«Jung & Alt»-Kolumne
Wer bestimmt schon, was normal ist?

In der «Jung & Alt»-Kolumne schreibt unsere Autorin Samantha Zaugg alternierend mit Ludwig Hasler, Philosoph und Publizist, 76. Diese Woche denkt Zaugg über ihre Privilegien nach.

Samantha Zaugg
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Kinder starten nicht mit den gleichen Voraussetzungen ins Schulleben.

Kinder starten nicht mit den gleichen Voraussetzungen ins Schulleben.

Keystone

Lieber Ludwig

Du fragst, was ich in meiner Schulzeit gelernt habe. Zuerst einmal, was ich nicht gelernt habe: Latein. Darum musste ich nachschlagen, was das heisst, non scholae, sed vitae. Servicebeitrag für alle, die auch kein Latein können und zu faul waren zum Nachschauen: Nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernen wir.

Schon etwas gelernt. Wir machen gleich weiter und lernen zwei tolle neue Wörter. Die kann man super gebrauchen, um Kinder zu beschreiben. Das Erste ist «autochthon». Es kommt aus der Ethnologie, heisst in diesem Zusammenhang so viel wie: in diesem Land geboren, ohne Migrationshintergrund.

Das zweite Wort ist «neurotypisch». Ein neurotypisches Kind ist ein Kind, das gesund ist, Sozialkompetenzen leicht lernt, keine Lernschwäche oder körperliche Einschränkung hat. Moment mal! Warum brauchen wir jetzt diese neuen Begriffe? Mögen einige denken. Das sind doch einfach normale Kinder. Nicht so schnell! «Normal» ist ein schwieriger Begriff. Erstens ist er wertend und zweitens auch ein bisschen unsinnig. Wir wissen ganz genau, wie verschieden wir alle sind. Wer soll also bestimmen, was normal ist?

So. Nun, da wir die neuen Wörter kennen, geht’s weiter zum nächsten Thema. Zu meiner Schulzeit. Ich bin sehr gern zur Schule gegangen. Meistens jedenfalls. Ich bin gut klargekommen, ich fühlte mich willkommen und hatte eine gute Zeit.

Wegen dieser Erinnerungen war ich lange überzeugt, dass unser Schulsystem sehr gut ist. Irgendwann habe ich aber gemerkt, dass es einfach für manche Kinder sehr gut ist, weil es genau auf sie ausgerichtet ist. Auf solche Kinder, wie ich eins war. Wie sagt man diesen Kindern nochmals? Genau: autochthone, neurotypische Kinder. Gut gemacht! Sternchen ins Heft.

Für viele andere Kinder war es nicht so leicht. Wenn ich genauer zurückdenke, fällt mir ein, dass viele meiner Gschpönli Mühe hatten. Ich konnte Deutsch, hatte ein stabiles Umfeld, Hilfe bei den Aufgaben und Zugang zu einem Arbeitsplatz. All das hat meine Schulzeit ziemlich viel leichter gemacht. Das hat nichts damit zu tun, das, was ich erreicht habe, abzuwerten. Es heisst nur, anzuerkennen, dass ich einen leichteren Start hatte als andere.

Man sagt dem: seine Privilegien checken. Nicht so schön, der Prozess. Wäre cooler zu sagen, ich war besonders schlau. Aber das stimmt eben nicht. Privilegien zu erkennen, habe ich in der Schule gelernt: rückblickend zwar, aber immerhin.

Wie ist das bei Dir? Musstest Du auch schon unangenehm feststellen, dass manches für Dich leichter war, aus Gründen, die Du gar nicht beeinflussen konntest?

Samantha

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