algorithmen mit Risiken

Die interessante Frage ist, ob Google für falsche Indikationen haftbar gemacht werden könnte – und ob Behandlungsempfehlungen nicht allein nach medizinischen, sondern nach ökonomischen Maximen erfolgen. Der Softdrinkhersteller Coca Cola, ein wichtiger Anzeigenkunde von Google, geriet letztes Jahr in die Kritik, nachdem bekannt wurde, dass der Konzern Studienergebnisse «sponserte», die einen Zusammenhang zwischen dem Konsum von Softdrinks und Gewichtszunahme negierten. Womöglich braucht der Verbraucher künftig auch einen Beipackzettel für die Risiken und Nebenwirkungen von Algorithmen. Fest steht: Eine Google-Suche ersetzt die Sprechstunde beim Arzt nicht.

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