Religion
Jerusalem-Ritter und Einsiedeln-Fan: Ein Benediktiner wird Patriarchalvikar in Israel

Der Benediktiner Nikodemus Schnabel (42) hat eine schwierige Zeit in seinem Leben in Einsiedeln verarbeitet. Nun hat Patriarch Pizzaballa den Deutschen zum Patriarchalvikar in Jerusalem ernannt. Die Liebe zu Einsiedeln bleibt.

Interview Raphael Rauch, kath.ch
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Pater Nikodemus Schnabel erinnert sich gern an seine Zeit im Kloster Einsiedeln zurück.

Pater Nikodemus Schnabel erinnert sich gern an seine Zeit im Kloster Einsiedeln zurück.

Bild: Pascal Nowak/Lamalo Consulting GmbH

Der Benediktiner Nikodemus Schnabel ist Mönch der Dormitio-Abtei in Jerusalem, promovierter Liturgiewissenschafter und Ostkirchenkundler. Er ist Direktor des Jerusalemer Instituts der Görres-Gesellschaft und Studienpräfekt des Theologischen Studienjahrs Jerusalem. Von 2016 bis 2018 war er Prior-Administrator seiner Abtei. Ende 2019 war er für fünf Wochen in Einsiedeln. Nikodemus Schnabel moderiert im ZDF unter anderem die Sendung «Ein guter Grund zu feiern», ist in den sozialen Medien aktiv und hat vor wenigen Wochen das Buch herausgegeben: «#FragEinenMönch: 100 Fragen (und unzensierte Antworten)», erschienen im Adeo-Verlag.

Es gibt viele Benediktiner-Klöster auf der Welt. Jede Abtei ist einzigartig. Warum lieben Sie gerade Einsiedeln?

Nikodemus Schnabel: Ich liebe nicht nur Einsiedeln, sondern vor allem meine Abtei in Jerusalem, die Dormitio. Und ich liebe Stadtklöster, etwa in Wien oder in München. Jedes Kloster hat seinen eigenen Charme. Aber Einsiedeln ist ein ganz kostbarer Ort.

Warum?

Es ist selten, dass ein Kloster so eine Strahlkraft hat und über die Landesgrenzen hinaus wirkt. Aber natürlich hängt meine Liebe zu Einsiedeln auch damit zusammen, dass ich hier eine gute Zeit hatte. Ich durfte hier mitleben, mitbeten, Kraft tanken. Auf Neudeutsch würde man sagen: Einsiedeln ist ein Kraftort. Ich bin manchmal aber gerne altmodisch und finde: Einsiedeln ist ein wunderbarer Gnadenort.

Sie kamen nach Einsiedeln in einer schwierigen Zeit: Sie mussten eine herbe Niederlage verarbeiten. Sie waren Prior-Administrator der Dormitio in Jerusalem, wurden dann aber von Ihren Mitbrüdern nicht im Amt bestätigt. Danach haben Sie als Berater für Religion und Aussenpolitik im Auswärtigen Amt in Berlin gearbeitet.

Das Kloster in Einsiedeln hat mir geholfen, runterzukommen, alles zu verarbeiten und mich neu und hoffnungsvoll auszurichten. Ich habe hier eine Kombination aus Exerzitien und Urlaub gemacht und konnte mich vom Gebet tragen lassen. Das war eine sehr gute Zeit, auf die ich voller Dankbarkeit zurückschaue.

Können Sie mit der Schwarzen Madonna etwas anfangen?

Ich bin ein ganz grosser Fan der Schwarzen Madonna. Sie hat gerade aufgrund der Rassismus-Debatte, besonders auch im Rahmen der Black-Lives-Matter-Bewegung, eine neue Aktualität bekommen. Für mich ist die Schwarze Madonna der beste Impfstoff gegen Rassismus. Viele denken ja, wir hätten die Weisheit mit Löffeln gegessen, und behaupten: «Der Islam braucht eine Aufklärung, oder die Ostkirchen brauchen eine Aufklärung. Aber doch nicht wir!» Aber natürlich brauchen auch wir eine Aufklärung – aber anders als viele denken. Die unselige Vorstellung, Menschen in Rassen einzuteilen, war eine Idee der Aufklärung.

Warum finden Sie, die Schwarze Madonna hat in der Rassismus-Diskussion etwas zu sagen?

Anders als unsere angeblich so aufgeklärte Welt ist die Schwarze Madonna herrlich unaufgeklärt. Sie ist ein Statement gegen die westlich-bornierte Arroganz, in der man meint, die Wahrheit gepachtet zu haben. Ein Marienwallfahrtsort ist ja für einen ­sogenannten aufgeklärten Menschen ein Albtraum. Die Schwarze Madonna lehrt uns Demut – und dass wir ständig unser Denken, unsere Kategorien hinterfragen und Schubladen überwinden müssen.

Welches Alleinstellungsmerkmal hat Einsiedeln?

Wie kaum ein Kloster gelingt es Einsiedeln, Tradition und Moderne zu verbinden. Auf der einen Seite ist Einsiedeln ein klassischer katholischer Wallfahrtsort mit allem, was dazugehört. Auf der anderen Seite ist Einsiedeln kein nostalgisches Konservatorium. Das Kloster hat mit Urban Federer einen Abt, der darauf achtet, Impulse in wissenschaftlich-kulturellen Fragen zu geben. Noch dazu kommt er auf Instagram gut rüber (lacht). In Einsiedeln kann man auf moderne Art fromm sein. Das gefällt mir.

Zum Beispiel?

Die Beichte hat in manchen Kreisen einen schlechten Ruf. Die Leute verbinden damit Schuld, Sühne, Strafe, unangenehme Gespräche. Dabei ist die Beichte eine wunderbare Form von Seelsorge. Sie will den Menschen das Leben leichter machen, nicht schwerer. Viele ­Diözesanpriester klagen mir ihr Leid und sagen, dass die Menschen nicht mehr zur Beichte kommen. Einsiedeln zeigt, dass es auch anders geht. Hier kommen wildfremde Menschen zu den Leutpriestern zur Beichte. Dafür wird man doch Priester – für die Seelsorge.

Steht Einsiedeln auch im Vergleich mit anderen Klöstern in Europa gut da?

Bei uns Benediktinern gibt es asymmetrische Entwicklungen. Manchen Klöstern geht’s besser, anderen schlechter. Manche Totgesagte leben dabei länger, als man denkt. Einsiedeln ist exzellent aufgestellt – aber zum Glück ist es nicht das einzige Kloster in Europa, das blüht.

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