Frischer Orangensaft steht auf dem Tisch, schöne Tücher liegen auf den Matratzen, hinter der Zeltstadt scheint die Sonne tiefrot in die Hügel des Jordantals. «Erlebe die Stille der Wüste, und erfahre die israelische Gastfreundschaft», steht neben der Fotogalerie, mit der die Betreiber des «Desert Israel Camping» im Westjordanland auf der Online-Buchungsplattform Airbnb auf ihr Übernachtungsangebot aufmerksam machen. 234 Franken kostet die Nacht im Zelt, fantastischer Ausblick über das tiefstgelegene Tal der Welt inklusive.

Klingt fantastisch. Doch das Angebot hat einen Haken: Es ist illegal. Der israelische Unternehmer David Davidson betreibt das Feriencamp auf Land, das nicht ihm gehört, sondern den palästinensischen Bewohnern des Dorfes Khan al-Ahmar. Sie wurden sukzessive von ihrem Land vertrieben und müssen damit rechnen, dass bald auch die letzten ihrer Häuser zwangsgeräumt und abgerissen werden – inklusive Dorfschule, in der heute 170 Kinder lernen.

Airbnb bricht sein Versprechen

Das israelische Wüsten-Camp gehört zur Siedlung Kfar Adumim, wenige Autominuten ausserhalb Jerusalems. Geschätzte 600 000 Israeli leben in solchen Siedlungen im palästinensischen Westjordanland. Der Bau solcher «Settlements» verstösst gegen das Völkerrecht.

Erst im Dezember 2016 hat der Uno-Sicherheitsrat Israel aufgefordert, seine Siedlungsaktivitäten umgehend zu stoppen. Israel hat nicht reagiert und den Siedlungsbau auf Kosten der palästinensischen Bevölkerung weiter vorangetrieben. Wer auf Plattformen wie Airbnb ein Zelt im «Desert Israel Camping» oder eines der 30 anderen Übernachtungsangebote in Kfar Adumin bucht, bricht internationales Recht – oft ohne sich dessen bewusst zu sein.

Laut einem diese Woche veröffentlichten Bericht der Menschenrechtsorganisation Amnesty International tragen die touristischen Angebote in den israelischen Siedlungen dazu bei, dass sich die Lebensumstände der lokalen palästinensischen Bevölkerung verschlechtern. «Die israelische Regierung benutzt den wachsenden Tourismussektor in den Siedlungen dazu, deren Existenz und Ausbau zu rechtfertigen», sagt Reto Rufer, Nahostverantwortlicher der Schweizer Sektion von Amnesty International.

Es sei Zeit, dass Tourismus-Unternehmen wie Airbnb, Booking.com, Expedia und Tripadvisor die Menschenrechte respektierten und ihre Angebote in den völkerrechtswidrig besetzten Gebieten beendeten. «Verstösse gegen das Völkerrecht dürfen nicht zur Touristenattraktion werden», sagt Rufer. Verschärft werde das Problem durch die israelische Regierung, die viel Geld in die illegalen Tourismus-Angebote investiere.

Illegal: Zeltresort «Desert Camping Israel».

Illegal: Zeltresort «Desert Camping Israel».

Keiner der vier Tourismus-Vermittler, die Amnesty International unter die Lupe genommen hat, hat seine Praxis bislang geändert. Airbnb kündigte zwar bereits im November 2018 an, keine Übernachtungsmöglichkeiten in illegalen Siedlungen mehr zu vermitteln. Bis heute aber finden sich auf der Plattform Hunderte solcher Angebote. Booking.com und Expedia weisen seit kurzem bei einigen Übernachtungsoptionen darauf hin, dass sie in Siedlungsgebieten lägen. Tripadvisor aber lässt seine Nutzer weiterhin im Unwissen über die Völkerrechtswidrigkeit seiner Angebote.

Michel Awad weiss um das Problem. Vor 14 Jahren hat der palästinensische Touristiker das «Siraj Center» gegründet, mit dem er Wander- und Kulturreisen durch das Westjordanland anbietet. Sein Büro liegt in Bethlehem, unweit des «Walled Off Hotel» des Künstlers Banksy. Wer hier übernachtet, hat die Grenzmauer zu Israel vor der Nase.

Doch anders als Banksy will Michel Awad mit seinem Angebot nicht nur auf den schwelenden Konflitk aufmerksam machen. Er will, dass auch die palästinensische Bevölkerung vom wachsenden Tourismussektor im Heiligen Land profitiert. «Durch unsere Touren kommen die Locals mit internationalen Gästen in Kontakt und können ihnen ihre Sicht der Dinge darlegen. Das ist enorm wichtig für ihr Selbstverständnis», sagt Awad.

Bedroht: Gästezelt der Al-Auja-Beduinen im Jordantal.

Bedroht: Gästezelt der Al-Auja-Beduinen im Jordantal.

Armee fürchtet die Touristen

Er hat beobachtet, dass viele Dörfer plötzlich öffentliche Plätze besser pflegen und ihren Häusern mehr Sorge tragen, weil sie wissen, dass hie und da Touristen vorbeikommen. «Und nebenbei verdient die arme Bevölkerung mit dem Tourismus natürlich auch Geld», sagt Awad.

Dass Israel den Tourismus in den illegalen Siedlungen stoppen wird, glaubt er nicht. Daran werde auch der neue Amnesty-International-Bericht nichts ändern. Dass Touristen durch ihre Präsenz in den palästinensischen Gebieten aber ein Gegenzeichen setzen können, davon ist er überzeugt. Als Beispiel nennt er die neun Beduinenfamilien im palästinensischen Dorf Al Auja im Jordantal.

Die Beduinen haben in den vergangenen Jahren mehrere Räumungsbefehle von der israelischen Armee erhalten, die ihr Land für militärische Zwecke nutzen will. «Seit die Beduinen in ihrem Gästezelt internationale Gäste empfangen, haben sie Ruhe», sagt Awad. «Das zeigt, wie gross die politische Macht von euch Touristen im Heiligen Land ist.»