Kolumne
«Glamour, mon amour»: Die Welt von unten

Unsere Autorin Simone Meier fragt sich diese Woche, weshalb Hunde in letzter Zeit so geschrumpft sind – und überlegt, wie die Welt von deren Blickwinkel wohl aussieht.

Simone Meier
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Welsh Corgie Hunde bleiben ein Leben lang klein.

Welsh Corgie Hunde bleiben ein Leben lang klein.

Bild: Wikimedia / Pmuths1956

Es war Samstagnachmittag, ich stand auf dem Ellipsentrainer meines Fitnesszentrums oder Body-Konfigurations-Instituts oder Dynamic-Movement-Gyms oder wie auch immer sich das jetzt nennt. Ich trat vor mich hin, die Maschine übersetzte mich in Zahlen, ich machte 1250 Schritte in 10 Minuten und verbrauchte 108 Kalorien. Ich bin mir sicher, dass Ihre Zahlen in dieser Hinsicht weit besser sind als meine, aber im Gegensatz zu Ihnen, in denen sich mannigfache Federers, Gut-Behramis und Russis verbergen, bin ich auch ein unsportlich geborener Mensch.

Es war eine ausnehmend strenge Woche gewesen und sie war auch noch nicht zu Ende, die Stunde im Fitnesszentrum war die erste Pause, und ich versuchte mich zu erinnern, was genau ich in dieser Woche alles getan hatte. Und was ich gegessen hatte. Und konnte mich nicht daran erinnern. Obwohl Essen zu den Eckpfeilern meines Lebens gehört. Ganz im Gegensatz zu Sport. Ich fand es eine Schande, dass ich mich nicht mehr daran erinnerte, erstens, weil das bedeutete, dass ich gegessen hatte, ohne mich darauf zu konzen­trieren, was ungesund ist, zweitens, weil Menschen dieses Essen gekocht und sich damit Mühe gegeben hatten. Aber das Einzige, was mir in den Sinn kam, waren Erdnüsschen.

Ich verbrachte also eine Stunde damit, zu treten, zu heben und zu stossen, ich schaute dabei aus dem Fenster und auf die Stadt hinunter, ich sah, dass die Rückseite der beiden Bronze-Seelöwen in einem Brunnen grün angelaufen war, ich sah die Polizei mit einem Wasserwerfer die Strasse hinab und in die Richtung einer Demonstration in der Innenstadt rasen. Und ich sah viele Menschen mit sehr kleinen Hunden.

Ist Ihnen auch schon aufgefallen, wie sehr Hunde in letzter Zeit geschrumpft sind? Haben Sie sich auch schon mal gefragt, wie so ein Bonsaihund die Welt sieht? Ein Mensch entwächst der Wahrnehmung der Welt von unten relativ schnell. Er wird grösser und die Welt wird kleiner. Eine Katze kann klettern. Aber der kleine Hund wird zeit seines Lebens unter Tischen und Stühlen liegen und von seinen Besitzerinnen und Besitzern in erster Linie ihre Füsse und Beine wahrnehmen.

Stellen Sie sich einmal das Leben der Corgies auf den diversen Schlössern der Queen vor. Wie sie die ganze Monarchie von unten erleben. Quasi aus der Staubsaugerperspektive. Doch im Gegensatz zu normalen Staubsaugern werden den Corgie-Staubsau­gern gewiss vorzügliche Mahlzeiten aufgetischt. Ich sehe da ganz plastisch Reste von royalem Wildbret vor mir.

Apropos Essen: Jetzt weiss ich wieder, was die Höhepunkte der letzten Tage waren! Thailändische Reisnudeln, köstliche Kastaniensuppe, Zitronenrisotto, Regenbogenforelle en papilotte, Amaretti mit stark alkoholisierter Buttercreme aus der italienischen Traditions-Konditorei und ein ausgezeichnetes Haselnuss-Makrönli. Ich bedanke mich bei allen Köchinnen und Köchen. Und bin schon ganz gespannt, was es denn nächste Woche alles gibt. Mit etwas Glück vielleicht ein Stück Wildbret.

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