In eigener Sache
Der Mann für alle Fälle tritt ab

Christoph Bopp ist das Universalgenie unserer Zeitung. Jüngere Redaktionsmitglieder kennen längst nicht alle seine Talente. Nun wird er 65 – heute hat er seinen letzten Arbeitstag.

Patrik Müller
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Christoph Bopp ist ein Journalist mit Anspruch, zuletzt schrieb er fürs Ressort «Leben & Wissen».

Christoph Bopp ist ein Journalist mit Anspruch, zuletzt schrieb er fürs Ressort «Leben & Wissen».

Bild: Sandra Ardizzone

Kaum ein anderer Journalist hat in dieser Zeitung in den letzten 36 Jahren so viele Texte publiziert – und trotzdem wissen die Leserschaft und auch die Kolleginnen und Kollegen nicht viel Persönliches über Christoph Bopp. Texte in Ich-Form sucht man im Archiv vergeblich, Bopp vermeidet es, sich unmittelbar in seine Beiträge einzubringen.

Und doch fliesst in diese natürlich sein biografischer Hintergrund ein. Sein Vater war Pfarrer, erst in Zürich, dann in Suhr AG. Fragen der Ethik, der Moral und auch der Theologie haben Bopp, der sich selbst als nicht gläubig bezeichnet, in seinen Texten immer wieder umgetrieben.

Er ist der Hausphilosoph der Redaktion, für ihn bedeutet Journalismus Aufklärung, nicht bloss News-Geschäft. Er will die Ursprungsquellen kennen und lesen, bevor er in die Tasten greift.

Maturanote 6 im Fach Hebräisch

Das muss schon in jungen Jahren so gewesen sein; wie sonst wäre er mit 16 auf die Idee gekommen, an der Kantonsschule in Aarau nebst Latein auch noch Russisch und Bibel-Hebräisch zu belegen? Just in Hebräisch holte er in der Matura einen Sechser, «den einzigen», wie Bopp präzisiert.

Wo immer er arbeitete – in Luzern (1985 startete er bei den LNN), in Baden («Badener Tagblatt») oder heute in Aarau in der Zentralredaktion von CH Media –, sein Arbeitsplatz war stets leicht ausfindig zu machen. Das Pult mit den höchsten Bücherstapeln, das ist seins. Nicht übermässig benutzt wurde hingegen sein Telefon.

Bopp bei der Arbeit am Pult in Aarau, hier unterstützt von seinem Hund.

Bopp bei der Arbeit am Pult in Aarau, hier unterstützt von seinem Hund.

Bild: Emanuel Per Freudiger

Anders als für klassische News- und Recherchejournalisten ist für ihn das Lesen und nicht das Gespräch die Basis seiner Artikel. Mit Büchern und wissenschaftlichen Beiträgen im Netz arbeitet er sich in neue Themen ein, jüngst etwa in Epidemiologie und Virologie, und mutierte so zum Fachmann in Sachen Corona.

Mal Virologe, mal Ökonom

Beim letzten grossen Weltthema, der Finanzkrise 2007/2008, war es ähnlich. Das fasziniert ihn derart, dass er, der an der Universität Zürich Germanistik, Philosophie und Latein studiert hatte, innerhalb weniger Monate zum Ökonomen wurde. Er sagt:

«Ich lese mich in diese Themen ein, denn ich will kein Zeugs behaupten, das ich nicht weiss.»
Christoph BoppLangjähriger Autor bei der Aargauer Zeitung.

Christoph Bopp
Langjähriger Autor bei der Aargauer Zeitung.

Bild: Susi Bodmer

In Sachen Corona und nicht nur dort gebe es «viel Behaupterei und Fake News» – für den Journalismus sei das brandgefährlich.

Wer Bopp nur oberflächlich kennt, könnte ihn für einen in­trovertierten, gar verschlossenen Intellektuellen halten. Ja, es gibt Tage, da wirkt er, versteckt zwischen seinen Bücherbergen, tatsächlich so. Doch er hat auch eine andere Seite: Es gibt den Teamplayer Bopp, der Emotionen zeigt und der in der richtig zusammengesetzten Tischrunde zu Hochform aufläuft.

Handballer bei Suhr, Zofingen und Endingen

Erstaunen kann das nicht, denn neben Büchern und der Philosophie ist Sport seine grosse Leidenschaft, genauer: Handball. In Suhr, wo die Familie wohnte, «kam man als Junger einfach nicht am Handball vorbei». Er begann am rechten Flügel des NLA-Clubs und spielte auf allen Positionen. «Wo immer man mich halt grad brauchte.»

Christoph Bopp bei einem Match für den HSC Suhr im Jahr 1978.

Christoph Bopp bei einem Match für den HSC Suhr im Jahr 1978.

Bild: zvg

Er war der Mann für alle Fälle, den man immer, wo eine Lücke war, einsetzen konnte. Genauso wie auf der Redaktion. Löcher tun sich auch in einer Zeitung immer wieder auf, oft spät abends. Bopp füllt sie zuverlässig, manchmal leise murrend, meist aber erfreut über die He­rausforderung.

Von Suhr wechselte Bopp später zum TV Zofingen, der ebenfalls in der Nationalliga A spielte und den er später dann auch trainierte. 1988 beendete er seine Handball-Karriere, doch zwei Jahre später liess er sich von Werner Locher überzeugen, beim TV Endingen sein Comeback zu geben. Das Surbtaler Dorf wurde zu seiner Heimat. Er zog hierher, heiratete eine Endingerin, mit der er zwei Töchter (heute 22- und 25-jährig) hat.

Die Leidenschaft Philosophie steht am Ende von Bopps journalistischer Laufbahn, die Leidenschaft Sport am Anfang. Ein Handballer-Kollege lotste ihn zu den «Luzerner Neusten Nachrichten», später war es sein Mannschaftskollege Hansruedi Hottinger, der im Herbst 1985 sagte, auch das «Badener Tagblatt» könne ihn gut brauchen. Bopp wechselte, weil er das Gefühl bekam, «die beim BT wollen mich wirklich».

Es gibt kaum einen Sport, den Bopp nie ausübte. Im Fussball brachte er den Gegner vor dem Tor zum Verzweifeln.

Es gibt kaum einen Sport, den Bopp nie ausübte. Im Fussball brachte er den Gegner vor dem Tor zum Verzweifeln.

Bild: zvg

Peter Wanners erste Anstellung

Der Transfer hat ein Stück weit zeitungshistorische Dimension: Bopp war die erste Anstellung von Jung-Verleger Peter Wanner, der in jener Zeit mehr und mehr Aufgaben von seinem Vater übernahm. Ganz ohne dessen Plazet ging es aber nicht. «Wir mussten noch kurz zu Otto rauf», erinnert sich Bopp.

Jahrelang machte er einen Doppeljob – Journalist im Haupt- und Handballer im Nebenamt. Nach den Trainings sauste er in die Redaktion, wo er den Abschlussdienst versah. Auch übernahm er fast alle Sonntagsdienste, um Freitage zu gewinnen für seine Spieleinsätze.

Die Nummer 14, Bopp, war als Flügel immer torgefährlich.

Die Nummer 14, Bopp, war als Flügel immer torgefährlich.

Bild: zvg

Später, nach seiner Handballer-Zeit, übernahm Bopp im Hause Wanner die unterschiedlichsten Funktionen. Mal Chef vom Dienst, mal Newsdesk-Redaktor, mal Leiter der «AZ am Wochenende» – und zuletzt Redaktor im Ressort Leben und Wissen. Wo immer man ihn gerade brauchte.

Christoph Bopp (2. v. links) ist auch Gründungsmitglied der AZton, der anlässlich einer Badenfahrt gegründeten Hausband der Aargauer Zeitung.

Christoph Bopp (2. v. links) ist auch Gründungsmitglied der AZton, der anlässlich einer Badenfahrt gegründeten Hausband der Aargauer Zeitung.

Bild: Alex Spichale

Als «verrückteste Zeit» beschreibt Bopp die Phase nach der Fusion von «Aargauer Tagblatt» und «Badener Tagblatt» zur «Aargauer Zeitung» 1996. Im Nu musste ein neues Layout her, die Technik wurde umgestellt, und logisch, wen man dafür unbedingt brauchte: Christoph Bopp, zusammen mit Roman Würsch und Franz Schobner. «Da hatte ich während zwölf Monaten keinen Tag Ferien», sagt er.

Die Medienbranche hat sich seit seinem Einstieg enorm verändert. «Ich habe nicht immer jubiliert, aber es war bereichernd, was ich alles machen durfte, ich war immer auf Trab», sagt er, der Mann für alle Fälle.

Einige der Texte von Christoph Bopp finden Sie hier:

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