Revival
Jackie Kennedy und Elton John lieben sie schon lange: Jetzt haben auch Designer die fette Brille entdeckt

XXL-Sonnenbrillen feiern ein Revival. Man kann sich damit vor der Sonne schützen und endlich auffällig unauffällig durchs Leben gehen.

Helen Lagger
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Helen Lagger

Als Jackie Kennedy durch das Attentat von 1963 schlagartig zur Witwe wurde, trauerte sie um ihren Mann medienwirksam und mit Stil. An der Beerdigung versteckte sie ihr Gesicht hinter einem Schleier, später wurde die Sonnenbrille ihr wichtigstes Accessoire, um sich und ihr Privatleben zu schützen. In den Siebzigerjahren trug sie besonders grosse Modelle und kreierte damit einen ihrer vielen ikonischen Looks.

Die übergrosse XXL-Brille, ursprünglich ein Schutz vor den Paparazzi, wurde Jackie Kennedys Markenzeichen.

Die übergrosse XXL-Brille, ursprünglich ein Schutz vor den Paparazzi, wurde Jackie Kennedys Markenzeichen.

Getty

Nun sind die XXL-Brillen gemeinsam mit dem 70er-Revival zurück. Eben noch wollten Fashion-Bloggers den Trend etablieren: je kleiner, desto hipper. Bei dem Trend gab es zwei Probleme: Erstens sehen nur wenige Menschen damit halbwegs attraktiv aus, und zweitens stellt sich die Frage, ob ein so kleines Modell – das meist tief auf der Nase liegt – überhaupt ausreichend vor der Sonne schützt.

Nun gilt endlich wieder das Gegenteil: Es gibt keine zu grossen Brillen, höchstens zu kleine Köpfe! Regelrecht geklotzt wurde bei der Gucci-Modeschau an der Mailänder Fashion Week. Die Sonnenbrillen waren riesig und polygonal, einige gar mit Plastikketten versehen, was technoid aussah. Chefdesigner Alessandro Michele zitierte die Siebziger- wie die Neunzigerjahre und liess seine Models über einen Runway gehen, der an Laufbänder, wie man sie in Flughäfen vorfindet, erinnerte. Seine Message: Der moderne Jetsetter geht mit diesen Statement-Brillen auffällig unauffällig durchs Leben und ist jederzeit vor Sonnenstrahlen geschützt.

Auch bei Fendi gingen die Models mit übergrossen Brillen im Oma-Stil über den Laufsteg. Viereckig und braun gescheckt – was mancher mit Bibliothekarinnen in Verbindung bringen mag – ist jetzt chic und wird in Capri oder Saint-Tropez getragen. Die Kreativdirektorin Silvia Venturini Fendi spricht von einer «sonnigen Laune», die sie inspiriert habe. Sie wolle mit ihrer Kollektion den angstfreien, von der Sonne geküssten Hochsommer feiern, den Italiener und Italienerinnen mit ihren langen Ferien im August besonders gut zu zelebrieren wüssten. Klar, dass da gilt: niemals ohne Sonnenbrille.

Die Vergangenheit neu interpretiert

Ein Pionier in Sachen grosse Sonnenbrillen war der französische Designer André Courrèges (1923–2016), der in den Sechzigerjahren futuristische Mode mit der Hilfe von moderner Technologie und neuen Materialien schuf. Seine mit streng geometrischen Mustern versehenen Sonnenbrillen waren unter anderem von der Op-Art (Optical Art) und der Weltraumforschung inspiriert. Sein weisses Outfit mit der markanten Sonnenbrille ist in die Modegeschichte eingegangen. Die scheidende Kreativdirektorin Yolanda Zobel sagt, sie arbeite Hand in Hand mit der Vergangenheit, ohne radikal anders sein zu wollen.

Die Courrèges-Sonnenbrille 2020 kommt deshalb in der Lieblingsfarbe von André Courrèges – ganz in Weiss – daher und wirkt auf eine zeitlose Art radikal modern. Wenn es nach dem Label Dolce & Gabbana geht, trägt frau kunterbunte mit Blumen versehene Statement-Brillen. Das Thema der Frühjahrs-Kollektion: «Wir sind im Dschungel!» Klar, dass auch in der Wildnis eine grosse Brille von Vorteil ist. Vorzugsweise kombiniert man ein eckiges Modell zu einem Kleid mit Zebramuster oder Leoprint.

Bestimmt Freude gehabt an der neuen Lust auf exzentrische Brillen hätte Peggy Guggenheim (1898–1979). Die amerikanische Kunstsammlerin und Mäzenin hatte mehrere Schwächen: Männer, Hunde, Kunst und Sonnenbrillen. Mit ihrer ikonischen Schmetterlingsbrille – eigentlich war die Form von Fledermausflügeln inspiriert – wurde sie zur Kultfigur.

Sie sammelte nicht nur Kunst: Peggy Guggenheim, hier 1953 in ihrer Wahlheimat Venedig, hatte eine Schwäche für Sonnenbrillen.

Sie sammelte nicht nur Kunst: Peggy Guggenheim, hier 1953 in ihrer Wahlheimat Venedig, hatte eine Schwäche für Sonnenbrillen.

Getty

Das oft kopierte Modell war ein Entwurf des Künstlers Edward Melcarth (1914–1973). Der bekennende Homosexuelle und Kommunist hatte die Brille eigens für die exzentrische Grande Dame geschaffen. Mit dieser Brille auf der Nase sah man Guggenheim durch ihre Wahlheimat Venedig gondeln.

Ähnlich wie im Fall von Jackie Kennedy ging es wohl darum, gleichzeitig aufzufallen und Distanz zu wahren. Einen starken Hang zu flamboyanten Brillengestellen hat bekanntlich Sir Elton John, König der Sonnenbrillen, der seit den Siebzigerjahren auf Glitter und Farben setzt. Der Rocket Man besitzt angeblich eine Sammlung von mehreren hundert Exemplaren in allen Formen und Farben. Gerüchten zufolge besteht Elton John bei seinen Tourneen auf ein zusätzliches Hotelzimmer, das eine Temperatur zwischen 15 und 20 Grad Celsius haben muss und ausschliesslich für seine Sonnenbrillen gedacht ist. Ein bisschen Spleen darf sein. Denn wer so grosse Brillen trägt, hat den totalen Durchblick – zumindest was Mode anbelangt.

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