«Jung & Alt»-Kolumne
Ich kann die alten Männer nie auseinanderhalten

In der «Jung & Alt»-Kolumne schreibt unsere Autorin Samantha Zaugg alternierend mit Ludwig Hasler, Philosoph und Publizist, 76. Diese Woche erklärt sie, warum ihre Generation sich als etwas besonderes sieht.

Samantha Zaugg
Drucken
Teilen
Samantha Zaugg ist Journalistin, Fotografin, Filmemacherin, 26.

Samantha Zaugg ist Journalistin, Fotografin, Filmemacherin, 26.

CH Media

Lieber Ludwig

Zuerst zum Apfel. Es ist die beste Frucht überhaupt. Ich dulde keine Widerrede. Äpfel schmecken gut, sind gesund und wachsen regional. Ich liebe Äpfel sehr, habe sogar dezidierte Haltungen zu den verschiedenen Sorten. Ich bin sozusagen ein wandelndes Thurgauerinklischee. Wenn ich nur ein bisschen netter wäre, da bin ich sicher, wäre ich längst Thurgauer Apfelkönigin.

Du schreibst über Eva, den Apfel und über die Erbsünde. Und ich bin ganz deiner Meinung: Auf ewig im Paradies wäre wohl öd, der Auszug also eine gute Sache. Freude herrscht! Um es mit den Worten von Ueli Maurer zu sagen. Oder war es Adolf Ogi? Oder doch Gilbert Gress? Keine Ahnung, ich kann die alten Männer nie auseinanderhalten. Es gibt so viele, und sie sehen einfach alle gleich aus.

Das kann man von meiner Generation nicht behaupten. Wir sind überhaupt nicht alle gleich. Wir sind alle sehr besonders.

Individualismus ist in meiner Generation ein grosses Thema. Wohin wir auch schauen in der Gesellschaft der Gegenwart: Was immer mehr erwartet wird, ist nicht das Allgemeine, sondern das Besondere. Das sage nicht ich, sondern Andreas Reckwitz. Er ist Soziologe und hat ein ziemlich interessantes Buch geschrieben mit dem Titel «Die Gesellschaft der Singularitäten».

Er schreibt, wir lebten nicht mehr im industriellen, sondern im kulturellen Kapitalismus. Es gehe um die Logik des Besonderen. Erlebnisse und Güter müssten nicht mehr in erster Linie funktional sein, sondern dazu dienen, uns selbst zu definieren. Der Wunsch nach Besonderheit durchdringt dabei jeden Bereich unseres Lebens. Wie wir wohnen, wie wir essen, wohin wir reisen, wie wir unsere Körper, Karrieren oder Freundeskreise gestalten.

Und darin erkenne ich mich und meine Generation wieder. Wir richten unsere Wohnungen mit Vintage-Möbeln ein, züchten Sauerteig, backen veganes Bananenbrot, formen unsere Körper mit Fitness, gestalten sie mit Tätowierungen. Unsere Leben werden nicht gelebt, sie werden kuratiert. Alles mit der Intention, möglichst individuell zu sein. Das Paradox: Genau damit werden wir immer gleicher. Unseren vermeintlichen Individualismus reproduzieren wir mit den sozialen Medien immer weiter und schaffen so eine universelle globale Ästhetik.

Wir entwickeln Leidenschaften für alltägliche Güter wie Brot oder Kaffee, wie man sie eigentlich nur von Weinliebhabern kennt – das mit dem Wein haben wir ja abgehandelt, das ist der Part deiner Generation. Ich finde alles sehr zutreffend, fühle mich beinahe ertappt von dieser Theorie.

Was soll man davon halten? Ist es schlecht? Weiss nicht. Was denkst du?

Samantha