10. Oktober
Jeden Tag gibts mehrere Welttage: Nerven Sie sich auch?

Welt-Hunde-Tag, Welt-Orgasmus-Tag, Welt-Knuddel-Tag – muss denn jeder Tag ein Etikett tragen? Und wann wurde der erste Welttag bestimmt?

Alexandra Fitz
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Heute ist ein besonderer Tag. Denn am 10. Oktober feiern wir gleich mehrere Welttage. Den Welttag gegen die Todesstrafe, den Welttag der geistigen Gesundheit – und gleichzeitig – quasi zwei auf einen Streich – soll dann auch noch die seelische Gesundheit geehrt werden. Zudem sollten wir heute die Gläser auf die Wauwaus heben. Denn als ob drei nicht genug wären, kommt noch der Internationale Hundetag hinzu. In einem Forum ist zu lesen: «Am 10. Oktober feiern Hundefreunde in aller Welt ihren persönlichen Hundetag und schicken sich tierische Grüsse . . .» Wie feiert man so einen Tag? Mit Hundekuchen und Partyhütchen?

Die treuen Gefährten sollten doch jeden Tag wichtig für ihre Besitzer sein, nicht nur heute. Aber anscheinend ist das Bedürfnis gross, so manches an einem bestimmten Tag abzufeiern. Wie etwa Migräne oder Kautschuk. Absurd? Es geht noch unsinniger: Weltknuddeltag, Welttag der Feuchtgebiete, Tag der Minzschokolade, Tag der Schwertschlucker, Weltkrokettentag, Welttag des Purzelbaums, Internationaler Inkontinenztag, Tag der Zahngesundheit, Welt-Orgasmus-Tag – diese Aufzählung liesse sich unendlich fortführen.

Inflationäre Invasion

Welttage werden im Überfluss geboren und sind mittlerweile mehr zur Plage geworden, als dass sie irgendwem irgendwas irgendwie nützen. Die Globalisierung und vor allem das Internet haben dazu geführt, dass Vereine, Organisationen und nicht zuletzt PR-Agenturen sich immerzu neue (sinnlose) Juxtage ausdenken. So wollen sie sich rüsten und um mediale Aufmerksamkeit kämpfen. Im Internet kursieren etliche und vor allem sehr unterschiedliche Kalender. Schliesslich haben wir es hier nicht mit einer überprüfbaren Wissenschaft zu tun. Faktisch darf jeder seinen eigenen Welttag erklären – er muss nur für seine Bekanntheit sorgen.

Ob Welttage wirklich als PR-Massnahmen taugen, hängt laut Frank Bodin, Geschäftsführer der Werbeagentur Havas Schweiz, vom Inhalt ab: «Grosse Welttage haben ihre Berechtigung, aber geht es nur um Nonsens, funktioniert es meiner Ansicht nach nicht. Sie wirken sowieso nur für die involvierte Gemeinschaft. Aber nach aussen ist es mit einem Tag nicht getan, dann muss es schon mit einem Anliegen, einer Kampagne verknüpft werden», erklärt Bodin. Generell gelte: Der Tag soll eine breite Öffentlichkeit angehen. Sind es zu spezifische Interessen, ist es unsinnig. Mit länderspezifischen Tagen rund um Nischenthemen hat auch die Schweiz einiges anzubieten: Tag der Akupunktur (ins Leben gerufen von der Schweizerischen Berufsorganisation für Traditionelle Chinesische Medizin), Tag der Hochstamm-Obstbäume (für diese Aktion sind neben der Hochstamm Suisse gleich mehrere Akteure verantwortlich) und Tag der Atemtherapie (ausgetüftelt vom Berufsverband für Atemtherapie und Atempädagogik Ilse Middendorf).

Die UN als Vorreiter

Am 31. Oktober 1947 haben die Vereinten Nationen (UN) den ersten Welttag ausgerufen. Und zwar einen Welttag für sich selber. Die Mitgliedstaaten sollten ihn feiern und gleichzeitig die UN bekannt machen. Also auch damals schon war es eine PR-Massnahme. Heute, 63 Jahre später, feiern die UN und ihre Unterorganisationen etwa 70 Welt- und Internationale Tage. Der Grossteil nimmt sich bedeutender Themen oder aktueller Weltprobleme an. Dies muss wiederum nicht heissen, dass man sie alle kennt.

Der Frauentag (8. März) oder der Welt-Aids-Tag (1. Dezember), ausgerufen durch die Vereinten Nationen, sind weltweit bekannt. Aber haben Sie schon einmal vom Tag der Poesie oder vom Tag der Muttersprache gehört? Und ihn auch gebührend gefeiert?

Was hält die globale Organisation eigentlich von den Trittbrettfahrern? Corinne Momal-Vanian, Sprecherin der Vereinten Nationen in Genf, gibt auf Anfrage an, dass die UN natürlich keine Monopolstellung besässen, was die Benennung Internationaler Tage betreffe. Bei ihnen hätten die Beschlüsse über Welttage ein moralisches Gewicht. Zu anderen Welttag-Initiativen will sich die UN-Sprecherin nicht äussern.

Schokoladendrink-Tag

Etwas anders – aber vor allem witzig und kreativ – greift Munkels Tagfeierkalender dieses «Es-gibt-für-alles-einen-Tag-Phänomen» auf. Auf der Website tagfeierkalender.ch findet man einen Kalender, der täglich einen guten Grund angibt, diesem Tag Bedeutung zu verleihen und ihn zu einem Feiertag zu machen, oder gar einen humorvollen Ratschlag. Beispiele sind etwa der Schokoladendrink-Tag, der Positive Thinking Day oder der Tipp «Lerne (d)einen Nachbarn kennen».

Ob offiziell oder nicht, ob bekannt oder nicht, ob sinnvoll oder nicht – Welttag ist nicht gleich Feiertag. Unser Arbeitsleben wird natürlich nicht beeinflusst, denn sonst hätten wir wahrhaftig ein Problem. Man stelle sich vor: Wir würden tagtäglich mit Hundekuchen und Partyhütchen feiern, dann könnten wir unsere Gläser ziemlich schnell auf die wirtschaftliche Katastrophe heben.

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