Innere Uhr
Der helle Mond hält uns wach

Vor dem Vollmond schlafen nicht nur Naturvölker weniger, sondern auch Stadtbewohner. Vermutlich ein Überbleibsel aus Urzeiten.

Roland Knauer
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Die Mondphasen scheinen unsere inneren Rhythmen immer noch zu beeinflussen, obwohl das Licht des Mondes mittlerweile durch künstliche Beleuchtung weit überstrahlt wird.

Die Mondphasen scheinen unsere inneren Rhythmen immer noch zu beeinflussen, obwohl das Licht des Mondes mittlerweile durch künstliche Beleuchtung weit überstrahlt wird.

Bruno Kissling

Unsere innere Uhr ist am natürlichen Rhythmus der Sonne geeicht. Weniger einig sind sich die Biologen hingegen, ob auch der Mond als zweiter grosser Taktgeber am Himmel eine Rolle spielt. Die Ergebnisse aus der Wissenschaft sind widersprüchlich. Das Max-Planck-Institut in Deutschland konnte 2014 beispielsweise in einer grossen Studie aus bestehenden Daten keinen Einfluss des Mondes auf den menschlichen Schlaf belegen. Möglicherweise ist aber doch was dran, wenn Eltern auf den «Vollmond» verweisen, wenn die Kinder abends überaktiv sind. Oder Erwachsene selbst unter Schlaflosigkeit leiden.

In der Zeitschrift «Science Advances» zeigt jedenfalls eine neue Studie, dass der Mond Einfluss hat: Eine Gruppe um Horacio de la Iglesia von der University of Washington rüstete 98 Menschen vom Volk der Toba in Argentinien und 464 Studenten in der US-Metropole Seattle mit kleinen Geräten aus, die wie eine Uhr am Handgelenk getragen wurden und während ein bis zwei Monaten die Bewegungsaktivitäten aufzeichneten.

Der Rhythmus veränderte sich deutlich mit den Mondphasen: Wenn am Abend der zunehmende Mond am Himmel stand, waren die Menschen in den Dornbusch-Savannen des Gran Chaco in Argentinien am Abend länger aktiv und schliefen weniger als in den Zeiten rund um den Neumond. Die Phase mit wenig Schlaf begann ungefähr mit dem Halbmond und erreichte ihren Höhepunkt drei bis fünf Tage vor Vollmond.

Dieser Rhythmus findet sich auch in kleinen Städten mit Stromversorgung. Allerdings verringert die nächtliche Beleuchtung den Einfluss des Mondscheins: Ohne künstliches Licht schliefen die Menschen in Neumondnächten durchschnittlich 25 Minuten länger als bei Vollmond, während die Bewohner einer gut beleuchteten Kleinstadt sich nur 11 Minuten mehr Schlaf gönnten.

Auch in einer Grossstadt war die Schlafdauer anders

Zur Überraschung der Forscher aber folgten auch die Studenten im gut beleuchtetem Seattle dem Rhythmus des Mondes, gingen in den Nächten wenige Tage vor Vollmond später ins Bett und schliefen weniger. Dabei leuchtet des Kunstlicht in den Studentenvierteln von ­Seattle auch bei Neumond deutlich heller als der Vollmond über den Toba-Dörfern.

Das stützt eine Theorie der Forscher, dass der Mond-­Rhythmus ein Relikt in unserem Erbgut beziehungsweise unserer inneren Uhr aus alten Zeiten ist, in denen die Menschen ohne Kunstlicht lebten: Wenn die Dämmerung langsam in die Nacht überging, war es zum Jagen und zum Sammeln zu dunkel und wegen hungriger Raubtiere gefährlich. Nur beim Schein des zunehmenden Mondes konnten die Menschen länger aktiv sein. Der abnehmende Mond scheint zwar ähnlich hell wie der zunehmende, nur ist sein Licht nicht hell genug, um einen schlafenden Menschen zu wecken. Deshalb verlängern nur die hellen Abende vor dem Vollmond die Aktivitätsphasen, nicht aber die hellen Morgen bei abnehmendem Mond.

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