Tierwelt
Seepferdchen: Ihr morgendlicher Tanz ist wichtiger als der Sex

Seepferdchen sind die einzige Tierart, bei der die Männchen den Brutbeutel mit sich tragen. Ein wunderliches Leben führen sie auch sonst.

Till Hein*
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Seepferdchen-Paare sind sich ein Leben lang treu - ausser sie leben im Aquarium wie hier.

Seepferdchen-Paare sind sich ein Leben lang treu - ausser sie leben im Aquarium wie hier.

Bild: Getty

1. Sind Seepferdchen wirklich die einzigen, bei denen Männchen schwanger werden?

Auch bei den Seenadeln – engen Verwandten der Seepferdchen – tragen die Männchen die befruchteten Eier am Körper: Bei Fahnenschwanz-Seenadeln kleben sie am Bauch des werdenden Vaters, bei manchen Drachenkopf-Seenadeln liegen sie in einer Hautfalte versteckt. Ausschliesslich bei den Seepferdchen aber weisen die Männchen einen Brutbeutel auf, der nach der Empfängnis geschlossen wird und die Funktion von Gebärmutter samt Plazenta übernimmt. Auf dem Höhepunkt des Liebesspiels stülpt sich aus der Körpermitte des Weibchens ein längliches Organ, das an einen Penis erinnert: der Ovipositor. Damit spritzt es seine Eizellen in den Brutbeutel des Männchens, und der Partner befruchtet sie mit seinen Spermien. Während der Schwangerschaft versorgen die werdenden Väter die Embryonen im Brutbeutel dann etwa mit Kalzium und Omega-3-Fettsäuren. Zudem schützt das väterliche Immunsystem sie vor Krankheiten.

2. Haben Seepferdchen Heilkräfte?

Jahrhundertelang galt getrocknetes, pulverisiertes Seepferdchen in Europa als Wundermittel gegen Haarausfall, Tollwut, Seitenstechen sowie mangelnde Libido. Die Traditionelle Chinesischen Medizin vertraut bis heute auf die Heilkräfte: zum Beispiel gegen Nierenleiden oder Impotenz. Wissenschaftliche Belege für eine Wirksamkeit gibt es jedoch keine.

3. Leben Seepferdchen monogam?

In der Regel ja. Viele Seepferdchen-Pärchen bleiben im Meer ihr Leben lang zusammen, und es kommt nie zu Seitensprüngen. Sogar ihre reproduktiven Zyklen gleichen sich oft an: Die nächsten weiblichen Eizellen werden dann genau dann reif, wenn der «Gatte» die Geburt des Nachwuchses hinter sich gebracht hat. Studien in Aquarien ergaben allerdings: Bei entsprechendem Angebot paart sich so manches Seepferdchen an einem einzigen Tag auch mit mehr als zehn Artgenossen.

4. Wie viele Arten gibt es?

Über die Jahrhunderte wurden mehr als 120 unterschiedliche Arten der Gattung Hippocampus (Seepferdchen) beschrieben. Viele Spezies wurden jedoch mehrfach «entdeckt». Andere hat vielleicht noch niemand gesichtet. Denn viele können ihre Farbe – wie Chamäleons – der Umgebung anpassen.

5. Haben Seepferdchen Zähne?

Nein. Seepferdchen haben zahnlose Mäuler – und sind dennoch sehr erfolgreiche Raubtiere. Ihre Wunderwaffe ist die Pipettenschnauze. Damit können sie Beute aus dem Hinterhalt schneller einsaugen, als Menschen mit den Augen zwinkern. Bereits Jungtiere verschlingen pro Tag bis zu 4000 Kleinstkrebse.

6. Stimmt es, dass Seepferdchen gerne tanzen?

Sogar sehr gerne. Gleich bei Sonnenaufgang kommen miteinander verbandelte Weibchen und Männchen zusammen, schmiegen ihre Schnauzen aneinander und beginnen einander leichtflossig zu umkreisen. Anmutig wiegen sie sich gemeinsam hin und her, wie im Takt einer Unterwassermusik. Auch ausserhalb der Paarungszeit. Fachleute gehen davon aus, dass solche Rituale für die Paarbindung bei Seepferdchen wichtiger sind als der Sex.

*Autor von: «Crazy Horse – Die schillernde Welt der Seepferdchen», Mareverlag, 2021, 240 Seiten.

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